Hanau

Interview: Sparkassen-Chef Dr. Ingo Wiedemeier über Negativzinsen

Region Hanau. Aus der vor geraumer Zeit erhofften Zinswende ist nichts geworden, im Gegenteil: Viele Zeichen deuten darauf hin, dass die Leitzinsen im Euroraum eher noch weiter abgesenkt werden.

Von Robert Göbel

Für Sparer bedeutet das, sie bekommen auf lange Sicht keine Erträge auf ihre Guthaben. Zumindest keine, die die Inflationsrate übersteigen. Und sogar über Strafzinsen für Sparer wird wieder diskutiert. Wir haben beim Chef der Hanauer Sparkasse, Dr. Ingo Wiedemeier, nachgefragt, was Sparer nun tun können.

Eine Zinswende ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Drohen Sparern schon bald Negativzinsen?

Für regionale Kreditinstitute steht der Zins im Mittelpunkt des wirtschaftlichen Handelns. Dieses Instrument wird uns sukzessive entzogen. Derzeit müssen Kreditinstitute, wenn sie Liquidität bei der ‧Europäischen Zentralbank parken, einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Gründe für die Negativzinsen und die Nullzinspolitik ist die Hoffnung der EZB, dass die Banken die Kreditvergabe an Unternehmen steigern, um so die Konjunktur zu beleben und für eine höhere Inflation zu sorgen. Da sich diese Hoffnungen nicht erfüllen, gibt es Überlegungen, den Einlagensatz im September noch einmal zu senken. Eine Reduzierung auf 0,5 Prozent würde ‧allein die deutschen Banken mit 600 Millionen Euro zusätzlich belasten. Bereits im vergangenen Jahr mussten sie 2,45 Milliarden Euro ab‧führen, was ihre Gewinne schrumpfen ließ. Bislang berechnen erst einzelne Kreditinstitute Strafzinsen für private Kunden ab bestimmten Einlagebeträgen. Es ist absehbar, dass die Kreditinstitute diese Zinslast dauerhaft nicht tragen können.

Ab welcher Einlagenhöhe gibt es schon heute Negativzinsen für Sparer?

Diese Grenze legt jedes Kreditinstitut individuell fest. Manche Institute erheben lediglich Strafzinsen für Firmenkunden oder institutionelle Anleger ab Einlagen von einer Million Euro, manche auch für Privatkunden ab Einlagen von 500 000 Euro. Das Gros der Privatkunden bleibt jedoch bis dato von Strafzinsen verschont. Wir möchten ebenfalls Strafzinsen für die große Mehrheit der Privatkunden vermeiden, da wir als öffentliches Kreditinstitut der Förderung des Spargedankens verpflichtet sind und auch diesen weiterhin fördern wollen. So erhält ein Kunde beispielsweise bei Abschluss eines Deka-Sparplans eine Prämie von maximal 50 Euro als 13. Sparrate.

Was bedeutet es für die Geldinstitute, wenn die Zinsmarge praktisch wegfällt?

Der Zinsüberschuss zählt mit zur wichtigsten Ertragsquelle bei Kreditinstituten, vor allem bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Dieser Überschuss sinkt in der derzeitigen Nullzinsphase immer weiter. Das Wertpapiergeschäft stellt für die Institute Provisionserlöse dar. Aufgrund der jahrzehntelang gebildeten Kundeneinlagenbestände können die Provisionen den Zinsrückgang nicht kompensieren.Die Reduzierung der Filialstandorte ist dementsprechend ein Ergebnis der EZB-Zinspolitik.

Wenn der Kostendruck noch größer wird, drohen dann bei vielen Geldinstituten Filialschließungen?

Hauptgrund für die Zusammenlegung von Filialen sind die veränderten Kundenbedürfnisse. Wir wissen, dass Kunden im Durchschnitt nur noch einmal im Jahr in die Sparkassenfiliale kommen, 24-mal Geld abheben, aber bis zu 300-mal jährlich online Kontakt mit uns aufnehmen. Daher nehmen viele Banken und Sparkassen eine Anpassung ihrer Filialstruktur vor. Gleichzeitig machen wir aber auch die Erfahrung, dass Kunden für Fragen rund um die Immobilienfinanzierung, Wertpapierberatung, Altersvorsorge oder Investitionen die qualifizierte persönliche Beratung suchen. Der Wunsch nach Beratung bei komplexen Themen vor Ort bleibt. Daher werden die vorhandenen Filialen durch den Ausbau der Beratungskompetenz weiter gestärkt. So haben wir in den BeratungsCentern Rodenbach und Bruchköbel zusätzliche Beratungsplätze geschaffen.

