Gerhard Flämig, einst Bürgermeister von Großauheim und später im Bundestag und Europaparlament, wurde auch mit der August-Paul-Plakette ausgezeichnet. Foto: rz-Archiv

Hanau

Hanauer Politiker Gerhard Flämig wäre 100 Jahre alt geworden

Großauheim. Als Gerhard Flämig vor acht Jahren in seiner Wahlheimat Böhl-Iggelheim starb, nannte ihn der Hanauer Anzeiger „einen der letzten Repräsentanten der alten Bundesrepublik“. Am Donnerstag hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert.

Von Werner Kurz

Flämig verkörperte wie kaum ein anderer jene politische Klasse, die den Wiederaufbau Deutschlands nach dem verlorenen Krieg, das Wirtschaftswunder und den kalten Krieg erlebt und Deutschland in die Wiedervereinigung geführt hatte.

Dolmetscher für die US-Army

Dass er dereinst bis hinauf aufs europäische Parkett zu einer bisweilen schillernden Figur werden sollte, war dem im sächsischen Glauchau Geborenen nicht in die Wiege gelegt. Der gelernte Schriftsetzer und Luftwaffensoldat geriet 1944 in amerikanische Gefangenschaft, machte im Kriegsgefangenenlager das Abitur und wurde im Januar 1946 als Dolmetscher für die US-Army nach Westdeutschland entlassen.

Er arbeitete für US-Dienststellen in Heidelberg und Seligenstadt, trat dort alsbald in städtische Dienste und wurde Mitglied der SPD. 1947 begann er ein Volontariat bei der Offenbach-Post und wurde zur selben Zeit Stadtverordneter in Seligenstadt. Vom Stuhl des Seligenstädter Stadtverordnetenvorstehers wechselte er 1957 auf den Bürgermeistersessel in Großauheim, der damals jüngsten Stadt Hessens.

Als Europaabgeordneter in Straßburg

Kurz nach seiner Wiederwahl 1962 rückte er für den verstorbenen Hanauer Abgeordneten Jakob Altmeier in den Bundestag nach, ein Jahr später wurde er Direktkandidat für den Wahlkreis Hanau-Gelnhausen. Zugleich zog Flämig als Europaabgeordneter in die Gremien in Straßburg und bei der Westeuropäischen Union in Paris ein. Bis weit in die 1980er Jahre war der überzeugte Europäer auf dem politischen Parkett in Brüssel, Straßburg und Paris präsent.

Doch auch publizistisch bleib Flämig aktiv. Ab 1984 erschienen seine akribisch recherchierte Dokumentation „Hanau im Dritten Reich“, die vielfach als Vorbild für die historische Aufarbeitung des Nationalsozialismus auf kommunaler Ebene bezeichnet wurde. Dafür ehrte ihn die Stadt Hanau mit der August-Gaul-Plakette. Was aus der Fülle des für das Projekt erschlossenen Materials nicht veröffentlicht wurde, erschien über viele Wochen als Fortsetzungsfolge unter dem Titel „Das Tagesgespräch vor 50 Jahren“ im HANAUER ANZEIGER.

Verhaftung wegen Stasi-Verdacht

1992 dann der Paukenschlag: Unter dem Verdacht, als Bundestagsabgeordneter für die DDR-Stasi gearbeitet zu haben, wurde er in einer spektakulären Aktion der Bundesanwaltschaft vor laufenden Kameras aus seinem Haus im Hanauer Kinzdorf abgeführt. 1993 wurde das Verfahren, welches Flämigs Gesundheit stark angegriffen hatte, eingestellt, ohne freilich dass Flämig förmlich rehabilitiert worden wäre.

Dies hat ihn zutiefst getroffen. Er zog sich in die Pfalz zurück, von wo aus er gleichwohl bis kurz vor seinem Tod per Telefon mit seinen Hanauer politischen Weggefährten aber auch Journalistenkollegen den Kontakt pflegte.

Flämig starb im Spätjahr 2011, der HANAUER ANZEIGER resümierte damals, er sei einer der letzten politischen Repräsentanten jener Kriegsgeneration in Hanau gewesen, die nach dem Zweiten Weltkrieg „durch entschiedenes persönliches und politisches Engagement zum Wiederaufbau des Landes und zur Etablierung des demokratischen Staates beigetragen“ habe. Daran ist gerade auch an seinem 100. Geburtstag zu erinnern.

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