Gemeinsam mit vielen anderen Rappern wird Azzi Memo in einem Rapsong an die schrecklichen Attentate von Hanau erinnern und mit dem Erlös die Angehörigen der Opfer unterstützen. Foto: PM

Hanau

Interview: Rapper Azzi Memo will Hinterbliebene unterstützen

Hanau. Nach dem schrecklichen Anschlag von vergangenem Mittwoch möchte der Rapper Azzi Memo den Hinterbliebenen der Opfer helfen. Mit einem Rapsong, zu dem verschiedenste Rapgrößen aus ganz Deutschland Teile beitragen werden, will er ein Zeichen setzen und Zusammenhalt demonstrieren.

Auf Instagram hatte der Rapper andere Rap-Kollegen aufgerufen, sich an dem Song zu beteiligen. Azzi Memo ist in Hanau aufgewachsen, kennt Opfer des Attentats. Im Telefoninterview mit dem HANAUERANZEIGER spricht der Rapper auch über seine Kindheit und Jugend in Hanau und betont, die Stadt nie als rassistisch empfunden zu haben.

Azzi Memo, Sie sind in Hanau groß geworden. Haben Sie sich in der Stadt jemals mit Rassismus auseinandersetzen müssen?

Nein, ich wurde in Hanau nie mit Rassismus konfrontiert. Es gab einmal einen Vorfall in Bruchköbel am Bahnhof, wo ich von einem stadtbekannten Nazi angepöbelt wurde. Aber in Hanau, never. Das ist mir wirklich nie in Hanau passiert. Wir leben hier in Hanau alle zusammen so friedlich. So viele Kulturen gehen sensibel miteinander um. Rassismus kennt man in Hanau nicht. Das, was passiert ist, ist etwas sehr Neues.

Sie planen einen Rapsong in Erinnerung an die Attentate?

Wir werden einen Charity-Song ins Leben rufen. Viele Rapgrößen aus ganz Deutschland haben einen Part abgegeben, jeweils acht Zeilen. Damit wollen wir ein Statement setzten. Deutlich machen, dass wir in Deutschland keinen Platz für Rassismus haben. Dass Deutschland so ein schönes Land ist und Rassismus hier fehl am Platz ist. Wir wollen die gesamten Einnahmen des Songs den Familien der Opfer zukommen lassen. Wir wollen den Familien in dieser schweren Zeit eine Stütze sein. Ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind.

Wie kam Ihnen der Gedanke zu diesem Song?

Am Tag nach der Tat, als ich realisiert hatte, was passiert ist, habe ich ein Statement‧video auf Instagram abgeben. Auf dieses Video habe ich zahlreiche Reaktionen erhalten. Gemeinsam mit meinem Management habe ich dann beschlossen, ein Statement mit einem Song zu setzen und den Hinterbliebenen damit zu helfen.

Wann wird der Song veröffentlicht?

So zeitnah wie möglich. Die Rapper, es sind über zehn Künstler aus ganz Deutschland, schicken gerade alle ihre Parts rein. Dann wird es gemixt und gemastert und so schnell wie möglich released. Ich habe dafür auch meine eigenen Releases alle aufgeschoben. Nach so einer Tat will ich keine Musik veröffentlichen. „Bist du wach“, so heißt der Charity-Song, hat jetzt klar Vorrang.

Wird in dem Song explizit die Tat in Hanau erwähnt?

Ich habe die Parts von den anderen Künstlern noch nicht gehört, die liegen alle noch bei meinem Produzenten. Ich selber habe neben Hanau auch Kassel, Halle und andere Städte, in denen Anschläge passiert sind, erwähnt. Alle Städte in Deutschland, die von nationalsozialistischer Gewalt betroffen waren.

Wo waren Sie, als Sie von dem Attentat in Hanau erfahren haben?

Ich war zu diesem Zeitpunkt in Frankfurt. Habe von zwei Freunden einen Anruf bekommen, die mir gesagt haben, das, falls ich in Hanau bin, sofort verschwinden soll, weil irgendjemand durchdrehen und auf Menschen schießen würde. Anscheinend ist auch das Gerücht herumgegangen, dass ich unter den Opfern bin. Meine Mutter und mein Bruder haben mich daraufhin angerufen und mir das erzählt.

Als Sie realisiert haben was passiert ist, was ist da in Ihnen vorgegangen?

Zuerst habe ich es gar nicht realisieren können und wollen, dass so etwas in unserer Stadt passieren kann. Überhaupt, dass so etwas jemals passieren würde, egal wo. Dann wollte ich sofort wissen, wer unter den Opfern ist. Ich war sehr aufgewühlt. Als ich dann auch mitbekommen habe, dass unter den Opfern Freunde von mir und meiner Familie sind, sogar jemand, der aus meinem Heimatort in der Türkei stammt, war das schockierend für mich.

Sind Ihnen die Tatorte persönlich bekannt?

Ja, natürlich. Ich war erst in der Woche vorher in der Midnight Bar und habe mit dem Sedat noch Scherze gemacht.

Wie gehen Ihre Hanauer Freunde mit dieser neuen Situation um?

Ich bin seit dem Anschlag sehr oft in Hanau, bei den Familienangehörigen oder im Krankenhaus bei den Verletzten zu Besuch. Dass die Leute verängstigt sind, steht außer Frage. Aber ich habe den Eindruck, dass die Menschen in Hanau jetzt erst recht zusammenhalten. Dass alle geschlossen gegen Rassismus vorgehen. Egal welche Nationalität sie haben. Dieser Zusammenhalt macht mich sehr stolz. Natürlich sind die Leute aber auch sauer. Aber Aggressivität habe ich keine gespürt.

Was denken Sie, wie dieser Anschlag die Stadt verändern wird?

Ob es Hanau dauerhaft verändern wird, weiß ich nicht. Aber die Leute werden bestimmt vorsichtiger sein. Aktuell hat man Angst, zu öffentlichen Plätzen zu gehen, in Shishabars. Man hat Angst, dass so etwas nochmal passiert. Was ich auf keinen Fall glaube, ist, dass es die Menschen spaltet.

Das Interview führte Kerstin Biehl.

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