So sieht ein Urban Sketch von Holger Kliem aus. Mit dem Fineliner und Farbstiften in Grauschattierungen bildet der PR-Mann den Marktplatz ab. Foto: Mike Bender

Hanau

Holger Kliem ist als Urban Sketcher eine Art visueller Journalist

Hanau. Der filigrane Stift scheint über das Papier zu fliegen. Zunächst sind nur einzelne, feine Linien auszumachen. Nicht etwa penibel gerade gezogen, nein, die Finger lassen den Stift wiederholt über einzelne Striche fahren, weichen dabei von der Mitte ab, ziehen die schwarze Linie zur anderen Seite durch.

Von Kerstin Biehl

Bald sind die Umrisse eines kleinen Türmchens zu erkennen. In den folgenden Minuten wird darunter das Rathaus entstehen.

„Auf Ordentlichkeit kommt es beim Urban Sketching weniger an. Hier geht es eher ums Grobe mit einzelnen Feinheiten.“ Während Holger Kliem über sein Hobby spricht, wandert sein Blick zwischen Skizzenblock und Neustädter Rathaus hin und her. Auch wenn er sein heutiges Motiv von Kindesbeinen an kennt, beim Zeichnen will er es genau im Blick haben.

Der gebürtige Hanauer sitzt an diesem Morgen auf einem der bunten Bar-Stühle vor einem Café am Marktplatz. Von dem bunten Markttreiben, das an diesem Mittwoch herrscht, lässt sich der 45-Jährige wenig stören. Auch die Kälte kann ihm wenig anhaben, Parka und Tuch halten den Novemberwind ab. Dafür, dass die Finger warm bleiben, sorgt der sich fortwährend bewegende Fineliner. Der ist inzwischen beim Kopf von Jacob Grimm angekommen – Kliem hat das Nationaldenkmal ins Visier genommen, das ist bereits nach wenigen Strichen zu erkennen. „Es geht beim Sketching darum, es einfach zu machen. Einfach loszulegen und Spaß daran zu haben.

Ob es schön ist, was dann am Ende herauskommt, entscheidet das Auge des Betrachters“, sagt der zweifache Familienvater.

Kunst stets präsent

Kunst war in Kliems Familie stets präsent. Als Sohn einer Goldschmiedin, die dazu noch im Goldschmiedehaus arbeitete, sei Kunst im Hause Kliem „schon immer ein Thema gewesen“. Keine Frage also, dass der ehemalige Kreuzburgschüler schon als Kind zahlreiche weiße Papierbögen in bunte Bilder verwandelte. „Ich habe auch zu Abizeiten und als Student immer viel gemalt, habe auch mit der Berufsidee Grafiker geliebäugelt, auch mit der Zeichenakademie, mich dann aber doch für ein Lehramtsstudium entschieden. Weil ich mir nicht sicher war, ob das mit der Kunst wirklich zukunftsfähig ist“, erzählt der Hobbykünstler. Lehrer ist Kliem allerdings nicht geworden.

Bereits während des Studiums hat er für den „Kicker“ geschrieben, setzte seine journalistische Laufbahn mit einem Volontariat beim Radiosender FFH fort, war dann viele Jahre Reporter für ein dpa-Tochterunternehmen an der Frankfurter Börse, bevor er 2014 zum Bundesligisten TSG Hoffenheim wechselte. Dort leitet Kliem die Presse- und Öffentlichkeitsabteilung, wohnt aber weiterhin in Hanau.

Gemalt hat er während all dieser Zeit weiter. „Ich finde Farben toll, knallig. Früher habe ich eher abstrakt gemalt, kleinformatig. Aber auch Blumen oder Insekten“, erzählt er. Malen, das ist für Kliem neben dem Spaß vor allem auch die Entspannung. Ein willkommener Ausgleich zu seinem bisweilen stressigen Job.

Hilfe beim Abschalten

„Mir tut das einfach unheimlich gut, es hilft mir abzuschalten. Und zwar richtig abzuschalten, anders als wenn ich ein Buch lese oder am Handy hänge. In dem Moment, wo ich male, bin ich mit dem Kopf weg. Das ist die totale Entspannung.“

Sein Talent zu zeichnen, sagt Kliem, habe sich über die Jahre entwickelt. „Es hängt alles mit Übung zusammen. Das Malen wird dann zu einer Art Handschrift. Jeder, der malt, hat seine eigene. Und die muss sich entwickeln.“Dass die Objekte, die er zeichnet, stets originalgetreu aussehen, betrachtet Kliem nicht als oberste Prämisse.

Setzt den Märchenbrüdern auch einfach mal eine Weihnachtsmütze auf oder lässt sie im Licht einer Diskokugel erstrahlen. Oder vermarktet Schloss Philippsruhe kurzerhand als Werbefläche. „Es gibt in Hanau die klassischen Punkte wie eben das Nationaldenkmal, das Goldschmiedehaus oder das Schloss, die kann ich aus dem Kopf heraus malen. Aber unsere Stadt hat auch unbekannte Ecken, die erkunde ich oft am Wochenende mit dem Rad und halte sie auf Papier fest. Seiner Feder entspringen aber nicht nur Hanauer Motive.

Skizzenbuch immer dabei

Wenn Kliem auf Reisen ist, sei es beruflich oder privat, hat er immer sein Skizzenbuch dabei. „Für mich sind das tolle Reiseerinnerungen, viel wertvoller als 500 Digitalfotos im Handy, die man nie wieder anschaut. Die Erinnerung an die Szenerie, die Geräusche, die Gerüche, ist beim Betrachten des Bildes sofort wieder da, ich fühle mich in den Moment zurückversetzt.“

Irgendwann wurden Freunde und Bekannte auf Kliems Zeichentalent aufmerksam; er begann einzelne Bilder auf Facebook oder Instagram zu posten. „Da habe ich eine Menge positives Feedback bekommen. Und jetzt mache ich sogar eine Ausstellung.“

Zu seinen größten Fans gehören freilich seine Frau Claudia, die beiden Kinder sowie Kliems Mutter Waltraud. „Sie wirft immer mit kritischem Auge einen Blick auf die Perspektive“, lacht er, während er die letzten Striche am Sockel der Märchenbrüder vollendet und seine Signatur unter die Zeichnung setzt. „Man muss wissen, wann das Bild fertig ist“, sagt Kliem und steckt zufrieden die Kappe auf den Stift.

Holger Kliems Werke sind ab Freitag, 29. November, gemeinsam mit den Bildern der Hanauer Malerin Mari Arp sowie den Arbeiten der Goldschmiede Martin Hardt und Sanja Zivo in der Galerie Arp in der Gemeinschaftsausstellung „Unique“ zu sehen. Die Ausstellung geht bis Sonntag, 22. Dezember.

›› kliem-sketchingillustrating.com›› galerie-arp.de

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