Nach der Forschungsarbeit in Brasilien und vor der anstehenden Rudersaison in Oxford bleibt für Tina Christmann ein Moment des Durchatmens. Die 23-jährige Ruderin des RC Hassia lebt in Oxford auf einem Hausboot. "Ich möchte mir darüber bewusst werden, wie viel Energie, Wasser und so weiter mein Wohnverhalten benötigt", sagt Tina Christmann. Fotos: Privat

Hanau

Interview: Ex-Hassia-Ruderin tritt in Oxford für die Umwelt ein

Hanau/Oxford. Tina Christmann gehörte einige Zeit zu Deutschlands größten Ruder-Hoffnungen. Für den Hanauer Ruderclub Hassia holte sie bei deutschen Jugendmeisterschaften zahlreiche Medaillen, nahm an U19- und U23- Weltmeisterschaften teil. Der HANAUER taufte sie einst Gold-Tina.

Herausragend sind ihr U19-Vizeweltmeister-Titel im Doppelzweier im Jahr 2014 sowie Platz drei bei der U23-WM im Jahr 2017. Auch zu Lande machte Christmann in der Region von sich reden. Nach dem 1,0er Abitur am Friedrich-Ebert-Gymnasium in Mühlheim verließ sie die Heimat und studierte in Berlin Ökologie und Umweltplanung.

Vor einem Jahr zog Christmann nach Oxford und widmet sich dort dem Forschungsmaster „Biologische Vielfalt, Naturschutz und Management“ – einem zweijährigen Studiengang, mit dem sie an ihren Ökologie- und Umweltwissenschafts-Bachelor anknüpft. In ihrem zweiten Jahr will die 23-Jährige ihre Waldforschung vorantreiben und publizieren. Danach plant die HANAUER Sportlerin des Jahres 2014, die neben Englisch auch Italienisch, Französisch und Spanisch spricht, das Projekt in einem Doktor weiterführen.

Was genau lernen Sie denn in Ihrem Forschungsmaster?Ich lerne zum Beispiel viel über das Artensterben, den Klimawandel und internationalen Naturschutz mit all den komplizierten Facetten kennen. Und wir werden angehalten, moderne Umwelt-Technologien wie Satellitenbilder, Drohnen und Online-Bürger-Partizipation anzuwenden und einzusetzen. Ich habe mich auf Waldforschung spezialisiert und versuche herauszufinden, wie anpassungsfähig und gefährdet Wälder weltweit sind.

Der Naturschutz ist Ihnen sehr wichtig, was kann man aktiv dafür tun?Es gibt viele Dinge, die wir als Bürger tun können. Unsere Ernährung umzustellen, ist ein großer Beitrag. Wir müssen weg von exzessivem Fleischkonsum und in Richtung einer pflanzenbasierten Ernährung. Die Logik dahinter ist ziemlich simpel, denn Tiere müssen gefüttert werden und dafür werden gigantische Flächen für Anbau von Futtermitteln benötigt, die sonst CO2-speichernder Wald oder natürliches Grasland sein könnten. Für ein Kilogramm Rindfleisch werden zirka zehn Kilogramm Getreide benötigt, was energetisch absurd ist.

Und abseits vom Essen?Generell müssen wir lernen, unsere Komfortzone zu verlassen und unser Konsumverhalten zu ändern, ansonsten wird es bald richtig unkomfortabel. Das betrifft auch unsere Fortbewegung. Flugreisen sollten eine Rarität statt des Standards werden, und ich bin ein großer Fan davon, meine unmittelbare Umgebung erst mal mit dem Fahrrad kennenzulernen, bevor ich an Urlaub in den Tropen denke.

Und was tun Sie aktiv für die Umwelt und den Klimaschutz?Meine persönliche Rolle ist es, sensibel über diese Dinge aufzuklären und auch Systemalternativen zu entwickeln und außerhalb der Standardlösungen zu denken. Beispielsweise versuche ich, eine vegetarische Ernährung unter Sportlern zu promoten, da in Sportlerkreisen viele Mythen kursieren, die schlichtweg falsch sind.

Wie sehen Sie die Fridays-for-future-Bewegung? Das Handeln von Greta Thunberg wird ja kritisch gesehen.Ich finde es fantastisch, dass Greta und ihre „Anhänger“ in dem Alter schon so welt- und problemübergreifend denken und aktiv handeln. Greta stellt einen großen Kontrast zu vielen anderen Jugendlichen dar und hat es geschafft, weltweite Präsenz zu bekommen. Die Idee, zu streiken, finde ich großartig, denn Streiks gehen über Demonstrationen hinaus und bringen uns aus der Komfortzone. Letztendlich stimmt es auch mit meiner Erfahrung aus Schulzeiten überein, dass der Klimawandel trotz seiner Ernsthaftigkeit in den Lehrplänen kaum Berücksichtigung findet.

Also finden Sie es gut, dass die Kinder freitags nicht in die Schule gehen?Wenn die Kids freitags streiken, sich aber in ihrer Freizeit überproportional mit dem Klimawandel und den globalen Problemen auseinandersetzen, dann ist meiner Meinung nach für ihre Bildung mehr getan, als wenn sie freitags zur Schule gehen würden. Im Endeffekt habe ich selbst erst im Studium richtig den Klimawandel kennengelernt, hätte es aber wichtig gefunden, früher in die Richtung gewiesen zu werden, weil es nun an meiner Generation liegt, das Problem zu lösen und die Konsequenzen zu tragen.

