Auf einem Staatsgemälde des Hofmalers Welcker (links) lies sich der Hanauer Graf in königlicher Würde malen. Dort wo einst der Graf seine Kolonialträume verwirklichen wollte, startet heute Ariane. Fotos: Kurz/pixabay

Hanau

Vor 350 Jahren scheiterte das Kolonialabenteuer Hanauisch-Indien

Hanau. Ein Leserbrief im HA thematisiert ein Stück vergessen geglaubter Hanauer Geschichte: Vor 350 Jahren, so ruft Klaus Dippel in Erinnerung, sei der Graf von Hanau in den Besitz einer Kolonie in Westindien gekommen.

Von Werner Kurz

Zumindest auf dem Papier. Denn am 24. Juli 1669 wurde in Den Haag ein Vertrag unterzeichnet, in dem die Niederländische Westindische Compagnie dem Grafen Friedrich Casimir von Hanau-Lichtenberg „zu ewigem Lehen“ ein Stück Landes an der Karibikküste des südamerikanischen Kontinents überließ. Eben jenes „Königreich Hanauisch-Indien“, welches dem Hanauer zu Reichtum, aber auch Ansehen, Ehre und Einfluss bei seinen Standesgenossen verhelfen sollte. Das Abenteuer, ein solches war das Unternehmen, ging indes schief.

Der Erwerb überseeischer Kolonien, sei es durch Eroberung oder Kauf, gehörte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sozusagen zum guten Ton unter den Fürsten Europas. Der Hanauer Friedrich Casimir (1623 bis 1685), seit 1642 Regent der fortan vereinigten und nicht unbedeutenden Grafschaften Hanau-Lichtenberg und Hanau-Münzenberg, hätte noch eins drauflegen können: Es waren nämlich zur gleichen Zeit auch die Kurfürsten von Mainz, Bayern und Brandenburg, mithin beste Gesellschaft, mit der holländischen Compagnie ins Geschäft gekommen.

Agieren ohne jegliche Kontrolle

Diese Handelsgesellschaft wiederum agierte – wie auch ihre Schwester die Ostindien-Compagnie – nahezu ohne jegliche Kontrolle als eine Art internationaler Konzern, war mit weitgehenden Befugnissen ausgestattet wie der Aufstellung eigenen Militärs oder eigenem Münzrecht. Und, dies bleibt häufig unerwähnt bei der Beschäftigung mit dem 17. Jahrhundert, Holland war damals, gestützt auf diese starken Handelskompagnien, die führende Seemacht. Spaniens Stern war längst im Sinken begriffen und England noch weit davon entfernt, über die Meere zu herrschen.

Der Graf von Hanau war ‧also mit einer Weltfirma in ‧Geschäft gekommen – Google und Amazon vor 350 Jahren! Und wo sich wirtschaftlicher Wildwuchs ungehindert ausbreiten kann, da treten heute wie damals dubiose Figuren auf, die angesichts fehlender Transparenz in der Sache und mangelnder Kompetenz bei den „Investoren“ mit „Beratung“ ihr ganz eigenes Süppchen kochen.

Ein solcher Anlageberater war der Doktor Johann Joachim Becher (1635 bis 1682). In Mainz hatte er Medizin studiert, war dort 1657 promoviert worden und erhielt eine Professur. Der – katholische – Kurfürst richtete ihm ein Labor ein, auf dass er sich dort auf allerlei alchemistischen Wegen an der Goldmacherei versuchen konnte.

Becher verfügte aber nicht nur über umfassende Kenntnisse in den Naturwissenschaften, sondern auch in der Juristerei und den Staatswissenschaften war er firm. Nachdem er in Mainz wegen des ausbleibenden Goldsegens aber bald nicht mehr gefragt war, wechselte er mainaufwärts nach Hanau, wo der ehrgeizige Landesherr Friedrich Casimir von Hanau-Lichtenberg davon träumte, seine Residenzstadt zu einem Zentrum der Künste und der Wissenschaft zu machen.

Mit "Berater" J. J. Becher startet Abenteuer

Beraten ließ er sich dabei unter anderem von eben jenem Johann Joachim Becher. Es sollte in Hanau eine neuartige „Wissensakademie“ mit Namen „Sophopolis“ entstehen, daran angeschlossen eine Kunst- und Naturaliensammlung, ein „Theater der Natur und Kunst“.

