Hohe Auszeichnung für eine standhafte Frau: Ilse Werder (rechts) erhält mit der Willy-Brandt-Medaille die höchste Auszeichnung der Sozialdemokratie durch Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel (links). Zur Ehrung kamen ebenfalls OB Claus Kaminsky und die Fraktionsvorsitzende der SPD Hanau, Cornelia Gasche. Foto: Rainer Habermann

Hanau

Ilse Werder bekommt die Willy-Brandt-Medaille

Hanau. Kaum jemand genießt in der Hanauer Frauen- und Friedenspolitik so viel allseitige Anerkennung und Ansehen wie Ilse Werder. Nun wird der "streitbaren Kämpferin" die Willy-Brandt-Medaille von Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel überreicht.

Von Rainer Habermann

Die heute 93-jährige Mitgründerin des Hanauer Frauenhauses und des Archivs Frauenleben, Journalistin und im Jahr 1967 Gründerin der Hanauer Stadtredaktion der Frankfurter Rundschau, ist seit dem Jahr 2003 Bundesverdienstkreuzträgerin erster Klasse. Sie wurde von der Stadt Hanau mit der August-Gaul-Plakette ausgezeichnet und vom Main-Kinzig-Kreis mit dem Kulturpreis. Jetzt kommt eine weitere Ehrung hinzu. Nicht irgend eine, sondern die höchste Auszeichnung, welche die deutsche Sozialdemokratie zu vergeben hat. Am Samstag überreichte ihr der scheidende Vorsitzende der hessischen SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel, die Willy-Brandt-Medaille im Altenhilfezentrum Bernhard Eberhard, in dessen Nachbarschaft die Seniorin lebt.

Es war der Wunsch ihres gesamten SPD-Ortsvereins, dass Werder mit dieser höchsten und laut Schäfer-Gümbel selten vergebenen Auszeichnung der Partei bedacht wird. Zu den Gratulanten gehörten die Spitzen der Hanauer Sozialdemokratie um Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Stadtverordnetenvorsteherin Beate Funck neben einer ganzen Reihe weiterer prominenter SPD-Politiker Hanaus und Familienangehörigen Werders. Es falle gar nicht so leicht, das vielfältige Wirken dieser „außerordentlich streitbaren und kämpferischen Genossin“ gebührend zu würdigen: da waren sich Schäfer-Gümbel und Kaminsky als Laudatoren einig.

1951 trat Ilse Werder in die SPD ein, wirkt also seit 68 Jahren als Sozialdemokratin. „Und trotz ihres hohen Alters lässt sie es sich nicht nehmen, am Freitagabend auf dem Parteitag des Ortsvereins zu erscheinen und bis 22 Uhr zu bleiben: allen Respekt“, meinte der Oberbürgermeister. „Natürlich wird Ihnen nicht noch einmal die gleiche Lebensspanne zur Verfügung stehen. Aber wir alle hoffen, heute dennoch nur eine Art 'Zwischenbescheid' erteilen zu können. Wir brauchen Frauen und Männer mit einer moralischen Autorität wie Sie für ein soziales Miteinander auf dieser Welt.“

Ein Vorbild für den Journalismus und die Gleichberechtigung

Der Respekt vor ihrem Alter, aber erst recht vor ihrem gesamten Lebenswerk, eint wohl alle regionalen und lokalen Journalisten; selbst solche von „Fremdredaktionen“. Und manche Politiker. „Man hat sie nicht umsonst als 'Miss Rundschau' bezeichnet“, sagte Schäfer-Gümbel. „Kritischer Journalismus wird immer schwieriger, weil oft die Zeit für gründliche Recherche fehlt. Ilse Werder hat immer für kritischen und auch für Meinungsjournalismus gestanden“, lobte der SPD-Landeschef die gebürtige Kasselanerin, die nicht nur ihre Herkunft mit einer anderen Grande Dame der Sozialdemokratie teilt: mit Dr. Elisabeth Selbert.

Vielen jungen Menschen ist diese heute unbekannt. Doch jener „Mutter des Grundgesetzes“ (eine von nur vier Frauen unter 61 Männern im damaligen Parlamentarischen Rat), SPD-Politikerin und Juristin, gebühre im wesentlichen das Verdienst an der Aufnahme der Gleichberechtigung von Frau und Mann als Grundrecht in die deutsche Verfassung, wie Schäfer-Gümbel erinnerte. Ilse Werder war eine Mitstreiterin der 1986 verstorbenen Selbert. Kaminsky erinnerte an die damals bisweilen „unsägliche Debatte um das Hanauer Frauenhaus“ und daran, dass „alle, die damals vehement dagegen waren, heute selbstverständlich dafür gewesen sein wollen“. Auch das sei ein Verdienst Werders, betonte er. „Das Gewicht von Argumenten hängt nicht davon ab, wie lautstark man sie vorträgt.“

Eine Auszeichnung mit einem großen Namen

Ilse Werder nahm die Glückwünsche und die Medaille in ihrer lebenslustigen aber kritischen Art entgegen. Die Frau, die „so ganz nebenbei“ alleine vier Kinder großgezogen, als Autorin zahlreiche Bücher zu Frauenrechten und zur lokalen Geschichte geschrieben, „das Gesicht einer Zeitung maßgeblich geprägt“ (Schäfer-Gümbel), und nicht nur den Zweiten Weltkrieg, sondern auch „die Zeit danach“ als unabhängiger und kritischer Geist begleitet hat, machte ihre Dankesrede kurz.

„Ich habe Willy Brandt immer sehr geschätzt. Seinen Kampf und konsequenten Einsatz für Frieden und Verständigung in Europa hat er auch gegen große Widerstände in unserer eigenen Partei führen müssen. Das hat ihn aber zu einer Lichtgestalt in der Sozialdemokratie werden lassen. Ich vermisse manchmal Schlussfolgerungen daraus in Berlin, wenn ich wieder und wieder sehe, dass Rüstungsgüter in Krisenregionen geliefert werden. Willy Brandt war der Hoffnungsträger der SPD, seine Glaubwürdigkeit ist unbestritten. Ich bedanke mich, für die Medaille, die seinen Namen trägt.“

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