Eindringliche Worte fand Newroz Duman (mit Mikrofon) bei einer Mahnwache am Heumarkt mit anschließendem Trauermarsch zu dem das Initiativbündnis „Solidarität statt Spaltung“aufgerufen hatte. Foto: Monica Bielesch

Hanau

Initiativbündnis rückt die Opfer und ihre Familien in den Fokus

Hanau. „Wir wollen einen Raum für Trauer und Gedenken schaffen“, sagte Newroz Duman ins Mikrofon, während Dutzende von Fernsehkameras und Objektive auf sie gerichtet waren.

Von Monica Bielesch

Darum hat das Hanauer Initiativbündnis „Solidarität statt Spaltung“ am Freitagnachmittag zu einem Trauermarsch aufgerufen, weil sie die Opfer ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken wollten.

Angehörige und Freunde von Ferhad U., einem der neun Ermordeten des 19. Februar, kamen daher auch zum Heumarkt. Ursprünglich wollten die Angehörigen über ihren Verlust reden, mussten jedoch dem gestrigen schweren Tag Tribut zollen und zogen es vor zu schweigen.

„Hanau ist die Stadt der Migration, Hanau ist unsere Stadt“

„Wir haben uns hier versammelt, um zu sagen, wie wütend wir sind“, leitete Newroz Duman vom Initiativbündnis die Mahnwache ein. Dieses „Wir“ seien Menschen, die schon seit Generationen in Hanau leben, aber auch Menschen, die hierher geflohen seien. „Hanau ist die Stadt der Migration, Hanau ist unsere Stadt“, sagte Duman eindringlich.

Die Tat des Rassisten Tobias Rathjen sei nicht vom Himmel gefallen, so Duman, sie habe einen Nährboden gehabt. Sie reihe sich ein in die Taten des NSU, der Taten in Halle und in Mölln. „Wir sind diejenigen, die zur Zielscheibe gemacht wurden, wenn ein Innenminister sagt, die Migration sei die Mutter aller Probleme.“Durch die terroristische Tat sei nicht nur Hanau angegriffen worden. „Wir sind angegriffen worden.“ Wichtig sei nun Raum und Ruhe für Gedenken an die Ermordeten, und diesen Raum wolle das Initiativbündnis bieten.

Neben Trauer herrscht auch Angst

Newroz Duman spricht ruhig aber eindringlich, die Medienvertreter bilden einen engen Kreis um sie, hinter ihr stehen die Freunde und Angehörigen von Ferhad U., halten Bilder der Opfer in den Händen, kämpfen mit den Tränen. Neben aller Trauer herrsche auch Angst. „Bin ich die nächste, weil ich schwarze Haare habe?“, ruft Duman. Sie ruft dazu auf, eine solidarische Gesellschaft zu sein, sich gemeinsam gegen Rassismus und rechten Terror zu wehren. Betroffen würden sich alle fühlen, aber ermordet werden die Migranten.

Neben den unzähligen Medienvertretern, die die Szenerie beherrschten, suchten auch trauernde Hanauer den Weg zum Heumarkt. So wie Baran Ardal. Der 33-Jährige Hanauer kannte Gökhan G., der im Kugelhagel im Kiosk am Kurt-Schumacher-Platz starb. „Er hatte Fußball geschaut an diesem Abend, es war ja Champions League“, erinnert sich Ardal, der den Ermordeten seit seiner Kindheit kennt.

„Unsere Familien kommen aus demselben Dorf in der Türkei.“ Aber die beiden Männer sind in Hanau geboren. „Diese Morde treffen eine Generation, die sich als Hanauer sieht“, sagt Ardal, „es waren Studierende, Arbeiter, Menschen ohne Vorstrafen.“ Auch er sei Hanauer. „Ich bin im Vinzenz-Krankenhaus geboren, genauso wie meine Tochter, die sich nicht fürchten soll.“

Raum für Gedenken

Unterdessen sagte Marion Bayer vom Initiativbündnis, dass bei der Mahnwache mit Bundespräsident Steinmeier der Raum gefehlt hätte, um zu trauern und zu schweigen. „Was gefehlt hat, war der Raum für die, die betroffen sind.“ Sie verlas die Namen aller neun Ermordeten. Sechs weitere Menschen seien schwer verletzt in Krankenhäusern.

Auch an die Zeugen des Anschlags sollte gedacht werden. Es sei wichtig Orte für die Trauer zu finden und um Worte für das Geschehen zu ringen. Alle Opfer sind in Hanau geboren. „Wir wollen ihre Namen nennen, und wir werden sie nie vergessen“, sagte Bayer, bevor sie die Namen der Opfer verlas.

„Solidarität statt Spaltung“

Das Initiativbündnis „Solidarität statt Spaltung“ hatte sich vor fünf Jahren aus Gewerkschaftsgruppen und Migrationsvereinen im Zuge der Flüchtlingskrise gegründet. Nach den Terrormorden vom 19. Februar hätten die Bündnis-Vertreter den Angehörigen und Freunden der Opfer Hilfe angeboten, erzählt Marion Bayer beim Trauermarsch inmitten Hunderter Menschen Richtung Kurt-Schumacher-Platz. „Wir wollen den Menschen mit unseren Angeboten und Aktionen einen Rahmen bieten, wo getrauert werden kann, wo die Namen genannt werden können.“ Und: „Es wird dauern, bis das alles wirklich vorbei ist.“

Weitere Veranstaltungen:Samstag, 22. Februar, 14 Uhr, Trauermarsch vom Freiheitsplatz über den Heumarkt zum Kurt-Schumacher-Platz. Veranstaltet vom DGB.16 Uhr, Demonstration am Marktplatz.Sonntag, 23. Februar: 14 Uhr, Trauermarsch vom Kurt-Schumacher-Platz zum Heumarkt.

Das könnte Sie auch interessieren