"Danzig ist heimgekehrt – Der Führer sprach heute im Reichstag": Mit diesem Aufmacher berichtete der HA am 1. September über den Kriegsausbruch. Repro: Werner Kurz

Region Hanau

80 Jahre Kriegsausbruch: Hanau zwischen Kriegsangst und Ablenkung

Region Hanau. Am morgigen Sonntag ist es 80 Jahre her, dass die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nahm: Mit den Worten „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“ hatte der „Führer“ und deutsche Reichskanzler Adolf Hitler buchstäblich den Startschuss für den Zweiten Weltkrieg gegeben.

Von Werner Kurz

Mit einem fingierten Angriff auf den Reichssender Gleiwitz hatte sich Deutschland selbst einen Vorwand verschafft, gegen Polen militärisch loszuschlagen. Die Folgen sind bekannt.

In Hanau wie im ganzen Deutschen Reich wollte darüber indes keine rechte Begeisterung ausbrechen. Zu deutlich standen die Zeichen schon seit der Machtübernahme der Nazis sechs Jahre zuvor auch in der Garnisonsstadt Hanau auf Krieg. Die militärische Präsenz war unübersehbar, seit 1935 mit dem offenen Bruch des Versailler Vertrages aus der entmilitarisierten Stadt wieder ein Militärstandort ersten Ranges geworden war.

Der Bau des Fliegerhorsts Langendiebach als Teil der Hanauer Garnison und die Errichtung der Kasernen in Wolfgang mussten auch dem gutgläubigsten Zeitgenossen klar werden lassen, dass Deutschland mitnichten ein „Staat des Friedens und der Arbeit“ sei, wie die NS-Propaganda behauptete.

25 Jahre zuvor zog Garnison Hanau in den Ersten Weltkrieg

Überdies war es gerade einmal 25 Jahre her, dass sich die Garnison Hanau schon einmal aufmachte, in einen Krieg zu ziehen. Die Generation von 1914 hatte noch allzu gut in Erinnerung, was sich in den Schützengräben aller Fronten abgespielt hatte. Ganze Schülerjahrgänge waren von der Front nicht zurückgekehrt. Nicht wenige, die dem „Stahlgewitter“ entkommen waren, hatten Schaden genommen an Leib und Seele. Und auch wenn nach 1933 die zusammengetrommelten Massen dem Führer zujubelten, Krieg wollten die Menschen in Deutschland lieber nicht noch einmal.

Von einer Kriegseuphorie wie 1914, als die Hanauer den über die Nürnberger Straße ausmarschierenden Soldaten noch Blumen zuwarfen, konnte im Spätsommer 1939 wahrlich nicht gesprochen werden. War man ein Vierteljahrhundert vorher begeistert ausgezogen, „siegreich Frankreich zu schlagen“ und „im Herbst, wenn die Blätter fallen“, wieder zu Hause zu sein, wie Kaiser Wilhelm II. versichert hatte, so war diesmal alles anders.

Keine Kriegseuphorie wie 1914

1914 war das Kaiserreich eigentlich nicht auf einen längeren Krieg vorbereitet. Die Kapazität der Munitionsfabriken wie beispielsweise der Pulverfabrik in Wolfgang war keineswegs ausreichend für einen länger dauernden Krieg.

Daraus hatte man im Dritten Reich Konsequenzen gezogen: Faktisch seit der Machtübernahme war die deutsche Wirtschaft auf die Wiederaufrüstung ausgerichtet. Und wer aufmerksam den Gang der Politik verfolgte, der musste zu der Erkenntnis kommen, dass dieses System auf einen Krieg hinausläuft. Die Frage war eben nur wann.

Den Alltag der Hanauer hatten die Nationalsozialisten fest im Griff. Das gesamte öffentliche Leben wurde zu einer Propagandaveranstaltung. Hinzu kam, dass sich in der medialen Welt seit 1914 einiges getan hatte. Der Rundfunk war zum wichtigsten Propagandamittel geworden und von den Nazis geschickt eingesetzt.

Nationalsozialisten hatten den Alltag der Hanauer fest im Griff

Nicht zu unterschätzen war auch ein Medium, da damals noch in den Kinderschuhen steckte: Das Kino. Die „Wochenschau“ im Vorprogramm der Lichtspielhäuser transportierte die Kriegsvorbereitungen, sprich: Aufrüstung, mit oft beeindruckenden Bildern. Die längst gleichgeschalteten Zeitungen taten ein Übriges, die Stimmung im Lande zu lenken.

