Hanau

Interview: Monika Wiedemann nach ihrem Abschied vom Weststadtbüro

Hanau. Vor rund sieben Jahren entwickelte die ehemalige Leiterin des Weststadtbüros Geeta Chatterjee aus der bestehenden „Krabbelgruppe“ heraus das Konzept eines regelmäßigen Eltern-Kompetenz-Trainings. Mütter mit Kleinkindern sollten bei Erziehungsfragen unterstützt werden.

Von Per Bergmann

Umgesetzt wurde das Konzept ehrenamtlich von der Psychologin und Familientherapeutin Monika Wiedemann, der Mitbegründerin und ehemaligen Leiterin der Familienberatungsstelle ASK in Hanau.

„Habe viel von den Müttern gelernt“

Jeden ersten Mittwoch im Monat treffen sich Mütter und Kleinkinder zum „Elterncafé mit Austausch über Erziehungstipps“. Vor wenigen Wochen hat sich nun Monika Wiedemann aus Altersgründen verabschiedet und unterstützt das Weststadtbüro bei der Suche nach einer Nachfolgerin.

Im Interview verrät sie, worum es beim Eltern-Kompetenz-Training geht und was ihre Nachfolgerin mitbringen sollte.

Frau Wiedemann, wieso machen Sie nach sieben Jahren Schluss?

Ich bin 79 Jahre alt und möchte hier nicht noch als Urgroßmutter arbeiten. Wir haben in sieben Jahren für das Elterncafé eine klare Struktur aufgebaut, jetzt ist Zeit für ‧eine junge Nachfolgerin. Das Weststadtbüro ist mit seiner Managerin Eftelya Erbasli in sehr guten Händen. Sie ist ‧eine außerordentlich kompetente junge Frau, mit frischen Ideen. Sie ist aufgeschlossen für die Menschen, die zu ihr kommen, und für die stadtteilbezogenen Probleme. Ich kann mich daher mit leichtem Herzen verabschieden.

Sie werden dann aber nicht ganz von der Bildfläche verschwinden.

Ich habe noch weitere ehrenamtliche Aufgaben. In der Weststadt bin ich als Sauberkeitspatin der Stadt für einen Teil des kleinen Parks zuständig. Hier lebe ich und leiste etwas für das Gemeinwohl, so engagiere ich mich auch für eine kinderreiche afghanische Familie. Seit knapp fünf Jahren leite ich das Café für Trauernde, welches in Trägerschaft der Martin-Luther-Stiftung ist.

Was war das Ziel Ihrer Arbeit im Weststadtbüro?

In der Weststadt leben viele Menschen mit sehr verschiedenen Lebensweisen und mit relativ vielen jungen Kindern – und diese sind das Kostbarste für unsere Zukunft. Jedes einzelne Kind ist kostbar und sollte zufrieden und gesund aufwachsen können.

Mein Ziel war es, den Müttern Sicherheit in ihrer Erziehung zu geben, durch Anerkennung und Wertschätzung und durch Infos und klare Erziehungstipps. Im Elterncafé, beim gemeinsamen Frühstück können wir das Verhältnis der Mütter zu ihren Kindern sowie das Verhalten der Kinder allein und untereinander gut beobachten.

Neben der Arbeit mit den Eltern, habe ich jedes Kind einfühlsam beobachtet, um ihre individuellen Entwicklung und Stärken zu sehen und bei allen Entdeckerfreude und Selbständigkeit zu fördern. Mütter habe ich ermutigt, Geduld und Vertrauen in ihr Kind zu entwickeln, Humor zu behalten und gewaltfrei zu erziehen.

Was haben Sie persönlich in dieser Zeit gelernt?

Für mich war es eine neue Herausforderung, mit bis zu zehn jungen Müttern mit ihren Kindern in einem Raum zusammenzuarbeiten und um gegenseitiges Zuhören zu kämpfen. Für die meisten Mütter war Deutsch eine Fremdsprache. Ich musste lernen, mich in sehr einfachen Sätzen auszudrücken.

Mir war es wichtig, auf Augenhöhe zu sein und die Mütter als die besten Experten für ihre Kinder anzuerkennen. Es geht nicht darum über die Erziehung zu urteilen, sondern darum, neue Ideen zu finden und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Mir hat es sehr viel Freude bereitet, mit den Müttern und ihren Kindern zu arbeiten. Ich habe dadurch unter anderm viel von bisher mir fremd erscheinenden Lebensweisen kennengelernt.

Gibt es bestimmte Probleme, die Sie häufiger beobachtet haben?

Jedes Elterncafé hatte ein Thema, das vorher von den Eltern oder Stadtteilmüttern bestimmt wurde. Häufig sind Fragen aufgekommen wie: Was soll das Kind in einem bestimmten Alter können? Ab welchem Alter sollte es sprechen und laufen? Was tun bei Geschwisterstreit und Eifersucht?

Viele Eltern haben Ängste. Sie sind übervorsichtig im Umgang mit ihren ‧Kindern. Das kann die kindliche Entwicklung und Eigenständigkeit einschränken. In diesem Zusammenhang fällt ihnen das Nein-Sagen schwer.

Eine weitere Frage war zum Beispiel: Wie reagiere ich, wenn mein Kind ein anderes oder mich haut oder beißt? Hier ist es wichtig, das Kind ‧sofort aus der Situation zu nehmen und ihm mit deutlichem Nein seine Grenze aufzuzeigen – nicht lautstark, aber bestimmend. Wir haben im Rollenspiel den ernsten Blick und das Gespräch auf Augenhöhe mit und zu dem Kind trainiert.

Halten Sie die Fortführung des Angebots für wichtig?

Ja sehr, das liegt mir am Herzen. Die jungen Mütter brauchen ein Angebot in einer Gruppe, in der sie sich bei allen Fragen sicher fühlen können. Hier können sie ihre Sorgen mit Müttern teilen, die ähnliche Situationen erleben. Sie werden ernstgenommen, sie erhalten Rückmeldungen und Tipps.

Sie bekommen auch mal eine Bestätigung, das tut ihnen gut. In unserer Abschlussrunde sagte eine Mutter, sie habe gelernt, Kinder so zu nehmen, wie sie sind – als kleine Individuen. Eine andere sagte, sie könnte jetzt die „Trotzköpfchenkinder“ verstehen, ihre Schreikrämpfe. Die vielen positiven Rückmeldungen haben mich sehr gefreut.

Wie stellen Sie sich die weitere Vorgehensweise vor? Was sollte Ihre Nachfolgerin mitbringen?

Ich bin sehr froh, dass Frau Erbasli das Angebot zunächst übernimmt, damit es erhalten bleibt. Als Nachfolgerin wünschen wir uns eine junge, ‧qualifizierte weibliche Fachkraft aus dem pädagogischen oder psychologischen Bereich. Ich habe die anspruchsvolle Arbeit gerne ehrenamtlich übernommen. Für die neue Fachkraft unterstütze ich Frau Erbasli darin, eine stabile Finanzierung auf Honorarbasis zu schaffen. Schön wäre es, wenn meine Nachfolgerin auch aus der Weststadt kommt, aber das ist keine Voraussetzung.

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