Sie galten als Junioren-WM-Teilnehmerin als großes deutsches Rudertalent. Wie oft rudern Sie denn derzeit noch?Zweimal am Tag. Nach dem verlorenen Oxford-Cambridge-Boat-Race im April wurde ich dieses Jahr zur Präsidentin im Ruderclub gewählt. Das heißt, dass ich immer noch zu 100 Prozent Athletin bin, aber zusätzlich meine Vision für dieses Jahr umsetzen kann, das Team organisiere, mich um Förderungen und die Politik auf höherer Ebene kümmere und den Ruderclub national und international repräsentiere.

Wie sieht denn ein normaler Tagesablauf bei Ihnen aus?Dieses Jahr ist mein Stundenplan sehr flexibel, weil ich nur forsche. Das heißt, es liegt an mir, alles rechtzeitig auf die Reihe zu bekommen. Nach der morgendlichen Trainingseinheit gehe ich für vier Stunden ins Ökosystem-Labor und analysiere meine Daten, anschließend wird von 13 bis 16 Uhr nochmal trainiert, und dann geht es ein paar Stunden in die Bibliothek zum Schreiben. Und abends kümmere ich mich dann um mein Hausboot, komme meinen präsidialen Tätigkeiten nach, und wenn ich es schaffe, koche ich mit Freunden ein leckeres Abendessen.

Wie gestalten Sie Ihre Freizeit?Meine Freizeit geht größtenteils fürs Rudern drauf. Und dann habe ich meinen Traum vom Leben auf einem Hausboot zur Realität gemacht und das zähle ich auch als Freizeit. Es gibt immer was zu tun, denn das Boot muss bewegt werden zum Wasser holen oder es gibt kleine Reparaturarbeiten. Und wenn ich mal eine Stunde habe, backe ich Brot oder mache Müsliriegel selbst. Ab und zu gehe ich auch mal gerne Salsa tanzen, um aus meinem manchmal monotonen Ruder-Trott zu kommen.

Wie kam es dazu, dass Sie auf einem Hausboot wohnen?In meinem ersten Jahr habe ich mit fünf anderen Studenten in einem alten viktorianischen Haus von meinem College gelebt. Mittlerweile bin ich auf ein Hausboot gezogen, da ich mal alleine leben möchte und mir auch darüber bewusst werden möchte, wie viel Energie, Wasser und so weiter mein Wohnverhalten benötigt. Ich habe Solarzellen auf dem Dach, einen kleinen Ofen und einen Gasherd. Und das Boot ist etwa 20 Quadratmeter groß, also wie eine kleine Einzimmer-Wohnung. Ich bin gespannt, wie der Winter wird und werde viel vorausplanen müssen, aber ich mag solche Herausforderungen.

Kürzlich sind Sie zu Forschungszwecken in Brasilien gewesen. Was haben Sie dort genau gemacht und erlebt?Ich habe in Brasilien mit einem Team der Universität von Rio in einem Bergregenwald ein Forschungsprojekt gestartet, um zu schauen, ob die Bäume an der Baumgrenze den Klimawandel, Trockenheit und Feuer tolerieren können. Allerdings wurden wir an Tag eins mit einem Schock konfrontiert: Ein Waldbrand aufgrund von Brandstiftung hat unsere Forschungsregion niedergebrannt. Daher mussten wir das Projekt umstrukturieren. Also haben wir stattdessen Waldinseln in den Höhengrasländern untersucht, deren Waldstruktur vermessen, Blatt und Holzproben gesammelt und mit der Drohne Luftaufnahmen gemacht, um uns die Baumkronen anzuschauen.

Mit den Daten werde ich Umweltmodelle erstellen. Die Stellschrauben sind all die Pflanzenanpassungen, die wir gemessen haben und die bestimmen werden, ob das Ökosystem sich ändert oder nicht. Für meinen Doktor möchte ich auch in anderen Breitengraden, vor allem in Deutschland mit dem momentanen Waldsterben, untersuchen, wie anpassungsfähig Wälder sind. Letztendlich möchte ich es in Zukunft auch vermeiden, weite Distanzen zu fliegen.

Ist Oxford eine Elite-Uni wie man hierzulande immer denkt?Ja und nein. Hier in Oxford gibt es viele elitäre Traditionen wie Dinner bei Kerzenschein mit vier Gängen. Und für die Klausuren muss man einen schwarzen Umhang mit weißer Bluse anziehen. Viele der Studenten, die hierherkommen, waren an teuren Privatschulen und kommen aus reichen Familien. Aber mittlerweile sieht man auch einen neuen Trend: Es gibt viele Stipendien, Förderungen, Seminare um internationale Studenten und Studenten aus anderen Bevölkerungsschichten ein Oxford-Studium zu ermöglichen.

Wo sehen Sie sich nach Ihrem Studium beruflich?Seltsamerweise liebe ich diese Frage, weil ich sie kaum beantworten kann. Und das aus gutem Grund, denn der Naturschutzsektor ist so dynamisch. Jobs, die es in fünf Jahren geben wird, existieren momentan noch gar nicht. Was ich aber weiß, ist, dass es in Richtung Waldnaturschutz gehen soll. Letztes Jahr habe ich ein Praktikum bei den Bayerischen Staatsforsten gemacht, und das hat mich total inspiriert, weil so viele Interessen wie Klimawandelanpassung, Lawinenschutz, Tourismus und auch wirtschaftliche Erträge kombiniert werden müssen. Obwohl Forstwirtschaft nicht unbedingt mit Naturschutz und meiner Vision gleichzusetzen ist, denke ich, dass es weltweit großes Potenzial gibt – auch außerhalb der klassischen Schutzgebiete Unmengen an CO2 zu speichern und großartige Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu erhalten.

Das Interview führte Thorsten Jung.

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