Die war im Spätsommer zwiespältig. Vor allem, da das Wetter nicht das beste war. „Temperaturen niedriger als im März!“ meldete der HANAUER ANZEIGER Ende Juli. Die NSDAP hatte ein großes Kraft-durch-Freude-Fest auf den Mainwiesen organisiert, das trotz Dauerregens große Resonanz fand.

Der HANAUER ANZEIGER berichtete, Gäste seien gar aus Frankfurt per Schiff gekommen, und am Festsonntag hätten Pioniere der Garnison eine Ponton-Brücke zur Mosler’schen Badeanstalt (heute Nizza) auf der Steinheimer Mainseite geschlagen, die eifrig von den Hanauern benutzt worden sei. Ansonsten habe man bis weit nach Mitternacht gefeiert.

Zwischen Kriegsfurcht und Ablenkung hin- undhergerissen

So waren die Hanauer, wie die meisten Deutschen eher hin- und hergerissen zwischen Kriegsfurcht und Ablenkung. Ebenfalls großes Interesse fand wenige Tage nach dem KdF-Spektakel die Ausstellung eines schwarz lackierten Automobils auf dem Neustädter Marktplatz.

Es war der später VW Käfer genannte Kraft-durch-Freude-Wagen, den, so die Propaganda, alsbald jeder Deutsche sein eigen werde nennen können, so er denn regelmäßig darauf gespart hatte. Doch aus der Massenmotorisierung wurde nichts, denn mit dem Kriegsausbruch vier Wochen später wurde die Auslieferung des KdF-Wagens bis nach dem Endsieg verschoben.

Tagesgespräch Ende Juli war aber auch ein aufsehenerregender Prozess gegen eine Bande von Wilderern aus Marköbel, über den der HANAUER ANZEIGER berichtete. Die zehn Männer bekamen jeweils drei Jahre Zuchthaus. Zum Tode verurteilt wurde dagegen ein sogenannter Autofallensteller. Er hatte einen arglosen Autofahrer, der ihn mitgenommen hatte, ermordet und ausgeraubt. Reges mediales Interesse fand sowohl in den Zeitungen als auch im Rundfunk die Berliner Funkausstellung. Dort wurde in diesem Jahr dererste Fernsehempfänger vorgestellt.

Allgegenwärtige Propaganda

Überlagert wurden aber solche Themen von der allgegenwärtigen Propaganda. Einerseits wurde ordentlich gegen Polen, Großbritannien und Frankreich gehetzt, andererseits wollte man die Stimmung im Lande nicht allzu sehr verderben und hob dagegen in zahlreichen Zeitungsberichten die Schlagkraft der Wehrmacht hervor.

Am 2. August, dem Jahrestag des Kriegsbeginns von 1914, konnten die Hanauer vor dem Neustädter Rathaus den Großen Zapfenstreich erleben. Die Kapelle des „Ur-Hanauer“ Infanterieregiments 88 spielte unter anderem „Ich bete an die Macht der Liebe“. Vier Jahre später sollte nahezu das gesamte Regiment in Russland aufgerieben werden.

Am 8. August wurden Hanau und das Umland von einem Unwetter heimgesucht, welches enorme Schäden auf den Feldern und an Gebäuden anrichtete. Der HANAUER ANZEIGER berichtete von überfluteten Kellern und Straßen, umgestürzten Bäumen und verwüsteten Gärten. Die Hitlerjugend wurde zum Dienst bei den Aufräumarbeiten herangezogen.

In Wilhelmsbad wurde die Marschordnung geübt

Des Weiteren beschäftigte sich die Zeitung Anfang August mit der Teilnahme Hanauer Schmuckwarenhersteller an der bevorstehenden Leipziger Herbstmesse und den Vorbereitungen der NSDAP für den im September geplanten „Reichparteitag des Friedens“ in Nürnberg. Parteiformationen, Fahnengruppen und auch Abordnungen ausgewählter Hanauer Industriebetriebe übten in Wilhelmsbad schon einmal die Marschordnung.

