Einblicke ins Museumskonzept gibt Jörg Stier (rechts) im Beisein von (von links) Susanne Simmler, Michael Göllner, Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Rouven Kötter (verdeckt). Links im Bild der offiziell größte Bembel der Welt.
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Einblicke ins Museumskonzept gibt Jörg Stier (rechts) im Beisein von (von links) Susanne Simmler, Michael Göllner, Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Rouven Kötter (verdeckt). Links im Bild der offiziell größte Bembel der Welt.

Museum eröffnet

Hanau: Hat Hitler den Apfelwein verboten?

Weit verbreitet ist die Mär, wonach die Region ihr Nationalgetränk einer Reblausplage im 16. Jahrhundert zu verdanken habe. 

Hanau - Weil die Laus fast den gesamten Bestand der Frankfurter Rebstöcke vernichtete, hätten sich die Menschen ein anderes Obst zum Keltern suchen müssen. Und ließen fortan den Saft gepresster Äpfel zu Apfelwein vergären.

Eine schöne Geschichte, zu deren Wahrheitsgehalt das Apfelweinmuseum in Hanau künftig Aufklärungsarbeit leisten will. Tatsächlich habe sich das Stöffche nämlich schon vor der Reblausplage als Volksgetränk etabliert. Neben historischen Fakten und Anekdoten zum Apfelwein lockt die Ausstellung mit Exponaten wie dem größten Bembel und dem größten Gerippten der Welt. Nach mehrmaligen Verzögerungen (wir berichteten) sind die Verantwortlichen inzwischen zuversichtlich, das Museum – das erste seiner Art in Hessen – noch in diesem Jahr eröffnen zu können. Die Finanzierung ist jedenfalls gesichert, nun geht es an die Umsetzung des Konzepts. Darüber berichteten Initiator Jörg Stier und seine Mitstreiter bei einer Pressekonferenz.

Schautafeln zur Geschichte des Apfelweins hat die Stadt Hanau dem Museum überlassen. 

In den Räumlichkeiten hinter dem Main-Genuss-Laden am Heumarkt ist derzeit eine vorläufige Ausstellung mit verschiedenen Bembeln und mit Schautafeln zu sehen, die die Stadt Hanau zur Verfügung gestellt hat. In den nächsten Monaten geht es an die Ausgestaltung des Museums. „Das Konzept steht und die arbeitsreiche Umsetzung kann beginnen“, freut sich Kurator Stier. „Derzeit arbeiten wir an den Texten für die diversen Schautafeln und an den Inhalten für die Multimedia-Stationen.“ Außerdem gilt es zu entscheiden, welche der vorhandenen Exponate in der ersten Ausstellung des „Gerippten Museums“ zu sehen sein werden.

Die Schautafeln sollen mit Schlagzeilen zum Lesen anregen und drei Behauptungen nebeneinanderstellen: eine wahre, eine unwahre und eine nicht bewiesene. Eine Antwort gibt es zum Beispiel auf die Frage: Hat Hitler den Apfelwein verboten?

Ein halbes Dutzend Ehrenamtliche engagiert sich seit mehr als zwei Jahren für das Museum. Der Umbau der Räume dauerte länger als geplant, und auch die Corona-Krise hat zu Verzögerungen geführt. Insgesamt rund 100 000 Euro sind nach Angaben des Trägervereins Apfelwein-Centrum Hessen (ACH) für die Finanzierung nötig. An den Umbaumaßnahmen hatten sich im vergangenen Jahr bereits der Main-Kinzig-Kreis mit 45 000 Euro und die Stadt Hanau mit 15 000 Euro beteiligt. Etwa 5000 Euro werden über private Spenden abgedeckt. Zusätzlich unterstützt der Regionalverband Frankfurt-Rhein-Main das Museumsprojekt mit 10 000 Euro. Weitere 15 000 Euro steuert „Frankfurt-Rhein-Main – Verein zur Förderung der Standortentwicklung“ bei. Mit dieser Summe sei die letzte Finanzierungslücke geschlossen worden.

Zustande gekommen war der Kontakt zwischen den ehrenamtlichen Museumsmachern und dem Regionalverband auf Vermittlung der Ersten Kreisbeigeordneten Susanne Simmler. „Wir haben das Projekt von Anfang an inhaltlich und finanziell mit vorangetrieben, weil wir von seiner Bedeutung für die Region überzeugt sind“, betont die Vize-Landrätin. Das Museum werde als „Schmuckstück“ in Hanau und der Region sicher nicht nur Touristen anlocken und begeistern.

Bembel in allen Größen und Formen zählen zu den Exponaten des Apfelweinmuseums.

Rouven Kötter, Erster Beigeordneter des Regionalverbandes, verbindet mit der Förderung des Museums konkrete Erwartungen: „Wir erhoffen uns inhaltlich eine enge Verzahnung. Unsere Streuobstwiesen sind nicht nur eine ökologisch wichtige Kulturlandschaft, sondern auch Naherholungsgebiete und Nahrungslieferanten.“ In den nächsten Monaten wollen beide Seiten über die Ausgestaltung der Zusammenarbeit sprechen und Ideen entwickeln. An diesem Prozess wird sich auch Michael Göllner als Vorsitzender der Hessischen Apfelwein- und Obstwiesenroute/ Regionalschleife Main-Kinzig beteiligen.

Der Eintritt ins Museum kostet keinen Eintritt. Laufende Kosten sollen über Seminare, Lesungen und andere Veranstaltungen gedeckt werden. Das setzt allerdings voraus, dass der Corona-Sicherheitsabstand reduziert wird. Nach den aktuellen Vorgaben könnten in dem etwa 60 Quadratmeter großen Museum nur etwa zehn Stühle gestellt werden, was sich nach Angaben Stiers nicht lohnen würde.

Wenn sich das Museum als Erfolg erweist, ist eine Erweiterung möglich. Hinter der Rückwand stünden weitere Räume zur Verfügung, die durch einen Durchbruch verbunden werden könnten.

Und wie war das nun damals mit Hitler und dem Äppler-Verbot? Die Nazis waren dem hessischen Traditionsgetränk nicht gerade verbunden und schränkten die Kelterei ein. Alkohol diene, im Gegensatz zu Äpfeln und Saft, nicht der deutschen Volksgesundheit.

Von Katrin Stassig

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