Dem Schrecken so nahe: Als ehrenamtliche Sanitäter der Hintergrundbereitschaft kümmerten sich Mark Ritzert, Lasse Matern und Fabian Mey (von links) am Mittwochabend in der Nähe des Kurt-Schumacher-Platzes um Menschen, die nur wenige Minuten zuvor Familienangehörige hatten sterben sehen. Foto: David Scheck

Hanau

Hola-Schüler waren als ehrenamtliche Helfer Mittwochnacht dabei

Hanau. Was machen Oberstufenschüler an einem Mittwochabend nach 22 Uhr in der Regel? Vielleicht fernsehen, lesen, vielleicht auch schon ins Bett gehen. Schließlich ist am folgenden Morgen ja Schule.

Von David Scheck

Fabian Mey, Lasse Matern und Mark Ritzert waren draußen – in der Nähe des Kurt-Schumacher-Platzes, einem der Tatorte. Die drei Schüler der Hohen Landesschule (Hola) sind ehrenamtliche Sanitäter bei der Johanniter-Unfall-Hilfe und haben sich in den Minuten nach den Schüssen um die Angehörigen der Toten und Verletzten gekümmert.

Mark ist 18, Lasse und Fabian 19 Jahre alt, sie wohnen in Erlensee beziehungsweise Bruchköbel. Vor wenigen Jahren haben sie ihre Sanitätsausbildung absolviert, sind an der Hola als Schulsanitäter aktiv. Als ehrenamtliche Sanitäter der Johanniter im Gefahrenabwehrzentrum Hans Martin gehören sie, wie sie erläutern, zu einer Katastrophenschutzeinheit – am Mittwoch trat die Katastrophe ein.

Alarmierungsstichwort weist auf einen gefährlichen Einsatz hin

„Ich war zu Hause, als ich die Alarmierung bekam“, erzählt Fabian. Über einen Melder, den sie bei sich tragen, oder eine Handy-App werden die Rettungskräfte zu einem Einsatz gerufen. Auch Mark war daheim, Lasse kam gerade von seinem Nebenjob in einem Fast-Food-Restaurant. Schon mit dem Alarmierungsstichwort, in dem es heißt, dass es „mehrere Verletzte bei einer Gewalttat“ gegeben hat, wissen sie, wird dass es diesmal kein Einsatz wie bei einem Gefahrgutaustritt.

Da zum Zeitpunkt ihrer Alarmierung bereits klar war, dass es sich um einen gefährlichen Einsatz handelt – der Täter war noch unterwegs und bewaffnet –, mussten sie zu Hause Überzeugungsarbeit leisten: „Meine Eltern wollten nicht, dass ich gehe. Ich kann ihre Sorge verstehen“, sagt Lasse. Gegangen ist er trotzdem.

Eltern wollen Sohn zunächst nicht gehen lassen

Auch die Eltern von Mark, der seine Einsatzkleidung zu Hause hat und sie direkt anzog, wollten ihren Sohn zunächst nicht gehen lassen. Doch auch er macht sich in jenen Minuten kurz nach 22 Uhr auf den Weg, sie alle, Lasse, Fabian und Mark treffen sich im Gefahrenabwehrzentrum.

In der Zwischenzeit treffen immer neue Meldungen ein. Wenige Minuten nach der ersten Alarmierung werden die ersten Toten bestätigt. „Als wir mitbekamen, dass Seelsorger alarmiert wurden, war uns klar, dass das kein normaler Einsatz werden wird.“ Vom Gefahrenabwehrzentrum geht es für die Sanitäter zu ihrem Bereitstellungsplatz an der Ecke Burgallee/Karlsbader Straße – erst einmal.

Immer mehr Meldungen treffen ein

Denn dann kommt die Meldung, dass es auch einen Vorfall im Lamboy gegeben haben soll. „Wir gingen zunächst noch von einem dritten Tatort aus“, beschreibt Fabian die Situation. Auch darüber, ob es sich um einen oder sogar mehrere Täter handelt, weiß zu diesem Zeitpunkt keiner etwas. Doch Lamboy entpuppt sich als Falschmeldung, sie bleiben in der Weststadt.

Als Teil der Hintergrundbereitschaft bleiben Lasse, Fabian und Mark genau dort – im Hintergrund. Sie sehen keine Toten, zumindest keine, die nicht abgedeckt sind, und sie sehen keine Verletzten. Um das Leben der Angeschossenen in der Shisha-Bar am Kurt-Schumacher-Platz kämpfen die hauptamtlichen Sanitäter. Aufgabe der drei ist es, sich um die Angehörigen zu kümmern, die in zur Verfügung gestellten Bussen der städtischen Nahverkehrsgesellschaft HSB untergebracht sind.

Emotionale Ausnahmesitutation

Es sind Menschen, die nur wenige Minuten zuvor nahestehende Familienmitglieder, teils ihre eigenen Kinder, haben sterben sehen. Eine emotionale Ausnahmesituation, die durch die Unterbringung in einem Bus noch zusätzlich verdichtet wird – und mittendrin die drei Teenager. „Die Leute sind ausgeflippt“, beschreibt Lasse. Einige gehen aufeinander los, Wut, Trauer, Schock, Entsetzen vermischen und entladen sich.

„Da liegt mein Bruder“, sagt jemand zu Fabian, und er muss ihm sagen, dass er ihm nicht helfen kann. „Die Situation war nicht greifbar, einfach surreal.“ Was sie tun können, tun sie: da sein, zuhören.Gegen 4 Uhr morgens ist der Einsatz für das Trio beendet, die drei fahren wieder nach Hause – und nur wenige Stunden später gehen sie wieder ganz normal in die Schule. „Die Jungs sind ein Licht inder Dunkelheit“, spricht es der stellvertretende Hola-Leiter, Helge Messner aus, und aus ihm spricht unüberhörbar ein großer Stolz.

Einsatzkräfte werden psychologisch betreut

Großeinsätze kennen die drei, sie waren schon bei den Evakuierungen im Zuge der Bombenentschärfungen auf dem Pioneer-Gelände dabei. Doch so etwas wie die Ereignisse vom Mittwochabend hat es in Hanau zuvor nicht gegeben. „Hanau wird diesen Tag nicht hinter sich lassen können“, sagt Fabian. Und die drei jungen Männer? Können sie den 19. Februar 2020 hinter sich lassen? „Ich glaube schon, dass ich die Situation gut bewältigen kann“, ist sich Fabian sicher.

Wer es nicht kann, für den gibt es Hilfe: So werden die Einsatzkräfte, die an den Tatorten waren, psychologisch betreut. Und auch für die ‧ehrenamtlichen Unterstützungskräfte gibt es Gespräche zur Nachbearbeitung des Erlebten, des Gesehenen. Bleibt also wirklich nichts hängen bei den drei jungen Männern? „Wenn ich das nächste Mal meinen Piepser höre, wird es definitiv ein anderes Gefühl sein“, sagt Lasse.

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