Gerhard Bott, der sich um Hanaus Geschichte vielfach verdient gemacht hat, unternahm vor einigen Jahren den Versuch einer Ehrenrettung für den umstrittenen Grafen und bescheinigte diesem, seine Projekte „ . . . entsprachen dem Weltbild eines offenen und neugierigen Mannes der Frühaufklärung, der . . . die Länder Westeuropas kennengelernt und die Geistesströmungen seiner Zeit übernommen . . .“ habe. Allerdings kosteten solche Projekte auch Geld, und das war in der Grafschaft Hanau knapp.

Zum einen waren die Kosten vor den gerade einmal vor zwei Dekaden beendeten Dreißigjährigen Krieg noch nicht abgetragen, zum zweiten befand sich Friedrich Casimir seit dem Antritt der Regentschaft in einer misslichen Lage bezüglich der Religionsausübung in der Grafschaft. Während man im Elsass, in Friedrich Casimirs Stammland Hanau-Lichtenberg, lutherisch betete, hing man in den münzenbergischen Landen in der Wetterau der reformierten Lehre an.

Der „scharfe calvinistische Wind“, den der Historiker Fried Lübbecke der Grafschaft Hanau-Münzenberg bescheinigte, blies dem kunstsinnigen und auch auf eine standesgemäße Repräsentation pochenden jungen Grafen bald kräftig ins Gesicht. So beließ er rund um Hanau alles, wie es war, schuf aber überall neben den bestehenden reformierten auch lutherische Einrichtungen, also Kirchen, Pfarrhäuser und Schulen mit dem entsprechenden Personal. Solche Doppelstrukturen kosten aber nicht wenig Geld.

Verhandlungen mit Vollmacht des Grafen

Da versprach der „Berater“ Dr. J.J. Becher Abhilfe: Anfang 1669 fädelte er den Erwerb des Königreichs Hanauisch-Indien ein und führte auch die entsprechenden Verhandlungen mit Vollmacht des Grafen. Nicht nur den Kaufpreis sollte das neue Königreich kurz über lang wieder einspielen, nein, die zu erwartenden unermesslichen Schätze sollten der Grafschaft eine goldene Zukunft sichern. Soweit die Theorie und die Lage vor der Unterzeichnung des Vertrages über den Kolonialerwerb.

Aber auch wenn der Graf von Hanau ein mächtiger Mann in seinem Lande war, so ganz allein konnte er über solche finanziellen Kraftakte auch nicht entscheiden. Da waren ja auch noch Ehefrau, potenzielle Erben, die Geistlichkeit und die eigenen Räte, die da ein Wörtchen mitzureden hatten oder dies zumindest glaubten. Es bedurfte also geschickter Finanzierung und klugen Marketings, sollte das Projekt gelingen.

Noch im Sommer setzte Becher eine Landkarte des künftigen Königreichs in Umlauf, damit zumindest auf dem Papier dessen Dimension und die gräflichen Ansprüche sichtbar würden. Nach und nach kamen dann aber Details der Pläne ans Licht, was unverzüglich die Verwandtschaft auf den Plan rief. Sie fürchtete um nichts weniger als den Bestand der Grafschaft, sollte das Abenteuer schiefgehen.

Da verfasste J. J. Becher eine Streitschrift, die zur Frankfurter Herbstmesse 1669 herauskam und die ziemlich von oben herab die Kritiker des Projekts als wenig weltoffene, rückwärtsgewandte und fortschrittsfeindliche Kräfte darstellte, welche den hanauischen Landen einen goldene Zukunft verweigerten. Das machte aber die Lage nicht einfacher.

Üppige Geschenke an die Wunderkammer

Durch üppige Geschenke an die Wunderkammer Kaiser Leopolds glaubte sich Friedrich Casimir in der besonderen Gunst des Herrschers. Doch er schätzte nicht nur den Kaiser falsch ein, sondern vor allem die nicht unerhebliche Opposition im Inneren. Schon lange stand der Vorwurf der Verschwendung im Raum.

Als sich Friedrich Casimir 1664 den standesgemäßen Aufenthalt auf dem Regensburger Reichstag 4000 Gulden kosten ließ, sah die gräfliche Familie schon den Staatsbankrott kommen. Tatsächlich galt, dass kein Regent die Grafschaft in ihrer materiellen und territorialen Substanz mindern dürfe. Gegen beide Grundsätze verstieß Friedrich Casimir, wie wir noch sehen werden.

