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Die Anwältin, die den Opfern beisteht

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Von: Thorsten Becker

Fordert mehr Fingerspitzengefühl im Umgang mit Opfern von Straftaten: Rechtsanwältin Gabriele Berg-Ritter leistet neben juristischem Beistand im Gerichtssaal auch viel Sozialarbeit.
Fordert mehr Fingerspitzengefühl im Umgang mit Opfern von Straftaten: Rechtsanwältin Gabriele Berg-Ritter leistet neben juristischem Beistand im Gerichtssaal auch viel Sozialarbeit. © Thorsten Becker

Gabriele Berg-Ritter, Fachanwältin für Strafrecht, kümmert sich vor und außerhalb des Gerichtssaals um die Opfer von Kriminalität. Was sie in 25 Jahren erlebt hat, ist teilweise haarsträubend und zeigt: Es gibt noch Nachholbedarf.

Hanau – Sie bekommt Ängste, wenn ein Kunde den Verkaufsraum betritt. Déjà-vu. Obwohl der Mann, der gerade getankt hat, freundlich und zuvorkommend ist. Auch ihr Chef nimmt beim Dienstplan Rücksicht auf sie. Nur noch Tagschicht. Doch irgendwann kann die junge Frau nicht mehr, sie muss ihren Job an den Nagel hängen, kann nicht mehr in der Tankstelle in Maintal arbeiten.

Der Tatort, an dem sie innerhalb weniger Monate zweimal Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls geworden ist. „Viele können sich nicht vorstellen, was für Auswirkungen Verbrechen wie diese haben und was für Folgen es für die betroffenen Menschen gibt. Es gibt kaum jemanden, der zu mir kommt, der nicht traumatisiert ist“, sagt Gabriele Berg-Ritter, Fachanwältin für Strafrecht. Sie ist darauf spezialisiert, Opfern zur Seite zu stehen.

In diesem Fall hat die gebürtige Hanauerin, die 1989 vom damaligen Landgerichtspräsidenten Otto Kästner ihre Zulassung erhalten hat, die junge Tankstellenangestellte vor der Großen Strafkammer vertreten.

„Dass sie bei schweren Straftaten das Recht auf die sogenannte Nebenklage haben – und sich sehr oft auch durch einen Anwalt vertreten lassen können, wissen viele Menschen nicht. Die Kosten dafür trägt sogar meist der Staat.“

Als Vertreterin der Nebenklage hat sie die gleichen prozessualen Rechte wie Staatsanwaltschaft und Verteidigung, kann Zeugen befragen, Anträge stellen und am Ende im Schlussvortrag auch Strafen fordern. Dass Berg-Ritter oft besser plädiert als Anklage oder Verteidigung, ist gerichtsbekannt. Durch eine Bekannte ist Berg-Ritter vor einem Vierteljahrhundert zum ersten Mal mit dem juristischen Spezialbereich Opferschutz in Kontakt gekommen. „Ich habe sie in einem Fall beim Gang zur Polizei begleitet und mit Schrecken festgestellt, wie man dort mit Opfern umgeht.“ Seitdem setzt sie sich vehement dafür ein, den Menschen, die durch Täter leiden oder verletzt werden, beizustehen.

Opferanwältin: Polizeiarbeit im Kreis „vorbildlich“

Nach 25 Jahren sieht sie insbesondere die Polizeiarbeit im Main-Kinzig-Kreis als „vorbildlich“ an. „Es hat sich viel geändert, die Polizei ist inzwischen gut geschult.“ Vor allem erhalten alle Betroffenen ein ausführliches Merkblatt, das sie über die Rechte von Verletzten oder Geschädigten informiert. Vom Recht auf einen juristischen Beistand über Prozesskostenhilfe bis zu Entschädigungsansprüchen und Anlaufstellen ist darauf alles vermerkt.

„Wir haben ein gutes Netzwerk in Hanau“, sagt Berg-Ritter und verweist auf die Hanauer Hilfe, die Opfer und Zeugen unterstützt, sowie die Lawine, die Fachberatungsstelle für Betroffene von sexueller Gewalt, und der Weiße Ring.

„Mein Job ist es, vor allem juristischen Rat zu geben. Aber es ist auch sehr viel Sozialarbeit dabei. Häufig müssen psychologische Betreuung oder gar Therapien in Anspruch genommen werden. Daher ist es gut, dass es im Landgerichtsbezirk ein breitgefächertes Angebot mit professioneller Hilfe gibt. Viele Opfer dürfen nicht allein gelassen werden.“ Daher engagiert sich die Rechtsanwältin auch im Arbeitskreis sexuelle Gewalt bei dem Behörden, Jugendamt, Kinderschutz und mehrere Hilfeeinrichtungen an einem Tisch sitzen.

