Plastik im Abwasser. Mikroplastikteilchen sind in diversen Hygieneartikeln erhalten. Foto: Paul

Hanau

Interview: Dr. Rudolf Sing zur Faszination und Gefahr Kunststoff

Hanau.Unsere Zeitung sprach mit dem Verfahrensingenieur Dr. Rudolf Sing, der bei Evonik im Industriepark Wolfgang die Abteilung „Umwelt und Behörden“ leitet. „Fragen meine Kinder, was ich mache“, sagt Sing, „dann antworte ich: 'Ich sorge für saubere Luft, für sauberes Wasser, und dass der Abfall dahin kommt, wo er hingehört'.“

Von Jutta Degen-Peters

Welche Eigenschaften machen Plastik unverzichtbar?„Kunststoffe sind sehr vielseitige Materialien und ideal für eine große Bandbreite an Verbraucher- und Industrieanwendungen. Durch die geringe Dichte sind Kunststoffe in der Regel vergleichsweise leicht. Zudem rosten sie nicht wie zum Beispiel Metalle, sind somit langlebig und auch für den Einsatz in rauen Umgebungen einsetzbar. In Auto oder Flugzeug sorgen langlebige und leichte Kunststoffe dafür, dass Gewicht reduziert und somit Energie eingespart wird.“

In welchen Bereichen werden Kunststoffe eingesetzt?„Grundsätzlich lassen sich Kunststoffe mit nahezu jeder Kombination an Eigenschaften entwickeln, um fast jeder erdenklichen Anwendung Rechnung zu tragen. Deshalb kommen wir alle jeden Tag mit Produkten in Berührung, die aus Kunststoff gefertigt sind. Kunststoffe werden in den Bereichen Verpackung, Kleidung, Baustoffe und Mobiliar, Transport, Elektronik, Sport und Freizeit, Hygiene und Haushaltsgegenstände eingesetzt.“

Was macht Plastik so gefährlich für die Umwelt?„Kunststoff ist ein sehr robustes und haltbares Material. Und wenn es ungeplant, zum Beispiel als achtlos entsorgte Plastiktüte, in die Umwelt gelangt, führen genau diese Eigenschaften zu Schwierigkeiten. Wenn Plastik in Flüsse und die Weltmeere gelangt, zersetzt es sich langsam durch Sonneneinstrahlung und Salz zu Mikropartikeln, die von den Meeresbewohnern aufgenommen werden können und an denen viele Lebewesen elendig sterben. Letztlich schadet es auch der menschlichen Gesundheit, wenn Fische, Muscheln und andere Tiere, die das Plastik aufgenommen haben, in unserer Nahrungskette landen.“

Welche Produkte enthalten Mikro-Plastikteilchen?„Insbesondere im Kosmetikbereich ist häufig Mikroplastik enthalten – hier vor allem in Peelings und Zahnpasten. Es hilft hier nur der Blick auf das 'Kleingedruckte'.“

Worauf sollte man also besonders achten?„Was oft vergessen wird, ist die Entstehung von Mikroplastik in den Haushalten. Was passiert denn in Ihrer Waschmaschine, wenn Sie einen Fleece-Pullover oder eine andere Kunstfaser waschen? Kleine Stückchen brechen ab. So kommt Mikroplastik direkt ins Waschwasser und damit ins Abwasser. Beeinflussbar ist so etwas nur über Kaufverhalten und ein Bewusstsein zu den Materialien. Denn auf das Waschen der getragenen Kleider werden wir nicht verzichten wollen.“

Können Sie Alternativen nennen?„Evonik bietet 'gefällte Kieselsäuren' der Marke SIPERNAT® an, die feine Kunststoffpartikel in Körperreinigungsmitteln ersetzen können. Mikroplastik, traditionell in Peelings eingesetzt, um für eine intensive Reinigung und Erneuerung der Haut zu sorgen, trägt hingegen zur Belastung der Gewässer mit Plastikmüll bei. Beim Abspülen von der Haut gelangen sie in den Abwasserstrom, können Kläranlagen passieren und in der Folge in die Flüsse und die Weltmeere geschwemmt werden, wo sie von Meeresbewohnern aufgenommen werden können und in die Nahrungskette gelangen. Die Eigenschaften von Partikeln des Sipernat sorgen als Verwandte von Sand nicht nur für eine milde Reinigungsondern werden in Kläranlagen aus dem Abwasser entfernt.“

Sollten wir deshalb Plastik grundsätzlich vermeiden?„Nein. Moderne Mobilität, energieeffizient gedämmte und sichere Wohnhäuser, die Art und Weise unserer Kommunikation und unserer Lebensgestaltung können wir aufgrund der innovativen Werkstoffe in der heutigen Form realisieren. Wichtig ist die sachgerechte Nutzung und korrekte Entsorgung aller Materialien – nicht nur der Kunststoffe. Wir müssen dringend vermeiden, dass die Werkstoffe in die Umwelt als Müll gelangen. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass sie möglichst in einer umgewandelten Form neu genutzt werden. Ganz im Sinne einer Kreislaufwirtschaft.“

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