Wie ein schwebendes Möbelstück wird der Spieltisch der neuen Orgel über dem Boden angeordnet. Grafik: HHS Planer + Architekten AG, Kassel

Hanau

Heilig-Geist-Kirche soll ungewöhnliches Instrument bekommen

Hanau. Über 55 Jahre ist es her, dass die katholische Heilig-Geist-Kirche im Stadtteil Lamboy geweiht wurde. Eine „richtige“ Orgel hat sie bis heute nicht. Jetzt ist die Entscheidung für die Anschaffung einer ganz besonderen Kirchenorgel gefallen.

Von Reinhold Schlitt

Gebaut wird ein Instrument, dessen Vorderansicht selbst langjährigen Orgelbauern noch nicht untergekommen ist: Orgelpfeifen wird man hier nur ganz vereinzelt durch ein Passepartout sehen können.

Gewöhnlich gibt das „Gesicht“, also die Front einer Kirchen- oder Konzertorgel, einen Teilblick auf Orgelpfeifen in „Reih‘ und Glied“ („wie die Orgelpfeifen stehen sie da“) frei. Diese Formsprache wird in der Heilig-Geist-Kirche nun durchbrochen.

Spezialist für sehr spezielle und innovative LösungenDie Front der geplanten Orgel – Fachleute sprechen vom „Prospekt“ – soll aus einer großen Schwarzblechfläche bestehen, die aus mehreren Einzelfeldern gebildet wird. Darin werden einzelne, senkrecht verlaufende Öffnungen eingelassen. Nur diese, scheinbar willkürlich platzierten „Schlitze“ geben dann einen Blick auf dahinter angeordnete Pfeifen frei und dienen als zusätzliche Schallöffnungen.

Unter insgesamt drei Orgelentwürfen, die im Rahmen eines Wettbewerbs vorgelegt wurden, hat dieser Vorschlag des Kasseler Architektenteams HHS Planer + Architekten AG und des über 600 Jahre alten Orgelbauunternehmens Weimbs aus Hellenthal (Eifel) den Zuschlag erhalten. Der Orgelbauer gilt in der Fachwelt als Spezialist für sehr spezielle und innovative Lösungen.

Einiges andersDie Gestaltung des Orgelprospekts wird den Farbton des dominanten Holzkreuzes über dem Altar und den des Naturschieferbodens in der Kirche aufnehmen. Der Entwurf aus Nordhessen strahlt nach Angaben des Preisgerichts eine „disziplinierte Ruhe“ aus, die Rücksicht nimmt auf die ansonsten unruhig oder gar „ruppig“ wirkenden Bruchsteinwände und die sie begrenzenden hellen Stahlbetonbänder sowie auf die kräftig getönten Farbglasfenster.

Auch sonst ist in Heilig Geist einiges anders. Es gibt es hier keine klassische Orgelempore. Die Fläche für das Orgelbauwerk im hinteren Teil der Kirche ist nicht besonders groß und wird in der Breite zudem durch zwei bis an die Decke reichende Seitenwände begrenzt. Damit ist eine Ausrichtung des künftigen Instruments in die Höhe fast schon „alternativlos“.

Mit zwei Manualen (Klaviaturen), Pedal (Klaviatur für die Füße) und maximal 23 Registern bzw. Pfeifengruppen wird die Orgel eher zu den kleineren Vertretern ihrer Gattung gehören.

Schwebender SpieltischUngewöhnlich ist auch die Anordnung des Organisten-Arbeitsplatzes. Der Spieltisch wird über dem Boden „schwebend als eigenständiges Möbelstück“ mit dem Passepartout verbunden. Das ermöglicht dem Organisten einerseits eine gewisse Ungestörtheit und gestattet andererseits eine große Nähe zum Chor und seinem Dirigenten. Auch hier gaben die räumlichen Verhältnisse den Ausschlag, denn Umbauten zur Erweiterung der Aufstellfläche sind ausgeschlossen.

Vermutlich hätten aber auch die Nachlassverwalter des Erbauers von Heilig Geist etwas gegen eine Veränderung des Grundrisses, handelt es sich doch um ein Werk des 1974 verstorbenen Architekten Johannes Krahn. Der Architekturprofessor lehrte unter anderem an der Frankfurter Städel-Schule und hat auch eine Reihe anderer Kirchen entworfen, jedoch: Diese Kirche an der Lamboystraße wird unter Denkmalschützern zu „den anschaulichsten Belegen“ seines Schaffens gezählt, wie es in der Theiss-Denkmalbiografie für Hanau heißt.

Kreative EntwürfePfarrer Lothar Zimmermann sagte unserer Zeitung: „Wir wussten, dass die für einen Orgelneubau vorhandenen räumlichen und materiellen Gegebenheiten nicht gerade üblich sind, wenn man allein die im Vergleich zu vielen anderen Kirchen geringe Aufstellfläche für das Instrument und außerdem die begrenzten finanziellen Möglichkeiten bedenkt. Umso überraschter waren wir über die kreativen Entwürfe, die uns dann vorgelegt wurden. Eine Passepartout-Lösung wäre mir im Traum nicht eingefallen. “

Auch für die Kasseler Architekten der Orgel war die Arbeit an ihrem Entwurf ein spannender Prozess. Architekt BDA Guido Höfert sagte: „Uns hat dieser Auftrag in Zusammenarbeit mit der Orgelbaufirma Weimbs sehr viel Spaß gemacht. Wir haben eine reizvolle Kirche vorgefunden, deren Bruchsteinwände, Betonelemente und Fensterbänder aus kräftigen Farben uns zu dieser Passepartout-Lösung inspiriert haben. Es war uns schnell bewusst, dass angesichts der Qualität des Kircheninnenraumes sehr viel von der Gestaltung des Orgelprospektes abhängen würde.“

Noch etwas Geduld gefragtDass die Pfarrgemeinde ihrem ersten Superlativ, seit über 50 Jahren mit einem Orgel-Provisorium zu leben, nun einen zweiten, nämlich die ungewöhnliche Gestaltung des künftigen Orgelprospektes, hinzufügen kann, verdankt sie also letztlich dem Gebäudegrundriss und den „ruppig wirkenden“ Wänden des Kircheninnenraumes. Bis die neue Orgel erklingen kann, werden freilich noch rund drei Jahre ins Land gehen.

Das könnte Sie auch interessieren