Sind überzeugt von Wasserstoff als Energieträger: Umicore-Chemiker Dr. Ralf Zuber (links) und Timo Singwald von Evonik präsentieren unserer Zeitung eines der Projektfahrzeuge. Der HyKangoo ist seit über zwei Jahren in der Erprobung.  Fotos: Mike Bender

Hanau

Industriepark Wolfgang fährt mit Wasserstoff

Region Hanau. Auf leisen Sohlen fährt der HyKangoo durch den Industriepark in Wolfgang. Ein Elektromotor und eine Batterie treiben den Wagen an – aber nicht nur. Große Aufkleber und im Inneren eine Anzeige über der Mittelkonsole verraten, dass in dem Lieferwagen zusätzlich eine Brennstoffzelle verbaut ist.

Von Christian Dauber

Sie wird mit Wasserstoff betankt und lädt die Batterie auf, wenn diese sich leert. Wie das System im Alltag funktioniert, testen mehrere Partner schon seit über zwei Jahren mit insgesamt sieben solcher Autos. Dreh- und Angelpunkt ist der Industriepark. Wir waren vor Ort und haben uns angehört, wie es vorangeht in dem Projekt namens H2anau.

Fahrzeuge laufen tadellos

Evonik, Umicore, Heraeus, die Stadtwerke Hanau, die Industrie- und Handelskammer Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern sowie die Fraunhofer Projektgruppe IWKS ziehen an einem Strang. Die Stadt Hanau unterstützt das Projekt. „Wir wollten gemeinsam etwas ausprobieren und zeigen, was möglich ist“, erklärt Dr. Ralf Zuber, Chemiker bei Umicore. Das sei gelungen. Die Autos liefen bis auf kleine Kinderkrankheiten problemlos. Ab und zu spinne mal ein Sensor, aber das liege darin begründet, dass die Brennstoffzellen-Technik in diesem Fahrzeug nachgerüstet sei.

Denn Basis des HyKangoo ist der strombetriebene Renault Kangoo ZE mit einer 22 kWh-Batterie. „Die Autos wurden zusätzlich mit einer Brennstoffzelle von der Firma SymbioFC ausgestattet“, erläutert Zuber. Damit sei der 48 000 Euro teure Wagen das erste europäische Brennstoffzellenfahrzeug, das in Serie produziert wurde. Mittlerweile gebe es Modelle mehrerer Hersteller vor allem aus Asien, beispielsweise von Hyundai oder Toyota.

300 Kilometer Reichweite

Die Brennstoffzellen-Technik hat laut Zuber viele Vorteile: Sie verlängert die Reichweite enorm. Statt rund 100 Kilometer kann der Kangoo rund 300 Kilometer weit fahren. Auf der anderen Seite ist die Ladezeit gegenüber einem „normalen“ Elektroauto stark verkürzt. In wenigen Minuten ist der Wasserstofftank gefüllt. Darüber hinaus entstünden keine Emissionen. „Aus dem Auspuff kommt nur heißes Wasser“, so Zuber. Nachteile: keine, außer dem hohen Preis, der aber auch auf die noch sehr kleine Produktionsserie zurückzuführen ist.

Die Autos werden beispielsweise von Evonik- und Umicore-Technikern genutzt – manchmal nur auf dem Gelände, aber auch für Fahrten in benachbarte Standorte.

Evonik ist federführendes Unternehmen

"Bei regelmäßigen Treffen tauschen wir uns aus, außerdem werden die Erfahrungen in Auswertungsbögen statistisch erfasst“, sagt Timo Singwald aus dem Technischen Service von Evonik, der mit allen Prozessen rund um das Projekt vertraut ist, weil das Spezialchemieunternehmen die Federführung des Projekts innehat. Die Auswertung nehme Fraunhofer vor. Singwald ist wie Zuber mit dem Projekt auf Du und Du.

Timo Singwald betankt den HyKangoo. Das dauert kaum länger als bei Benzin.

Er hat sich damals darum gekümmert, dass H2anau vom Land Hessen und der EU gefördert wird. Kein leichtes Unterfangen, wie er rückblickend sagt. Aber am Ende sei es gelungen, die Gelder zu bekommen. Damit war die Umsetzung gesichert. Das Projekt habe viel dazu beigetragen, Vorurteile abzubauen, erklärt Zuber. In manchen Köpfen sei das Märchen umhergegeistert, Wasserstofftanks wären explosionsgefährdet. „In Wahrheit sind diese viel ungefährlicher als ein Benzintank. Die Bundeswehr macht sogar Beschusstests, selbst da gab es keine Explosionen“, macht der Chemiker klar.

