Wer derzeit im Neuwirtshäuser Wald unterwegs ist, kann den Vollholzerntner, den Harvester, live erleben. Was früher Waldarbeiter in mühsamer Arbeit erledigt haben, macht die gigantische Maschine mit links. Foto: Kalle

Hanau

Hanauer Waldgeschichten: Wenn Bäume zu Mikadostäbchen werden

Hanau. Durch den Wald schimmern helle Scheinwerfer. Je näher man kommt, desto lauter werden die Geräusche. Bald werden die Umrisse eines Fahrzeugs deutlich. Ein gigantischer Koloss, der mit seinem Greifarm, der einem Science-Fiction-Film entsprungen scheint, stattliche Kiefern packt, um sie wie Mikadostäbchen zu Fall zu bringen.

Von Kerstin BiehlDas futuristisch anmutende Gefährt, das sich behände seinen Weg durch den Kiefernwald im Staatswald Wolfgang bahnt, ist ein Harvester, ein Holzvollernter. Fällen, entasten, zerteilen – das sind seine Aufgaben.

Im Führerhaus sitzt Matti Mähönen. Der 53-Jährige kommt aus Finnland, lebt in Österreich. „Ich bin ein Öfi“, schmunzelt er. Und tatsächlich, sein Akzent ist eine Mischung aus hartem Finnisch und weichem Österreicher Schmäh. Ein sympathischer Kerl, der als Harvesterführer schon viel rumgekommen ist. „In elf Ländern war ich schon für die Holzernte im Einsatz, jo weißt du“, erzählt er. Mit „jo weißt du“ lässt er fast jeden Satz enden. Das macht ihn noch sympathischer.Sechs Wochen in Hanau im EinsatzWas er da genau macht, will ich wissen, und ob das mit der Zeit nicht langweilig wird. Matti schaut mich eine Weile erstaunt an. Dann grinst er. „Ich mache diese Arbeit seit 1986. Langweilig ist mir dabei noch nie geworden, ganz im Gegenteil, es ist reizvoll, du bist den ganzen Tag in der Natur und dabei immer an anderen Orten unterwegs, weißt du.“

Sechs Wochen ist Matti in diesem Spätherbst in Hanau im Einsatz. Er arbeitet dabei ganz alleine. Wenn er in Hanau fertig ist, führt sein Weg weiter nach Aschaffenburg. Bis dahin gibt es aber noch einiges zu tun.Förster gibt vor, was genau abzuholzen istDie Information, was genau abzuholzen ist, bekommt Mähönen von Förster Achim Kaufmann. Er hat die zu fällenden Kiefern in den vergangenen Wochen mit pinker Farbe markiert. „Im Jahrzehnt wird zwei bis dreimal der Bestand mit dem Harvester geerntet. Vor zwanzig Jahren haben wir damit begonnen. Vorher haben wir das alles noch konventionell mit Waldarbeitern gemacht.

Die Waldarbeiter haben die Bäume gefällt und mit Seilschlepper oder Pferd rausgezogen“, informiert Kaufmann und zählt die Vorteile eines Harvesters auf: „Bei der klassischen Holzernte mit Forstarbeitern fallen die Bäume kreuz und quer, teilweise auch gar nicht richtig, bleiben in Astgabeln anderer Bäume hängen, verletzten sie und sind obendrein eine Gefahr für die Waldarbeiter. Der Harvester ist kostengünstig. Und viermal so schnell wie Waldarbeiter. Zudem sehr waldpfleglich.“

 

Steuerung mittels Joystick und TouchpadZwar kollidiere die große Maschine mit dem gängigen Gedanken an die Natur, „aber tatsächlich steckt viel Geist und Innovation in so einem Harvester“. Zum Vergleich: Der Koloss schafft 150 Festmeter am Tag, Waldarbeiter zwischen 20 und 30. Die Rückegassen, durch die Mähönen den Harvester steuert, sind alle 25 Meter angelegt. Mit seinem Greifarm kann die Maschine von dort aus alle Bäume gut erreichen.

Ein Blick ins Führerhaus des gigantischen Fahrzeugs – es misst rund drei mal sechs Meter – offenbart eine hochtechnisierte Maschine. Mähönen steuert mittels Joystick und Touchpad.Ohne richtige AusbildungEine Ausbildung dafür habe er nie gemacht. „Das gab es damals noch nicht“, lacht er. Heute allerdings gäbe es dafür in Finnland eigens Schulen. In den Bordcomputer kann Mähönen Länge und Mindestdurchmesser eingeben.

Wird dieser nicht erfüllt, setzt die Kettensäge erst gar nicht an. Vieles funktioniert automatisch. Der Greifarm allerdings muss manuell gesteuert werden. Stupide ist diese Arbeit mitnichten. „Ich muss ständig aufmerksam sein, beobachten, was vor und hinter mir passiert. Mitdenken. Umsichtig sein“, so der Finne, während er mit dem zwölf Meter langen Greifarm eine gut sechzig Jahre alte Kiefer ansteuert.Über Aschaffenburg zurück nach Hause„Sie ist nicht ganz gerade gewachsen“, stellt er fest. Für den Harvester kein Problem. Er umgreift den Baum fest, fährt die Kettensäge aus, sägt ihn ab, packt ihn dabei mit seiner riesigen Schaufel, entastet ihn noch in der Luft und zersägt ihn in drei Meter lange Stücke. Sie bleiben am Rand der Rückegasse liegen. „Das ist der riesen Vorteil des Harvesters. In einem Wald wie diesem stehen die Bäume eng; der Harvester wird gezielt zu dem Baum gelenkt und bringt ihn sachte zu Fall.“

Wenn in rund zwei Wochen die Rückemaschinen kommen, um das Holz abzutransportieren, wird Mähönen schon weitergezogen sein. Die nächste Station ist Aschaffenburg. Erst an Weihnachten kehrt er nach Hause zurück. Nicht nach Finnland, nach Österreich. Dort, in Kärnten, wartet seine Frau auf ihn.

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