Meist ist Berg-Ritter Einzelkämpferin und neben ihrem „Stammbezirk“ – den Amtsgerichten in Hanau und Gelnhausen sowie dem Landgericht Hanau – auch in Gießen, Amberg, Köln, Würzburg oder gar vor dem Hamburger Landgericht aktiv. Dann geht es meistens um Menschen aus dem Main-Kinzig-Kreis, die in einer anderen Stadt Opfer geworden sind. Oder um Angehörige. Wie den Vater, dessen Tochter an der Elbe bestialisch ermordet worden ist. „In einem Fall wie diesem muss ich sehr behutsam vorgehen. Denn die Polizei hatte lediglich die Nachricht über den Tod mitgeteilt. Dass es dann weitere Fragen gibt, ist menschlich völlig verständlich und die fürchterlichen Details gehören nun einmal zur Wahrheit. Dass seine Tochter nicht lange leiden musste, war für ihn das Wichtigste.“

Die meisten Opfer wollen einfach nur, dass man ihnen vor Gericht glaubt, dass ihr Leid anerkannt wird.“

Gabriele Berg-Ritter, Rechtanwältin

Als Opferanwältin gibt es für sie daher keinen Blick auf die Uhr. „Natürlich brauche ich eine professionelle Distanz und versuche, die Fälle möglichst in der Kanzlei oder im Gerichtssaal zu lassen. Sonst hätte ich nur schlaflose Nächte.“ Doch hat sie in den vielen Jahren beobachtet, dass die allermeisten Opfer gar nicht auf Rache aus sind. „Die meisten Opfer wollen einfach nur, dass man ihnen vor Gericht glaubt, dass ihr Leid anerkannt wird.“ Der Täter-Opfer-Ausgleich oder ein gerechtes Urteil trage oft dazu bei, dass die Menschen das Geschehen verarbeiten oder sogar damit abschließen können.

Allerdings kämpft sie auch gegen weit verbreitete Irrtümer. „Natürlich versuche ich immer, dass dem Opfer im Falle einer Verurteilung gleich ein Schadenersatz zugesprochen wird. Das erspart einen weiteren Zivilprozess. Wir sind aber nicht in den USA, und hier gibt es keine riesigen Summen.“

Zu den „schönsten Momenten“, die sie vor Gericht erlebt hat, zählt eine junge Frau, die eineinhalb Stunden ihrem Peiniger die Leviten gelesen hat. Der Richter ließ das Missbrauchsopfer gewähren, ohne es zu unterbrechen. „Das hat der Frau gutgetan, denn sie konnte endlich ihr Leid zum Ausdruck bringen, was bei der Verarbeitung des Traumas hilfreich war.“ Oder es gibt – wenn auch sehr selten – nach der Urteilsverkündung die versöhnlichen Gesten. „In einem Fall ist das Opfer an die Anklagebank getreten, hat dem Täter verziehen und mit der Sache abgeschlossen.“

Opferanwältin aus Hanau fordert von Richtern mehr Fingerspitzengefühl

Zwar sei Hanau beim Opferschutz gut aufgestellt. Doch es gebe weiterhin viel zu tun, denn die staatlichen Hilfen seien oft bürokratisch überfrachtet. „Oh ja, gerade da besteht ein sehr großer Nachbesserungsbedarf“, sagt Berg-Ritter mit Blick auf das Opferentschädigungsgesetz. Die Anträge der Versorgungsämter seien viel zu kompliziert, die Voraussetzungen zu hoch. Hinzu käme die Sozialgerichtsbarkeit. „Eine Richterin hat zu meiner Mandantin, die vom Fahrrad gezogen und vergewaltigt wurde – und die Anspruch auf eine Zahlung hatte – wörtlich gesagt: Was wollen Sie denn? Sie können doch wieder Fahrradfahren und haben ja Ihr Abitur gemacht.“ Darauf habe sie die weinende Frau aus dem Saal des Landessozialgerichts bringen müssen.

Und genau solche Erfahrungen bringen die Rechtsanwältin in Rage: „Unser Strafrecht ist viel zu sehr auf den Täter fixiert. Er steht im Mittelpunkt der Hauptverhandlung.“ Doch es ist für die Opfer schwer nachvollziehbar, wenn das Gericht ständig in Richtung Anklagebank fragt, ob alles in Ordnung oder eine Pause nötig sei. „Da hat die Nebenklägerin, die ich vertreten habe, mich nur ungläubig angeschaut und sich darüber beschwert, dass sie überhaupt keiner fragt.“ Die Richter müssten die Wahrheit finden und ein gerechtes Urteil fällen. „Dazu gehört auch, dass die Opfer als Zeugen befragt werden. Aber manchmal fehlt es dabei noch am Fingerspitzengefühl.“

Hanauer Anwältin: „Ich muss abends zum Krimi greifen“

Mit der jungen Angestellten aus der Maintaler Tankstelle hat Berg-Ritter immer noch Kontakt und unterstützt sie. „Sie hat zum Glück eine neue Arbeitsstelle gefunden.“ Neben ihrer Tätigkeit als Opferanwältin „wechselt“ sie auch die Seiten und ist auf der Anklagebank aktiv, meist als Pflichtverteidigerin „Das brauche ich schon als Strafrechtlerin“, sagt sie. Und dann verrät die Rechtsanwältin schmunzelnd, dass sie sich selbst in ihrer Freizeit noch dem Thema Kriminalität widmet. Allerdings in literarischer Form. „Es ist ein faszinierendes Thema. Deshalb muss ich abends zum Krimi greifen, egal ob spannend oder witzig. Muss aber sein, denn sonst kann ich nicht einschlafen.“ (Von Thorsten Becker)

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