George Orwell würde es wahrscheinlich grausen, doch andere freut's: Die Videoüberwachung an zwei neuralgischen Punkten der Hanauer Innenstadt, am Freiheitsplatz und am Marktplatz, erhöhe das Sicherheitsgefühl, sagen die Verantwortlichen von Stadt und Polizei. Archivfoto: HA

Hanau

Ein Jahr Videoüberwachung: Delikte gehen zurück - ein bisschen

Hanau. Am 4. Juli 2018 hatte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) den Startschuss zur Nutzung der Videoschutzanlage mit insgesamt 28 Kameras am Freiheitsplatz und am Marktplatz in Hanau gegeben. Nach rund einem Jahr haben die Spitzen von Stadt und Polizei nun ein erstes Fazit gezogen und der Öffentlichkeit vorgestellt.

Von David Scheck

Ergebnis: Die Straftaten sind seit Einführung der Videoüberwachung weniger geworden, allerdings bewegt sich die Zahl in einem überschaubaren Maß. Die Verantwortlichen von Stadt und Polizei sprechen dennoch von einem Erfolg.

Verglichen wurde jeweils der Zeitraum eines Jahres vor der Installation der Videoanlagen am Freiheitsplatz und am Marktplatz sowie danach. Habe die Polizei binnen Jahresfrist vor der Inbetriebnahme der Videoschutzanlage in diesen Bereichen noch 96 Delikte registriert, so seien es innerhalb eines Jahres nach der Aufschaltung der Anlage mit 84 Straftaten bereits zwölf weniger; dies bedeute einen Rückgang um 12,5 Prozent.

Weniger Straftaten

Im Bereich des Freiheitsplatzes sei die Zahl der Straftaten von 69 auf 64 gesunken, ein Minus von 7,3 Prozent. Die registrierten Delikte am Marktplatz hätten sogar um 25,9 Prozent abgenommen, von 27 auf 20 Straftaten. Insbesondere Körperverletzungsdelikte seien weniger geworden: Gegenüber ehemals 33 Delikten seien im Jahr nach der Inbetriebnahme der Videoschutzanlage 26 Körperverletzungen registriert worden, was ein Minus von über 21 Prozent bedeute.

Da war es wenig überraschend, dass sich die Vertreter der Stadt Hanau und des Polizeipräsidiums Südosthessen bei der Vorstellung der Zahlen erfreut über diese Entwicklung zeigten. Dank der Videoschutzanlagen – so der offizielle Terminus – habe sich das subjektive Sicherheitsgefühl besonders in den Abendstunden erhöht, sagte Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky.

„Hobby-empirischer Befund“ des OB

Auch wenn er nachschob, dass es sich bei seiner Einschätzung um einen „hobby-empirischen Befund“ handele. Außer dem OB waren von Seiten der Stadt der für Sicherheit und Ordnung zuständige Dezernent, Stadtrat Thomas Morlock sowie Ordnungsamtsleiter Thorsten Wünschmann zur Präsentation der Zahlen gekommen; die Polizei wurde von Polizeipräsident Roland Ullmann, dem Leiter der Polizeidirektion Main-Kinzig, Jürgen Fehler, sowie dem Leiter der Führungsgruppe Main-Kinzig, Marc Blume vertreten.

Auch Polizeipräsident Ullmann sprach von einer „guten Sicherheitslage“. So nähmen die Zahlen bei der Straßenkriminalität und bei Einbrüchen ab. Allerdings habe die Zahl an Körperverletzungen zugenommen.

Stadtpolizei und Landespolizei waren vorbereitet

Dem Argument, dass Videoüberwachung lediglich zu einer Verlagerung der Kriminalität in einen nichtüberwachten Bereich führe, ließen die Redner so nicht stehen. Im Fall von Taschendiebstahl beispielsweise werde durch die Kameras am Freiheitsplatz die Tatgelegenheit entzogen, erläuterte Wünschmann: „Diese Straftaten finden nicht mehr statt.“

Denn Plätze für gewisse Delikte könnten nicht einfach ausgetauscht werden. In anderen Fällen finde zwar eine Verdrängung statt, „aber diese Klientel hat sich dann an Orte bewegt, wo wir sie erwartet haben“, so der Leiter des Ordnungsamtes. Und darauf seien Stadtpolizei und Landespolizei bei Einführung der Videoüberwachung vorbereitet gewesen.

Prävention und Aufklärung

Bei der Errichtung von Videokameras geht es zum einen um Prävention, zum anderen aber auch um Aufklärung von Straftaten, wie Polizeidirektor Fehler aufzählte: So hätten sich allein im diesem Jahr durch die Auswertung der Aufzeichnungen in sechs Fällen Hinweise ergeben, die letztlich zur Ermittlung mindestens eines Tatverdächtigen geführt hätten.

So habe beispielsweise im März ein Mann identifiziert werden können, der in einem Kiosk gestohlen und bei seiner Flucht Personen verletzt haben soll. Im Mai hätten nach einer Unfallflucht die Kennzeichen des Verursacherfahrzeugs abgelesen und weitere Ermittlungen über den Halter geführt werden. Wichtige Hinweise hätten sich durch die Aufzeichnungen nach einem Einbruch ergeben, für den eine bundesweit agierende Bande in Betracht komme.

Beispiel für erfolgreichen Einsatz

Und auch in einem Fall von sexuellem Missbrauch Minderjähriger habe sich die Videoüberwachung als nützliches Hilfsmittel bei der Aufklärung erwiesen: Im Mai hatte ein Mann zwei Mädchen in vulgärer Art angesprochen und vor ihnen onaniert – diese Tat sei von den Kameras erfasst und aufgezeichnet worden.

So habe der Täter, ein 29-Jähriger, identifiziert und im Juni festgenommen werden können. Inzwischen ist er bereits verurteilt (unsere Zeitung berichtete über den Gerichtsprozess). Ein weiterer Pluspunkt, so Fehler: Da vor Gericht das aufgezeichnete Videomaterial gezeigt wurde, aus dem der Sachverhalt so eindeutig hervorging, konnte den beiden Mädchen im Alter von elf und zwölf Jahren eine Befragung vor Gericht erspart werden.

Die Gesamtkosten für die 28 Kameras am Freiheitsplatz und am Marktplatz belaufen sich auf rund 690 000 Euro, von denen das Land rund 460 000 Euro übernehme, wie OB Kaminsky erläuterte.

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