Der Bausektor boomt in der Region. Viele Handwerker haben die Auftragsbücher voll und würde gerne mehr ausbilden, um die Nachfrage nach Fachkräften selber zu bedienen. Doch viele Schulabgänger tendieren zu einer akademischen Laufbahn. Mit guten Qualifikationen und Verdienstmöglichkeiten wirbt das Handwerk um junge Leute. (Foto: Pixabay)

Hanau

Interview: Handwerk ist keine Sackgasse

Hanau. Handwerksberufe sind bei jungen Menschen zwar wieder gefragter, weil im laufenden Jahr fast 4000 Jugendliche mehr als im Vorjahr eine Ausbildung im Handwerk begonnen haben. Viele Betriebe haben allerdings weiterhin Probleme, Nachwuchs zu finden.

Von Ulrike Pongratz

Bundesweit sind laut Zentralverband des deutschen Handwerks noch knapp 19 000 Lehrstellen unbesetzt – vor allem im Elektro-, Sanitär- und Heizungs- sowie Friseurgewerbe. Auch viele Handwerksbetriebe in der Region suchen verstärkt Auszubildende.

Viele Betriebe sehen sich mit dieser Aufgabe von Gesellschaft und Politik alleine gelassen. Axel Hilfenhaus, der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Hanau, beleuchtet im Gespräch mit unserer Zeitung die aktuelle Situation auf dem Ausbildungsmarkt im Handwerk.

Die Zahl der Ausbildungsplätze steigt, nicht aber die der Bewerber. Befürchten Sie einen Fachkräftemangel?„In vielen Bereichen wird bereits jetzt händeringend nach Fachkräften gesucht. Wenn in Kürze die geburtenstarken Jahrgänge nach und nach in Rente gehen, könnte sich die Situation verschärfen. Zum Nachteil nicht nur einzelner Betriebe, sondern der Volkswirtschaft. Die Betriebe am Bau sind bereits mehr als ausgelastet. Um diesem Trend entgegenzuwirken, bilden die Betriebe wieder verstärkt aus.“

Immer mehr Jugendliche streben eine Hochschulausbildung an. Finden die Betriebe noch genügend qualifizierte Schulabgänger?„Wir haben noch genügend Schüler, die sich für eine Lehre entscheiden. Dennoch müssen wir noch mehr gut qualifizierte Schulabgänger für eine Ausbildung gewinnen. Dies wäre auch volkswirtschaftlich sinnvoll. In den MINT-Studiengängen brechen bis zu 50 Prozent der Studierenden ihr Studium ab. Studienabbrecher finden natürlich im Handwerk oder in der Industrie einen Ausbildungsplatz. Es gibt Konzepte für schnelle Perspektiven und verkürzte Ausbildungszeiten. Aber ist dies nicht volkwirtschaftlich und persönlich eine Katastrophe, mit 23 Jahren noch einmal ganz von vorne anfangen zu müssen?“

Sie plädieren für eine Ausbildung vor dem Studium?„Aus meiner Sicht wäre es generell sinnvoll, für viele der technisch affinen Studiengänge eine duale Ausbildung – nicht nur ein Praktikum – als Zulassung zum Studium vorauszusetzen. Ich bin überzeugt davon, dass man damit den Studienabbrüchen entgegenwirken könnte.“

Auch guten Realschülern raten Sie zu einer Ausbildung?„Das Handwerk bietet für alle Schulabschlüsse gute Perspektiven. Gute Realschüler können nach drei Jahren ihre Ausbildung und parallel die Fachoberschule abgeschlossen haben. Damit hätten sie Zugang zu Bachelor Studiengängen und eine große Chance, das Studium auch zu bestehen.“

Und wenn man kein Studium anstrebt?„Man muss sehen, dass das Handwerk keine Sackgasse ist, sondern viele Chancen bietet. Mit Lehre bin ich immer eine Fachkraft, habe eine Basis. Ich kann mich für eine Meisterkarriere entscheiden, ein eigenes Unternehmen gründen oder in den Betrieben eine Führungsposition übernehmen. Eine Ausbildung zum Meister kostet weniger als ein Studium, etwa 7000 bis 8000 Euro. Eine Förderung ist möglich durch günstige Darlehen, die bei guter Leistung zum Teil erlassen werden.“

Welche Möglichkeiten haben Schüler mit einem Hauptschulabschluss im Handwerk?„Nicht nur gute Schulabgänger, sondern auch vermeintlich schwächere Schüler mit praktischer Begabung finden im Handwerk ihren Platz. Das Bildungssystem ist sehr durchlässig und bietet viele Möglichkeiten. Vor allem aber sehen junge Menschen, die in der Schule oft schlechte Noten hatten, dass sie etwas können und akzeptiert werden. Bei vielen platzt der Knoten und sie gehen ihren Weg und entwickeln sich in den Betrieben zu guten Facharbeitern. Und nicht selten sieht man sie dann auch im Meisterunterricht wieder.“

Oft fehlt es nicht an der praktischen Begabung. Die Betriebe beklagen mangelnde theoretische Kenntnisse.„Für die kleinen Betriebe müssen wir Strukturen finden, um diese fachspezifisch in der theoretischen Ausbildung zu unterstützen. Wenn zum Beispiel die Parameter für eine Heizungsanlage berechnet werden müssen, dann sind das sehr fachspezifische mathematische Fragen. In den Berufsschulen fehlen die Kontingente und auch der Inhaber eines kleinen Betriebes kann einem Auszubildenden nicht individuell Nachhilfeunterricht erteilen.“

Sie wünschen sich mehr Zusammenarbeit mit Schulen und „Entscheidern“?„Ja, auch das. Für mich ist eine duale Ausbildung der Königsweg. Wir müssen die vielfältigen Berufsmöglichkeiten und Aufstiegschancen und auch die guten Verdienstmöglichkeiten den Jugendlichen und Eltern deutlich machen. Und wir müssen das Handwerk noch mehr erlebbar machen. Am Tag der offenen Tür im September erreichen wir über 1000 Schüler. Wir kooperieren bereits mit Schulen und wollen diese Zusammenarbeit erweitern.“

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