Tobias Rathjen schien laut seines Jahrbuchs schon zu Schulzeiten nicht positiv aufzufallen. Foto: Privat

Hanau

Hanauer Terrornacht: Wer ist Tobias Rathjen?

Hanau. Er tötete in der Nacht zum Donnerstag insgesamt zehn Menschen und anschließend sich selbst: Tobias Rathjen. Doch wer ist er? Und wo wuchs er auf?

Von Monica Bielesch

Die Helmholtzstraße im Hanauer Stadtteil Kesselstadt ist beschaulich. Kleine, Reihenhäuser, dicht aneinander geschmiegt. In den Nachbarstraßen mit schmucken Bungalowbauten fährt der Postbote gerade seine Runde auf dem Fahrrad. Auf der Kantstraße führt eine Frau ihren kleinen Hund spazieren und muss die Straßenseite wechseln, weil Kamerateams und eine Polizeiabsperrung die Einfahrt zur Helmholtzstraße versperren. In einem der Reihenhäuser, deren Gärten zur Kantstraße zeigen soll der mutmaßliche Täter Tobias Rathjen mit seinen Eltern gewohnt haben.

In einem der Gärten liegt eine rosafarbene Kinder-Schubkarre neben einer pinken Schaukel. Ein paar Häuser weiter ist der letzte Tatort dieses schrecklichen Tages, da wo Amokläufer Tobias Rathjen (43) und seine 72-jährige Mutter tot aufgefunden wurden. In der Nachbarschaft wohnen auch Sabine K. und ihr Lebensgefährte P. (Namen von der Redaktion geändert). „Die Familie des Täters ist seit Jahren hier bekannt“, sagt P. am Telefon. Besonders Hans-Gerd Rathjen (72), der Vater des Amokläufers, sei in der Nachbarschaft gefürchtet. Erst Anfang des Jahres habe Rathjen Senior Mülltonnen umgeworfen und den Müll auf den Parkplätzen der Nachbarn verteilt.

„Das machte alles eigentlich einen normalen Eindruck.“

Zwar hätten sie bisher keine rechtsradikalen Umtriebe von den Rathjens erlebt, aber Angst haben sie trotzdem, wollen daher auch nicht lange mit der Presse sprechen. „Wenn der Vater wiederkommt, dann weiß man nicht, zu was der in der Lage ist.“ Schließlich hätte sich Hans-Gerd Rathjen auch schon mit Politikern angelegt, hat vor vier Jahren Oberbürgermeister Claus Kaminsky wegen einer angeblichen Scheinkandidatur bei der Kommunalwahl angeklagt – ohne Erfolg.*

Auch der ehemalige Pfarrer Konrad Well wohnt in der Nachbarschaft. „Aus der Distanz“ kenne er die Familie Rathjen, erzählt Well am Telefon. „Das machte alles eigentlich einen normalen Eindruck.“

Rathjen verfasste ein Manifest

Der mutmaßliche Täter war beim Main-Kinzig-Kreis als Sportschütze gemeldet, bestätigt Pressesprecher John Mewes auf Nachfrage. Der Schütze beantragte vor einigen Jahren eine Waffenbesitzkarte, auf der drei Waffen eingetragen waren. Diese wurde ihm auch ausgestellt. Genauere Details konnte der Kreis nicht nennen. Der mutmaßliche Täter war Mitglied im Schützenclub Diana Bergen Enkheim.

Tobias Rathjen veröffentlichte laut den Ermittlungsbehörden „eine Art Manifest“ auf seiner inzwischen abgeschalteten Internetseite, das neben wirren Gedanken und abstrusen Verschwörungstheorien auch Hinweise auf eine „zutiefst rassistische Gesinnung“ enthalte.

Abitur an der Hohen Landesschule

Auf dieser nicht mehr einsehbaren Homepage soll Rathjen angegeben haben, in Hanau aufgewachsen und dort zur Schule gegangen zu sein. Nach dem Abitur auf der Hohen Landesschule 1996 absolvierte er seinen Zivildienst. Schließlich soll er eine Lehre zum Bankkaufmann absolviert haben und danach in Bayreuth Betriebswirtschaftslehre studiert haben. Rathjen soll außerdem Mitglied im Schützenverein Diana Bergen Enkheim gewesen sein.

*In einer früheren Version dieses Artikels hatten wir geschrieben, dass Rathjen Senior aktives Mitglied der Hanauer Grünen sein soll. Diese Information hat sich jedoch als falsch erwiesen. Der Vater von Tobias Rathjen hatte auf der Grünen-Liste erfolglos für den Ortsbeirat kandidiert. Er war nie Mitglied der Grünen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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