Müssen Sparkassen- und Bankkunden mit höheren Gebühren rechnen?

Für Banken und Sparkassen wird es immer schwieriger, bei anhaltenden Negativzinsen eine angemessene Profitabilität im Kundengeschäft sicherzustellen. Insbesondere, wenn auf die Weitergabe der negativen Zinsen im Mengengeschäft verzichtet wird. Neben niedrigen Zinsen steht die Finanzbranche vor der Herausforderung, hohe Regulierungskosten und hohe Investitionen in Digitalisierung zu tätigen. Unabhängig von der Zinsentwicklung sorgen gesetzliche Anforderungen wie die neue EU-Zahlungsdiensterichtlinie (PSD 2) für zusätzliche Investitionen. Es ist verständlich, dass niemand gerne einen höheren Preis für Bankdienstleistungen zahlt. Hinter dem Begriff der Kontoführungsgebühren verbergen sich aber viele Leistungen, zum Beispiel der Aufwand für persönliche Beratungen und Filialen oder die Bereitstellung und Unterhaltung der technischen Infrastruktur. Bankdienstleistungen wie beispielsweise Transaktionen kosten Geld. Unsere Girokontenmodelle berücksichtigen dies, sie sind marktgerecht bepreist und vergleichsweise günstig.

Der normale Sparer verliert angesichts der Inflationsrate, die die Minizins-Erträge um ein Vielfaches übersteigt, schon heute Unsummen. Sollte er sein Geld nicht besser zum Beispiel in Immobilien investieren?

Die Frage, ob eine Investition in Immobilien sinnvoll ist, kann nicht pauschal mit Ja oder Nein beantwortet werden. Dies hängt immer von der persönlichen Situation des Anlegers ab. Investitionen in Immobilien können in der derzeitigen Situation eine sinnvolle Alternative zu Zinspapieren sein. So stellt sich die Frage, ob eine Direktinvestition oder eine Investition in einen Fonds mit Gewerbe- oder Wohnimmobilien vorgenommen werden soll. Vor der Investitionsentscheidung sollte dies umfassend in einem Beratungsgespräch geklärt werden.

Gibt es eine Anlageform, bei der der Sparer 100-prozentige Sicherheit für seine Einlage genießt und gleichzeitig mehr Ertrag erhält als zum Beispiel bei einem Festgeld?

Rendite und Risiko stehen in einem engen Verhältnis zueinander. Je höher das Risiko, desto höher ist auch die Rendite. Umgekehrt bieten Geldanlagen mit niedrigem Risiko auch kaum Renditechancen. Daher gibt es in der derzeitigen Nullzinsphase keine Anlageform, die eine 100-prozentige Sicherheit garantiert und einen wesentlich über der Nulllinie befindlichen Zinssatz bietet. Selbst Bundesanleihen bis 30 Jahre weisen derzeit eine negative Rendite aus. Rendite und Risiko in einem vernünftigen Verhältnis auszubalancieren, das ist eine der größten Herausforderungen bei der Geldanlage.

Machen angesichts der niedrigen Verzinsung (Kapital-)Lebensversicherungen überhaupt noch Sinn?

Die Kapitallebensversicherung gehört nach wie vor zu den ‧Altersvorsorgeklassikern der Deutschen. Die für Kunden wichtige laufende Verzinsung der Lebensversicherung setzt sich aus dem Garantiezins und der Überschussbeteiligung zusammen. Über die Höhe der Überschussbeteiligung entscheiden die Versicherer je nach Wirtschaftslage und Erfolg ihrer Anlagestrategie jedes Jahr neu. Hinzu kommt der Garantiezins, der nach einer Festlegung des Bundesfinanzministeriums seit Anfang 2017 für Neuverträge bei 0,9 Prozent liegt. Ein sicherheitsorientierter Privatanleger kann heute noch mit Renditen von ein bis zwei Prozent nach Kosten bei einer Lebensversicherung rechnen. Die Branche ist derzeit besser für eine anhaltende Zinsflaute gerüstet als in der Vergangenheit. Die Lebensversicherer haben Reserven aufgebaut und den Produktmix verändert. Darüber hinaus ist der Bedarf einer finanziellen Absicherung der Familie in einem Unglücksfall sicher vielfach zu empfehlen.