Technik der Zukunft hat noch Nachholbedarf

Für ihn hat die Brennstoffzellentechnik eine wichtige Bedeutung. „Mit Blick auf die Zukunft wird ein großer Markt erwartet. Hybride sind die Zukunft.“ Im Rahmen der Energiewende könne sie eine wichtige Funktion erfüllen: „Wenn Kohle und Atom abgeschaltet werden, braucht es einen Speicher und ein Transportmedium“, so Zuber. Die Kapazität von Wasserstoffpipelines sei viel höher als bei Hochspannungsleitungen, betont er. Außerdem könne Wasserstoff dazu dienen, die Energiesektoren zu koppeln. „Grüner“ (ökologisch produzierter) Wasserstoff könne für die Produktion von alternativen, CO2-neutralen Brennstoffen genutzt werden. „Wasserstoff ist ein Nebenprodukt in der deutschen Industrie. Das würde reichen, um einige Hunderttausend Autos zu betreiben“, sagt Zuber.

Damit die Technik Einzug in den Alltag halten könne, müsse aber zunächst die Infrastruktur vorhanden sein. Deutschland habe da noch Nachholbedarf. China hingegen sei viel risikofreudiger und investiere massiv in Wasserstofftechnologien. Die Asiaten seien nicht durch ein riesiges Regelwerk und Bürokratie wie hierzulande eingespannt. Hinzu kommt das, was Timo Singwald auf den Punkt bringt: „Auch der deutsche Charakter spielt eine Rolle: Warum soll man etwas Neues nutzen, wenn man doch etwas Funktionierendes wie den Verbrennungsmotor hat?“

Die Box im Innenraum verrät den Wasserstofftank. Es geht nicht viel Laderaum verloren.

Momentan ist der Einsparungseffekt gegenüber Verbrennungsmotoren noch recht gering. Ein Kilo Wasserstoff kostet rund neun Euro, damit kommt man 100 Kilometer weit. Zudem ist das Netz an Wasserstofftankstellen noch dünn. Laut Zuber gibt es derzeit rund 75, bis 2023 sollen es 400 werden. Die HyKangoos werden an einer eigens angemieteten Zapfstation auf dem Gelände des Industrieparks betankt. Diese ist allerdings nicht öffentlich zugänglich. Das werde sich auch nicht ändern, da es sich nicht um eine für den Endnutzer konzipierte Station handelt – auch wenn diese ohne größere Probleme und wartungsfrei funktioniere. „Wir würden uns über eine öffentliche Tankstelle im Raum Hanau freuen“, erklärt Zuber.

Wasserstoff-Tankstelle in der Brüder-Grimm-Straße geplant

Einer, der das Thema in Hanau voranbringen möchte, ist Holger Förster. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der MTV Förster GmbH undamp; Co. Kg, die in ganz Deutschland über 40 Tankstellen mit den Marken bft, Aral und Shell betreibt – darunter zwei Aral- und eine bft-Tankstelle in Hanau samt großem Waschcenter an der Brüder-Grimm-Straße. Dort sei geplant, eine Wasserstoff-Tankstelle zu eröffnen. „Wir sind Platzhirsch. Wir wollen ein Zeichen setzen“, sagt Förster im Gespräch mit unserer Zeitung. Dafür habe sein Unternehmen eigens ein angrenzendes Grundstück gekauft. Auf dieses würden im Fall der Fälle die bestehenden Parkplätze verlagert. Dort, wo momentan geparkt werde, käme die Zapfsäule hin.

Doch der Weg für das Drei-Millionen-Euro-Projekt sei noch weit. „Wir haben die Förderanträge gestellt“, berichtet Förster. Vor 2023 sei aber nicht damit zu rechnen, dass die Planungen voranschreiten. „Wir hoffen auch auf eine gewisse Bereitschaft bei den Hanauer Unternehmen, die Technologie zu nutzen“, erklärt Förster. Derweil betreibe man den Ausbau der Schnellladetechnik für Elektroautos. An allen drei Hanauer Standorten seien 300-Kilowatt-Anschlüsse geplant.

Pilotprojekt wird nichht verlängert

Derweil sind die Zeiten des H2anau-Projekts gezählt. Da von vornherein 36 Monate dafür angesetzt waren, läuft es Ende Juli kommenden Jahres aus. Verlängern werde man es nicht, erklärt Evonik-Mitarbeiter Singwald. Die Autos allerdings sollen aller Voraussicht nach weiter gefahren werden. „Wir sind gerade in Gesprächen, wie es im Anschluss weitergeht.“

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