Schwerer Vorwurf: Der Angeklagte (links) soll eine Hanauerin im Dezember 2017 vergewaltigt haben. Rechtsanwalt Matthias Ganser (rechts) bemängelte, dass er die für seine Verteidigung eminent wichtige CD mit der Vernehmung des Opfers nicht in seinen Akten hatte. Foto: Rainer Habermann

Hanau

Hanauerin vergewaltigt: Prozess gegen 62-Jährigen hat begonnen

Hanau. Vor der 5. Großen Strafkammer des Hanauer Landgerichts hat am Dienstag ein Prozess begonnen, in dem ein zum Tatzeitpunkt 60-jähriger Kurierfahrer aus Dietzenbach beschuldigt wird, eine laut Pressemitteilung des Gerichts „leicht minderbegabte“ Hanauerin im Dezember 2017 in deren Wohnung vergewaltigt zu haben.

Von Rainer Habermann

Durch den von ihr ungewollten Geschlechtsverkehr soll er sie so heftig im Genitalbereich verletzt haben, dass sie schwere Blutungen erlitt und in einer Klinik operiert werden musste.

Angeklagter befindet sich auf freiem Fuß

Die Anklage, die Oberstaatsanwalt Dominik Mies verlas, lautet somit auf Vergewaltigung und schwere Körperverletzung. Der Angeklagte, der sich auf freiem Fuß befindet, soll sein Opfer zum Verkehr genötigt haben, obwohl die Frau sehr deutlich gebeten hatte, mit den sexuellen Handlungen aufzuhören.

Tattag war der 18. Dezember 2017. Das Opfer, das auch als Nebenklägerin im Prozess auftritt, wird vertreten von der Hanauer Rechtsanwältin Gabriele Berg-Ritter. Der Verteidiger des heute 62-Jährigen ist der Frankfurter Anwalt Matthias Ganser, und der hatte gleich eine Besetzungsrüge gegen das Gericht parat.

Kurios: Schöffe weilt im Urlaub

Denn die 5. Kammer erschien nicht komplett zum angesetzten Prozessbeginn, es fehlte ein Schöffe, der momentan im Urlaub in Spanien weilt, wie der Vorsitzende Richter und Landgerichtsvizepräsident Dr. Mirko Schulte durch einen Anruf auf dem Handy des ehrenamtlichen Richters herausgefunden hatte.

Wie auch immer: Nach Vereidigung einer eilends herbeigerufenen Ersatzschöffin und Zurückweisung der Rüge durch die Kammer startete das Verfahren mit rund eineinhalbstündiger Verzögerung erneut. Nur, um nach weiteren fünf Minuten wieder unterbrochen zu werden: Rechtsanwalt Ganser bemängelte, eine für seine Verteidigung eminent wichtige CD nicht in seinen Akten vorgefunden zu haben.

Video von Vernehmung nicht auffindbar

Nämlich diejenige mit der Video-Vernehmung der Geschädigten, in der sie die Vergewaltigung schildert. Dies jedoch sah auch die Kammer als ausgesprochen schwerwiegend an – wie soll ein Verteidiger seinen Mandanten verteidigen, wenn er keinen unmittelbaren Eindruck von den Aussagen des vermeintlichen Opfers gewinnen kann?

Lediglich eine „Verschriftung“ habe Ganser vorgelegen, aber eben nicht das Video selbst. Aus welchen Gründen auch immer die CD nicht in die Verteidigerakte gelangte, und weshalb er das nicht frühzeitig rügte: das Gericht unterbrach nach kurzer Beratung die Verhandlung und vertagte sich auf den nächsten vorgesehenen Prozesstag. Wobei der Verteidiger noch erklärte, sein Mandant werde sich im Laufe des Verfahrens über ihn zur Sache einlassen.

Am Prozess, für den die Kammer neben drei Fortsetzungs- noch zwei Zusatztermine eingeplant hat, nimmt die Diplompsychologin Sonja Parr aus Gießen als aussagepsychologische Sachverständige teil.

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