Fallen angesichts der immer kleineren Erträge, die auf absehbare Zeit noch kleiner werden, jetzt nicht viele private Altersvorsorgeanlagen wie ein Kartenhaus zusammen?

Wichtig ist zu schauen, auf welchen Säulen der Anleger seine Altersvorsorge aufgebaut hat. So bilden Lebensversicherer seit 2011 eine zusätzliche Rückstellung, die Zinszusatzreserve, um auch in Zeiten niedriger Zinsen die höheren Garantien aus früheren Jahren erfüllen zu können. Auf lange Sicht schlägt das Wertpapiersparen unter Renditegesichtspunkten jedes Zinspapier. Auch die staatliche Rente ist von den Nullzinsen so gut wie nicht betroffen, weil sie ihre Einnahmen im Umlageverfahren an die aktuellen Rentner ausschüttet und nicht am Kapitalmarkt anlegt. Bei der staatlichen Rente kommt allerdings hinzu, dass das Rentenniveau immer weiter absinkt und zusätzlich eine eigene private Altersvorsorge unerlässlich ist.

Während ein junger Mensch – bei einer Laufzeit über Jahrzehnte – mit regelmäßigen kleinen Beiträgen in Aktienfonds investieren könnte, was macht ein heute 50-Jähriger, um sich noch ein kleines Polster fürs Alter zu verschaffen?

Eine Möglichkeit besteht darin, Wohneigentum zu erwerben, beispielsweise auf dem Teilgebiet der ehemaligen Pioneer-Kaserne, dem Triangle-Housing. Das Projekt ist angesichts der Preise besonders interessant, denn unter dem Strich zahlen die Käufer für Zins und Tilgung künftig nicht mehr, als sie bislang an Miete zahlen. Darüber hinaus bieten wir attraktive Finanzierungskonditionen. Aktuell liegt der Sollzins bei rund 1,1 Prozent mit zehnjähriger Zinsbindung. So besteht für Personen, die jetzt noch im aktiven Erwerbsleben stehen, die Möglichkeit, das Darlehen zu bedienen, um im Rentenalter dann eine finanzielle Entlastung sicherzustellen.

Wenn Sie für einen Tag mit allen Vollmachten EZB-Präsident wären, welche Entscheidung würden Sie dann treffen?

Ich würde den Kreditinstituten angesichts der negativen Effekte der Strafzinsen entgegenkommen, beispielsweise mit der Einführung von Freibeträgen, wie dies bereits in anderen Ländern mit Negativzinsen wie der Schweiz oder Japan von den dortigen Zentralbanken angewandt wird. Mit der Einführung von Negativzinsen haben diese beiden Institute den Banken vom ersten Tag an Freibeträge für ihre Überschussliquidität eingeräumt. Bis zu einem gewissen Betrag müssen die Banken keine Strafzinsen zahlen. Diese Erleichterung ist auch für den Euro-Raum dringend notwendig. Wenn Banken und Sparkassen beispielsweise einen Freibetrag in Höhe des Zehnfachen des Mindestreservesolls angerechnet bekämen, würde dies die jährliche Belastung des Bankensektors im gesamten Euroraum von 7,2 Milliarden Euro auf 2,6 Milliarden Euro, also um gut 60 Prozent senken.

Wenn Sie die Zinswende einleiten würden, wie lange – glauben Sie – würde es dann noch dauern, bis wieder Zinsen auf Sparguthaben im Volumen von 5 Prozent gezahlt werden könnten?

Eine Zinswende wird nur in sehr vielen kleinen Schritten über einen sehr langen Zeitraum vollzogen werden können, damit es nicht zu Ver‧werfungen an den Finanzmärkten und zu konjunkturellen Schwankungen kommt. Ich rechne damit, dass die Zinsen in den kommenden fünf Jahren noch im negativen Bereich verharren und erst danach die Nulllinie überschreiten werden. Dies zeigen die aktuellen Forward-Kurse, dass bedeutet Preise für Finanzwerte, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft gekauft oder verkauft werden. Ich kann mir in meiner aktiven Zeit – und die kann noch rund 20 Jahre dauern – nicht vorstellen, dass wir fünf Prozent Zinsen auf Sparguthaben sehen.

Und die milliardenschweren Anleiheprogramme, mit denen vor allem die südeuropäischen Staaten gestützt werden, würden Sie die, wenn Sie Verantwortung in der EZB hätten, fortsetzen?