Ein weiteres Highlight in jenem August war für die Stadt und die Presse der Durchzug einer HJ-Gruppe aus Köln, die am 16. August auf dem ihrem „Adolf-Hitler-Marsch“ in Hanau Station machte. Es gab einen Fahnenappell vor dem Altstädter Rathaus, worüber der Reichssender Köln in einer großen Reportage berichtete. Besonders stolz konnte Bürgermeister Juncker dabei die Vollendung der Altstadtsanierung hervorheben.

Die Nazis hatten 1936 verfügt, bei den seit dem 18. Jahrhundert schmucklos verputzten Häusern rund um den Altstädter Markt den Putz abzuschlagen und das Fachwerk sichtbar zu machen. Fachwerk – das sei eben die wahre deutsche Baukultur! Doch nur viereinhalb Jahre waren der neu erstandenen großdeutschen Pracht gegeben: Das, was man seit 1936 konsequent rund um den Altstädter Markt verwirklicht hatte und was heute noch vielfach das Bild vom „alten Hanau“ in der Öffentlichkeit prägt, ging im Feuersturm des 19. März 1945 binnen 20 Minuten wieder unter.

Hitler-Stalin-Pakt sorgte im roten Hanau für Irritationen

Am 22. August meinten viele Leser des HANAUER ANZEIGER ihren Augen nicht trauen zu können: „Nichtangriffspakt Deutschland – Rätebund!“ lautete die Schlagzeile. Gemeint war der Hitler-Stalin-Pakt. Welch eine Wendung! Waren nicht bislang die Bolschewisten der erklärte Feind der Nationalsozialisten? Gerade im „roten“ Hanau, wo doch viele Sozialdemokraten und Kommunisten Verfolgung erleiden mussten oder im KZ saßen, dürfte dies für erhebliche Irritationen gesorgt haben.

Doch die Presse feierte den Vertrag als ein „Fundament für den Frieden“. Begleitet wurde die Meldung allerdings zugleich von Schreckensmeldungen über Verfolgung und Ermordung von Deutschen in Polen; die Volksdeutschen dort würden nun „Heimwehren“ gründen.

Wechselbad an Themen im HANAUER ANZEIGER

Vor diesem Hintergrund gastierte ab 23. August der Zirkus Sarrasani mit einem Riesenzelt auf dem Hanauer Paradeplatz. Es war allabendlich ausverkauft. Die Turngemeinde 1837 eröffnete am Wochenende darauf ihr neuntes reichsoffenes Leichtathletikfest, und in Wilhelmsbad begannen die Hanauer Schulen ihr alljährliches Herbstsportfest. Es war ein Wechselbad, blätterte man nämlich in der Zeitung weiter nach hinten, so las man dort Bedrohliches, wie etwa in den amtlichen Verlautbarungen neue Verordnungen über die Einrichtung von Luftschutzräumen.

Hanau, nicht nur eine große Garnison, sondern auch ein wichtiger Bahnknotenpunkt, bekam auch in diesem Bereich zu spüren, dass irgendetwas im Gange war in jenen letzten Augusttagen vor 80 Jahren. Die Zugfrequenz war deutlich höher als zu normalen Zeiten. Nachfragen wurden abgewiegelt, es seien eben schon die Vorboten des Nürnberger Reichsparteitages, zu dem Abertausende per Zug anreisen würden.

Urlaubssperre in den Kantinen verkündet

In den Kasernen wurden am 26. August, einem Samstag, beim Morgenappell eine sofortige Urlaubssperre verkündet und eine völlige Postsperre verhängt. Am Abend wurde in allen Quartieren eine Rede des Oberbefehlshabers des Heeres anlässlich der Tannenberg-Feier in Erinnerung an den Ersten Weltkrieg übertragen.

In der Nacht gab es dann Alarm. Es wurden Gasmasken, Munition und Erkennungsmarken ausgegeben, alles machte sich marschbereit. Doch der Angriff, den die Wehrmachtsführung für den 27. August geplant hatte, wurde abgesagt. Es gab noch einmal eine Galgenfrist von drei Tagen.

Am Mittag des 1. September meldete der HANAUER ANZEIGER: „Deutsche Truppen zum Gegenangriff angetreten – Danzig ist heimgekehrt ins Reich!“ Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.

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