Auch war die Ehe des Grafen mit seiner 20 Jahre älteren Gattin Sybille Christine kinderlos geblieben; misstrauisch hatten seine Brüder und Neffen ihr potenzielles Erbe im Blick. Derweil konnte Friedrich Casimir durchaus Erfolge vorweisen. Die Hanauer Wirtschaft begann gerade wieder zu florieren, etwa durch die 1661 gegründete Fayencemanufaktur. Das Bildungswesen blühte, die Hohe Landesschule war dabei, sich zur Universität zu entwickeln. Namhafte Gelehrte, Kapazitäten ihres Fachs, lebten hier, wie der Botaniker Rumphius oder der Arzt de la Boe. Doch die Hanauer „Opposition“ hielt dagegen, allen voran die Gräfin.

Sie hintertrieb beispielsweise die Erlangung des Promotionsrechts für die Hohe Landesschule, mithin deren Universitätsstatus, indem sie dies als „Spinnerei“ abtat und die Zahlung von 600 Gulden an den Kaiser für dessen Beurkundung verhinderte. Was hätte die gute alte Hola ohne Sybille Christine für eine Zukunft haben können?!

Eskalation gegen Ende des Jahres 1669

Die Sache eskalierte dann gegen Ende des Jahres 1669, das als das „Hanauer tolle Jahr“ in die Annalen einging: Für die Finanzierung seiner Kolonie, die ihn zum „König von Schlaraffenland“ machen werde, wie seine Kritiker spotteten, ging Friedrich Casimir nämlich voll ins Risiko: Für sein „Hanauisch Indien“, den etwa 100 Kilometer langen und 30 Kilometer tiefen Landstreifen an der Küste des heutigen Französisch Guyana, verpfändete er gegen alle Hausgesetze das hanauische Amt Rodheim in der Wetterau für 20 000 Gulden an den Landgrafen Georg Christian von Hessen-Homburg (1623 bis 1677).

Dieser, eine nicht minder undurchschaubare Figur wie Dr J.J. Becher, war als Söldnerführer in französischen und spanischen Diensten zu zweifelhaftem Ruf und Reichtum gekommen. Nach seinem Regiment Hessen-Homburg, in dessen Traditionslinie sich die Hanauer 166er-Infanterie sah, wurde übrigens 1935 auf Führerbefehl eine der Hanauer Eisenbahnerkasernen benannt. So ist heute diese anrüchige Figur Namenspatron des „Schulzentrums Hessen-Homburg“.

Georg Christian war einer jener „Fürsten ohne Land“ des 17. Jahrhunderts und spekulierte wohl auf ein Scheitern des gräflichen Projekts. So wollte er billig in den Besitz des Amtes Rodheim kommen. Auch fädelte er die Verpfändung eines Teils der lichtenbergischen Herrschaft an den Herzog von Lothringen ein. Casimir vertraute ihm offenbar so sehr, dass der Homburger während der geplanten ersten Reise des Grafen in die neuerworbene Kolonie schon als Administrator, also gräflicher Stellvertreter in Hanau, bestellt war. Das alles war nun der Verwandtschaft des Grafen zu viel.

Entziehung der Regierungsgewalt

Sie intervenierte erfolgreich beim Kaiser und die Grafschaft Hanau wurde kurzerhand im Spätherbst 1669 unter Kuratel gestellt, sprich: Friedrich Casimir wurde die Regierungsgewalt entzogen. Ein nach Hanau verlegtes kaiserliches Regiment verlieh dem Ganzen den nötigen Nachdruck.

Friedrich Casimir lebte fort‧an zurückgezogen, ohne seine Visionen verwirklicht zu haben. Er pflegte seine Korrespondenzen und seine Wunder- und Kunstkammer, deren Bestand nach seinem Tod erst in Vergessenheit geriet und nach dem Tod des letzten Lichtenbergers 1736, wie die ganze Grafschaft, zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt aufgeteilt wurde. Auf diesem Weg kam auch das einzige sichtbare Zeugnis dieser Kolonialträume, ein Staatsgemälde des Hofmalers Welcker, welches allegorisch Friedrich Casimir als König zeigt, erst nach Darmstadt und dann nach Karlsruhe.

Auf den Boden von Hanauisch-Indien, heute französisches Übersee-Departement und mit Kourou europäischer Weltraumbahnhof, hat übrigens nie ein hanauischer Untertan den Fuß gesetzt – bis 1959 der Hanauer Lokalhistoriker Ferdinand Hahnzog (1897 bis 1968) nach 14-tägiger Seereise als erster Hanauer Französisch-Guyana betrat. Hanauische Spuren hat er dort nicht gefunden. Wie sollte er auch?

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