Den Kauf frischer Staats- und Unternehmensanleihen hat die EZB Ende vergangenen Jahres beendet. Die Gelder aus auslaufenden Papieren werden aber vorerst wieder investiert. Seit Längerem wird spekuliert, Europas Währungshüter könnten das vor allem in Deutschland umstrittene Programm wieder aufnehmen. Seit Beginn der Anleihekäufe im März 2015 bis Ende 2018 hatte die Notenbank Wertpapiere im Volumen von rund 2,6 Billionen Euro erworben. Ich würde von einer Fortführung des Anleihekaufprogramms absehen, da die bisherige expansive Geldpolitik nicht dazu geführt hat, die Unternehmen zu höheren Investitionen zu bewegen und die Inflation auf ein höheres Niveau zu heben. Zum Beispiel wären fiskalpolitische Maßnahmen wie Steuersenkungen oder erhöhte öffentliche Infrastrukturausgaben, von der auch unsere Region profitieren könnte, probate Mittel, um Konsum und Investitionen der Privathaushalte und der Wirtschaft zu fördern.

Das Thema Digitalisierung haben Sie ja bereits angesprochen. Die Sparkasse Hanau hat ja kürzlich ein Business-Center für Geschäftskunden etabliert. Welche Ziele verfolgen Sie mit diesem neuen Business-Center?

Das Business-Center (BC) ist im März 2019 gestartet und ein moderner, neuer Weg in der Betreuung von Geschäftskunden mit medialer Effizienz. Geschäftskunden wünschen sich vor allem eine schnelle Erledigung des täglichen Bankgeschäfts, wobei die Kunden zunehmend Onlinebanking nutzen. Viele Unternehmer decken ihren Beratungsbedarf durch ein Telefongespräch mit ihrem Berater ab. Wesentliche Anforderungen der Unternehmer sind die zeitliche und bequeme Erreichbarkeit sowie eine möglichst rasche Erledigung ihrer Anliegen. Das BC ist somit ein wichtiges Element in der Multikanalstrategie und ein Bindeglied zwischen digitaler und persönlicher Welt. Ziel ist es, dass möglichst viele Kunden beim Anruf gleich am Telefon eine für sie passende Lösung bekommen. Dabei geht es beispielsweise um Fragen zum Zahlungsverkehr, zu Betriebsmittelkrediten und Leasing bis hin zu Versicherungen. Für diese Themen erhalten die Kunden vom BC schnelle Lösungen und einen kompetenten Service.

Auch für Privatkunden haben Sie ein mediales Center aufgebaut. Wie wird das angenommen?

Mit unserem Digitalen Beratungs-Center für Privatkunden sind wir ebenfalls im März 2019 gestartet. Online-Beratungskunden, die aus zeitlichen oder regionalen Gesichtspunkten nicht in die Filiale kommen können, werden inzwischen von unseren Online-Beratern betreut. Diesen Kunden bieten wir nun auf verschiedenen Wegen wie Video, E-Mail, WhatsApp und Telefon eine Alternative zu unserer klassischen Filialberatung an. Die ersten Monate zeigen, dass es viele Kunden gibt, die genau auf dieses Beratungsangebot gewartet haben.

Wie wird sich das Filialgeschäft aufgrund der skizzierten fortschreitenden Digitalisierung weiterentwickeln?

Die Kunden wollen heute beides: die Beratung in der Filiale und die Erledigung ihrer Bankgeschäfte online. Eines steht fest: Die Filiale hat nicht ausgedient. Es ist auch keine Frage des „Entweder-oder“, sondern des „Sowohl-als-auch“. Deshalb werden wir an der Weiterentwicklung unserer digitalen Angebote sowie der Vernetzung mit den Filialen weiterarbeiten. Nähe definiert sich heute nicht mehr nur über die räumliche Verbundenheit. Sie bedeutet vielmehr Erreichbarkeit. Klar ist auch: Wir wollen keine Direktbank, sondern die beste Multikanalbank in der Region werden. Uns geht es darum, die neuen technischen Möglichkeiten sinnvoll mit dem Filialgeschäft zu kombinieren. Denn viele digitale Anwendungen sind überaus hilfreich und erleichtern das Bankgeschäft. Wichtig ist, dass die Kunden die analoge und digitale Welt so vorfinden, wie sie es sich wünschen.

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