Graf Friedrich Casimir von Hanau-Lichtenberg galt oft als Phantast. Es stellte sich jedoch heraus, dass er auch ein kluger Staatsmann war. Foto: Archiv

200 Jahre Hanauer Union - Als die Kirchen sich vereinten

Region Hanau. Nach der Spaltung der Kirche durch Martin Luther gab es auch innerhalb der Protestanten verschiedene Strömungen. Erst vor 200 Jahren schlossen sich Lutheraner und Reformierte im Zuge der Hanauer Union zusammen.

Von Werner Kurz

Die durch Martin Luthers kritische Thesen vor 500 Jahren ausgelöste Reformation, die letztlich im Laufe des 16. Jahrhunderts zur Spaltung der Kirche in Katholiken und Protestanten führte, war eine Zäsur, eine Zeitenwende in der europäischen Geschichte. Manche reden gar von einem Bruch, schließlich habe der vordergründig als Religionskrieg geführte Dreißigjährige Krieg einschneidende und lange nachwirkende wirtschaftliche, soziale und politische Veränderungen gebracht. Doch nicht nur in katholisch und evangelisch teilte sich die Welt fürderhin, auch innerhalb der protestantischen Seite gab es verschiedene Strömungen, ja eigenständige Lager.

So bestehen die uns heute vertrauten evangelischen Kirchengemeinden in und um Hanau mitnichten seit Jahrhunderten. Erst vor 200 Jahren sind sie aus dem Zusammenschluss zweier evangelischer „Richtungen“ hervorgegangen. In der Hanauer Union schlossen sich 1818 Lutheraner und Reformierte ‧zusammen und beendeten damit ein in der Mitte des 17. Jahrhunderts in der Grafschaft Hanau entstandenes, oft kurioses Nebeneinander.

Hanau-Münzenberg schnell von Reformation erfasstDie Reformation in der Grafschaft Hanau-Münzenberg setzte schon bald nach Luthers Thesenanschlag von 1517 in den 1520er Jahren ein. Sie war kein abruptes Ereignis, sondern ein lang andauernder und wechselhafter Prozess, anfangs durchweg „lutherisch“ geprägt.

Auch wurde der alte Glaube nicht sofort verdrängt oder gar verboten. Katholische Gottesdienste konnten bis in die Mitte des Jahrhunderts in Hanau stattfinden. Lange war sich die gräfliche Obrigkeit nicht im Klaren darüber, in welche Richtung es gehen sollte; mehrfach änderte sich der Katechismus, die offizielle Glaubensanweisung, innerhalb nur kurzer Zeit.

Es bedurfte erst einer starken Persönlichkeit wie der des Grafen Philipp Ludwig II. (1576 bis 1612), um zu einer konsequenten Religionspolitik zu kommen. 1580 beerbte er seinen Vater und kam zunächst unter Vormundschaft. Erzogen wurde er am Hofe in Dillenburg, wo, wie es Fried Lübbecke beschreibt, „ein scharfer calvinistischer Wind wehte“. Der junge Graf, der sich vor allem als Gründer der Hanauer Neustadt in die Annalen der Stadt eingeschrieben hat und die noch heute bestehende Hohe Landesschule begründete, sorgte auch für eine „zweite Reformation“.

Relikte des alten Glaubens wurden zerstörtEr verfolgte für die Grafschaft Hanau-Münzenberg eine strikte reformierte Kirchenpolitik, wobei er nicht davor zurückschreckte, Relikte des alten Glaubens eigenhändig in Stücke zu hauen und dies stolz seinen Vormündern in Dillenburg zu berichten. Vor allem setzte er fortan das Ius reformandi, das Recht des Landesherrn, die Konfession der Untertanen zu bestimmen, konsequent durch.

Hier ist nun ein tieferer Blick in die hanauische Geschichte zu werfen: Durch geschickte Heirat und glückliche Erbschaften konnte sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts jenseits des Rheins die Linie Hanau-Lichtenberg etablieren. Sie wuchs im unteren Elsass zwischen dem Rhein und Lothringen zu einem wichtigen politischen Faktor heran und verfügte über bedeutende Territorien.

Im Jahr 1610 schlossen der Hanauer Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg und sein lichtenbergischer Vetter Johann Reinhard I. aus Buchsweiler einen Erbvertrag auf Gegenseitigkeit. Die Hintergründe dieses machtpolitischen Schachzugs müssen hier nicht erörtert werden, nur so viel: Die Grafschaft Hanau-Lichtenberg folgte im Gegensatz zu den münzenbergischen Landen konfessionell strikt der lutherischen Linie. Gute drei Jahrzehnte später trat denn auch schon der Erbfall ein. Die Linie Hanau-Münzenberg starb, mitten im Dreißigjährigen Krieg, mit dem Tod des Grafen Johann Ernst am 12. Januar 1642 aus. Erstmals waren nun die hanauischen Territorien beiderseits des Rheins unter einer Herrschaft vereinigt.

Junger Graf im politischen WirrwarrAllerdings gestaltete sich die Übernahme des Erbes für Friedrich Casimir von Hanau-Lichtenberg (1623 bis 1685) nicht reibungslos. Noch befand sich Europa im Krieg. Zudem war der junge Graf, dem damaligen Usus entsprechend, erst mit 25 Jahren volljährig und regierungsfähig, unter Vormundschaft. Dies nutzte das reformierte Establishment in Hanau, also vor allem die finanzkräftigen Neustadtbürger, um den konfessionellen Status quo zu sichern. In Verhandlungen mit dem Vormund Georg von Fleckenstein, einer in ihrer Bedeutung für die hanauische Geschichte krass unterschätzten Persönlichkeit, wurde dies denn auch zugesichert.

