Dachdeckermeister, Coach und Buchautor: Jörg Mosler ist am Sonntag Gastredner bei der Kreishandwerkerschaft Hanau im Congress Park. Foto: Guido Rehme (Privat)

Hanau

Handwerk: Jörg Mosler spricht über Gewinnung von Arbeitskräften

Hanau. Handwerk braucht Leidenschaft – vor allem für die Gewinnung von guten Mitarbeitern, sagt Jörg Mosler. Der Dachdeckermeister selbst hatte diese Leidenschaft für seinen Beruf nicht mehr, weshalb er 2014 umsattelte und Coach sowie Buchautor wurde.

„Meine hervorstechendste Eigenschaft war schon immer meine große Schnauze“, sagt er augenzwinkernd. Mittlerweile hat Mosler mehrere erfolgreiche Bücher geschrieben, in denen er sich mit dem Thema Mitarbeitergewinnung im Handwerk auseinandersetzt.

Am kommenden Sonntag wird er auf Einladung der Kreishandwerkerschaft Hanau beim 1. Hanauer Handwerkskongress im Congress Park Hanau sprechen. Daran werden rund 400 Handwerker aus dem Bezirk der Kreishandwerkerschaft Hanau teilnehmen. Im Vorfeld gab Mosler unserer Zeitung ein Interview zu seinem Lieblingsthema.

Wann haben Sie das letzte Mal auf einem Dach gestanden, Herr Mosler?Ende 2013, das weiß ich noch so genau, weil es einen Sturm gegeben hatte und wir so viel zu tun hatten, dass ich als Chef selbst mit raus musste. 2014 habe ich dann meinen beruflichen Wechsel vollzogen.

Warum?Ich habe für meine Arbeit als Handwerker nicht wirklich die Leidenschaft entwickelt, die man braucht. Ich habe in den 16 Jahren aber unfassbar viele leidenschaftliche Handwerker kennengelernt. Diese Leidenschaft gilt es auf die Straße zu bringen, um diesen Berufszweig wieder in die Köpfe der Menschen zu bekommen. Das ist das, was ich sehr gut kann: Ich kann Leute mit Worten zum Nachdenken bringen. Egal, ob sie gesprochen oder geschrieben sind. Durch mein Talent kann ich dem Handwerk nun wieder unter die Arme greifen.

Inwieweit hilft Ihnen dabei Ihre praktische Erfahrung als Handwerker?Das, was ich sage, passt eigentlich in jede Branche. Aber im Handwerk braucht man Stallgeruch. Wenn man den hat, hilft das, was die Akzeptanz der Inhalte angeht, weiter.

Warum klagt das Handwerk mit am lautesten über Fachkräftemangel?Aus meiner Sicht klagt das Handwerk zu viel. Natürlich wird es immer schwieriger, Fachkräfte und auch Nachwuchs zu finden. Ich sage immer: Wer mit Fingern auf andere zeigt, hat drei Finger, die auf ihn selbst zurück zeigen. Das heißt: Ja, die Situation ist schwieriger geworden, aber wir müssen sie einfach annehmen und schauen, wo unsere Stärken sind und wo wir sie einsetzen können.

Wir bekommen die Leute nicht durch unser Klagen, sondern durch Begeisterung und Leidenschaft. Wir sollten uns also nicht über den Mangel an Fachkräften beklagen, sondern über den Mangel an Ideen. Da sollte sich jeder Unternehmer selbst fragen, was er für sein Unternehmen tun und wie er es für diese Situation aufstellen kann.

Oftmals heißt es, viele junge Leute wollten sich die Hände nicht mehr schmutzig machen.Unbestritten ist es so, dass wir eine gesellschaftliche Strömung haben, die den Weg des Studiums vorzieht. Das ist so. Aber haben wir in den vergangenen 20 Jahren auch genug getan, um das Bild des Handwerks dagegen zu positionieren? Ich sage nein. Bis wir eine gesellschaftliche Entwicklung verändern, wird verdammt viel Wasser den Main hinab fließen.

Einfacher ist es, wenn sich ein einzelnes Unternehmen als toller Arbeitgeber, als Karrieremöglichkeit präsentiert und positioniert. Etwa 30 Prozent der Studierenden beenden ihr Studium nicht. Da sollte man sich als Unternehmer doch fragen: Was tue ich, um mich als Alternative sichtbar zu machen?

Was sollte ein Unternehmer tun?Bei der Mitarbeitergewinnung sollte man sich immer erst einmal fragen, wofür das eigene Unternehmen steht. Die Geschichte müssen sie dann auf die Straße bringen. Und dabei spielt Social Media eine große Rolle für mich,das Internet. Da ist noch sehr viel Potenzial im Handwerk.

Warum ist das Handwerk noch nicht so weit?Vom Handwerk allgemein zu sprechen, ist bei dieser Frage schwierig. Es gibt 130 Berufe. Auch sind die Unternehmen nicht alle gleich. Wir haben im Handwerk aber immer noch sehr viele Unternehmen, die auf diesen Zug nicht aufgesprungen sind.

Das wird nicht mehr lange gut gehen. Wer in fünf Jahren noch nicht gelernt hat, online zu kommunizieren, der ist draußen – sowohl bei der Kunden- als auch bei der Mitarbeitergewinnung. Wir haben im Handwerk aber auch viele Leuchtturmunternehmen, die den anderen vormachen, was alles möglich ist.

Hemmt die konjunkturelle Hochphase den Innovationsdrang?Ich würde sogar sagen, dass die derzeitige Hochkonjunktur dem Handwerk mehr schadet als nutzt. Das klingt komisch, aber als Handwerker würde ich mich immer fragen, was habe ich persönlich dafür getan, dass mir die Kunden momentan die Bude einrennen. Wie viel ist durch die konjunkturelle Hochphase und das niedrige Zinsniveau bedingt und was haben wir wirklich selbst getan?

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen irgendwann wieder schlechter werden. Je besser ich mich als Unternehmer jetzt aufstelle mit Blick auf Sichtbarkeit, Servicequalität und Anziehungskraft von Mitarbeitern, desto besser komme ich durch eine konjunkturell schwächere Phase.

Sie haben gemeinsam mit dem Handwerksmagazin eine Studie gemacht zur Frage: Was wünschen sich Mitarbeiter im Handwerk wirklich? Was ist dabei herausgekommen?Fangen wir bei dem Wichtigsten an: Ja, Geld ist wichtig. Das ist logisch, jeder muss seinen Lebensunterhalt bestreiten. Aber für die Allerwenigsten ist dies der einzige Grund bei der Entscheidung für einen Arbeitgeber. Es gibt da noch eine ganze Reihe emotionaler Faktoren, die bei sehr vielen Arbeitsgebern hinten runterfallen. Die wichtigsten Motivationsfaktoren sind Spaß und gute Kollegen. Und das Gefühl, dass meine Arbeit wichtig ist.

Was können Innungen und Verbände tun, um das Berufsbild zu verbessern?Die können sehr viel tun, indem sie eben Veranstaltungen organisieren oder auf Berufsbildungsmessen gehen. Innungen und Handwerksverbände können unterstützen, ein Fundament legen, sie können politisch viel Einfluss nehmen.

Beim Thema Mitarbeitergewinnung sitzt jedes Unternehmen jedoch in seinem eigenem Boot, und da gilt es, möglichst ein großes Segel zu setzen. Es ist eben viel schwieriger, den ganzen Berufszweig des Dachdeckers attraktiv zu machen, als – ich sag mal – Dachdecker Müller allein. Das sind allerdings zwei komplett unterschiedliche Paar Schuhe.

Das Gespräch führte Holger Weber

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