Friedrich Casimir musste demnach nicht nur freie Religionsausübung der Reformierten auch für die Zukunft zusichern, sondern vor allem den lutherischen Gottesdienst für sich und seinen Hof zunächst auf die Kapelle im Schloss beschränken. Dies bedeutet nichts weniger als die Abkehr von dem von Philipp Ludwig II. so konsequent umgesetzten Ius reformandi. In Hanau-Münzenberg gab es also fürderhin zwei offizielle evangelische Bekenntnisse.

Bald aber war es vorbei mit der zugesicherten Zurückhaltung. Zur Sicherung seiner Position und des Rückhalts im Staats- und Regierungsapparat bedurfte es loyaler – also lutherischer – Beamter. Die holte Friedrich Casimir aus dem Elsass, sorgte aber auch schon für die Zukunft vor: Das Schulwesen fuhr bald zweigleisig, überall entstanden neben den eingesessenen reformierten Schulen auch lutherische. Da Schule und Kirche in jener Zeit stets eng verknüpft waren, sprossen auch bald die ersten lutherischen Kirchbauten aus dem Boden. In der Residenzstadt Hanau wurde 1658 die lutherische Johanneskirche, quasi die Hofkirche, errichtet, und dies nicht zuletzt mit erheblicher Hilfe des lutherischen Auslands, etwa Sachsens.

Lutheraner störten Abendmal der ReformiertenDie Konflikte mit dem etablierten Hanauer Bürgertum, aber auch der Bevölkerung auf dem flachen Land mehrten sich, da sich die reformierte Mehrheit vielerorts plötzlich bedrängt sah. Es kam auch zu Tätlichkeiten, etwa an Weihnachten 1695 in Bruchköbel, als die Lutheraner lautstark die Abendmahlsfeier der Reformierten störten. Es waren dies nicht die einzigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Glaubensrich‧tungen. Diese hat am Beispiel der Schulsituation Peter Gbiorczyk in seinem 2011 erschienenen Buch über das Landschulwesen plastisch geschildert. Es war also staatliches Handeln gefordert, und so wurden mehrere Vergleiche geschlossen, um das Auskommen der beiden konfessionellen Parteien miteinander sicherzustellen.

Dies mündete schließlich nach zwei konfliktreichen Dekaden im Jahr 1670 in den „Religionshauptrezess“, worin der Graf definitiv auf das Ius reformandi verzichtet. Die Gleichberechtigung der beiden evangelischen Konfessionen in den münzenbergischen Landesteilen der Grafschaft Hanau Münzenberg wurde festgeschrieben, jede sollte ihre eigene Kirchenverwaltung haben, was dazu führte, dass es nun in der Grafschaft zwei voneinander unabhängige Landeskirchen gab. Die lichtenbergischen Teile der Grafschaft Hanau jenseits des Rheins waren allerdings davon nicht betroffen, sie blieben lutherisch.

Graf erwies sich als kluger StaatsmannDer Rezess von 1670 sollte bis ins frühe 19. Jahrhundert die Grundlage für ein geregeltes, wenn auch gerade in der Anfangszeit nicht immer konfliktfreies Miteinander der beiden Richtungen bleiben. Mit diesem Vertragswerk hat sich Graf Friedrich Casimir, den die Geschichtsschreibung oft als einen weltfernen, von seinen Räten gesteuerten und zu Verschwendung neigenden Phantasten hingestellt hat, als kluger Staatsmann erwiesen. Er erkannte, dass nur Abstriche bei seinen fürstlichen Privilegien, wie dem Recht, die Konfession der Untertanen von oben herab festzusetzen, den religiösen und sozialen Frieden in der Grafschaft sichern konnten. Zugleich aber war er allerdings auch bereit, zur Sicherung seiner Herrschaft Parallelstrukturen mit allen – auch wirtschaftlichen – Folgen zu fördern und zu zementieren. Und dies trotz der finanziellen Auszehrung der Grafschaft als Folge des Dreißigjährigen Krieges.

So richtig Dynamik bekam die Sache der Lutheraner denn auch erst unter den beiden letzten „Lichtenbergern“, den Grafen Johann Reinhard II. (1680 bis 1712) und Johann Reinhard III. (1712 bis 1736); mit Letzterem starb die Linie aus. Zuvor aber überzogen beide die münzenbergischen Lande buchstäblich mit lutherischen Schulen und Gotteshäusern. Es entstand sogar der ganz eigene Architekturtypus der „Reinhardskirche“.

Gegensätze verschwammenIm weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts verschwammen allerdings dann die religiösen Gegensätze zwischen Reformierten und Lutheranern. Der Anfall der münzenbergischen Landesteile nach 1736 an die Landgrafschaft Hessen-Kassel mag ebenso dazu beigetragen haben wie die Aufklärung und der frische Wind der Französischen Revolution, in deren Folge Napoleon in Hanau insofern religiöse Beschränkungen einriss, als er 1809 den katholischen Gottesdienst ausdrücklich erlaubte. Danach spielte auch eine konfessionelle Differenzierung wie die zwischen Reformierten und Lutheranern keine Rolle mehr.

Einerseits die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, andererseits aber die wirtschaftliche Situation nach dem Ausbluten durch die napoleonischen Kriege führten schließlich zu der Erkenntnis, dass die protestantischen Doppelstrukturen in Hanau wirtschaftlich und konfessionell nicht mehr zeitgemäß waren. Im Juni 1818, vor 200 Jahren, wurde dieser Zustand mit dem Vertrag zur Hanauer Union beendet.

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