Die Bandmitglieder lächeln in der Johanneskirche im Jahr 2006 gut gelaunt in die Kamera. Hier entstanden die Aufnahmen für die neue CD. Foto: privat

Hanau

Hanauer Jazzband Sugar Foot Stompers veröffentlicht dritte CD

Hanau. Was hat ein Schlager-Heimatfilm wie „Das alte Försterhaus“ aus dem Jahr 1956 mit der Geburt einer Hanauer Jazz-Formation im darauffolgenden Jahr zu tun?

Von Andrea Pauly

Als dieser Film seinerzeit wie so viele andere in den Nachkriegsjahren mit seiner programmatischen Heile-Welt-Offensive versucht habe, „die deutsche Seele zu streicheln“, sei ein paar Jazz-infizierten Musikschülern der Hohen Landesschule (Hola) der Kragen geplatzt.

Sie gründeten ad hoc die Jazzband Lazy Daddies, aus denen 1957 die Sugar Foot Stompers wurden, erinnert sich Werner Bayer, Gründungsmitglied des Ensembles und Vorsitzender der Interessengemeinschaft Hanauer Altstadt (IGHA) – ein Unterfangen, das damals nicht unbedingt Wohlwollen und Akzeptanz beim Lehrkörper fand. 63 Jahre später gibt es sie noch immer, die „Zuckerrohr-Stampfer“, und sie haben gerade ihren vierten Tonträger veröffentlicht, erzählt Bayer im Interview mit unserer Zeitung.

Neue CD der Reihe „Musikalisches Hanau“

Nach zwei LPs und einer CD handelt es sich diesmal um eine CD in der Reihe „Musikalisches Hanau“, produziert von der IGHA mit Unterstützung der Stadt Hanau und der Stiftung der Sparkasse Hanau. „Die Aufnahme, aus der die CD produziert wurde, entstand am 28. Oktober 2006 anlässlich eines Konzertes der IGHA in der Alten Johanneskirche in der Hanauer Altstadt. Mit dabei war auch die bekannte Jazz-Sängerin Joan Faulkner, die einige der Gesangsnummern mit ihrer unvergleichlich starken Stimme interpretiert“, so der IGHA-Vorsitzende.

In den 50er Jahren, als Bayer und seine Hola-Schulkameraden begannen, sich für den Jazz zu begeistern, war Hanau Hochburg des Jazz und dann auch des Rock'n'Roll. Grund dafür war die Tatsache, dass in den Nachkriegsjahren in Hanau über 30 000 amerikanische Wehrpflichtige stationiert wurden. So entstanden in der Stadt immer mehr Musikbars und Nachtclubs, um deren Bedarf nach Zerstreuung und dem Ausgeben ihres Solds in harter Dollar-Währung nachzukommen.

Diese Musikbars wiederum wurden schnell zu willkommenen Anlaufstellen für die Hanauer Jugend und für die musikkulturelle Prominenz aus dem In- und Ausland. In Hanau entwickelte sich zügig eine überregional bedeutsame Musikszene. Für die hiesige Jugend wurden der Jazz wie auch der Rock'n'Roll in Zeiten von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder im biederen Nachkriegsdeutschland zum Synonym für Aufbruch und Veränderung.

Auslösen einer „Jazzepidemie“

Elf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und ein Jahr, nachdem die Bundesrepublik Deutschland von den Alliierten ihre Souveränität zurückerhalten hatte, brach für einige Schüler der Hohen Landesschule also eine neue Zeitrechnung an. Auf der Suche nach neuen und besseren Wegen lösten diese Schüler eine „Jazzepidemie“ aus, der vor allem ihr damaliger Musiklehrer Heinrich Heun mehr als kritisch gegenüber stand. „Er bewertete ein Fehlen bei der samstäglichen Orchesterprobe als 'Zersetzung' des Klangkörpers und in seinem Unterricht hatte diese Musikrichtung als 'Niggermusik' nicht mal eine Chance auf Erwähnung“, sagt Bayer.

Zur 1957 entstandenen Jazzformation Sugarfoot Stompers gehörten Werner Bayer, Kontrabassist und Peter Wichert, Trompeter, beide Klassenkameraden. Jörn Hasselbaum und der Trompeter Didi Becker wohnten wie Wichert in Kesselstadt und gingen in die Parallelklasse.

Die musikalische Führung übernahm der Klarinettist und Pianist Jörn Hasselbaum. Er bestimmte die Höhe der Messlatte und die musikalischen Werte, die bereits im Januar 1958 Früchte trugen, als die Schülermitverwaltung (SMV) unter Leitung von Wolfgang Caspary das erste Hanauer Jazzkonzert in der Hola-Turnhalle ausrichtete.

Auftritte im Ort

In dieser Zeit spielten Dieter Adam (Adam undamp; die Mickys) Posaune und Harald Fresenius Piano. Gerd Essich war der Gitarrist und Karl-Heinz Fritz bediente das Schlagzeug. Für die Band folgten Auftritte in der örtlichen Polizeisporthalle, im Amerika-Haus (heute das Olof-Palme-Haus) und im ersten Hanauer Jazzkeller, damals gelegen im Gewölbe unter dem Café Krück.

Mitte der 60er bis Anfang der 70er Jahre ruhte die Bandtätigkeit, denn die Mitglieder gingen in verschiedenen Städten ihrer Berufsausbildung nach. Anfang der 70er Jahre trafen sich erneut Jazzinteressierte und aktivierten die Sugarfoot Stompers mit neuer Besetzung: Didi Becker – Trompete, Jörn Hasselbaum – Klarinette, Wolfgang Reiche – Saxofon, Peter Wichert – Posaune, Wolfgang Mügge – Gitarre, Hans-Jürgen Pohl – Piano, Hans Federmann – Schlagzeug und Werner Bayer – Kontrabass.

1978 produzierte Werner Bayer die erste Sugarfoot- Stompers-Langspielplatte und 1980 starb unerwartet der künstlerische Leiter Jörn Hasselbaum. „Seine souveräne künstlerische Führung fehlte fortan und hinterließ ein künstlerisches Vakuum. 1982 feierten die Sugarfoot Stompers ihr 25-jähriges Jubiläum. Eine zweite Langspielplatte wurde produziert in der Besetzung: Didi Becker, Wolfgang Reiche, Peter Wichert, Hans-Jürgen Pohl, Wolfgang Mügge, Werner Bayer und der Schlagzeuger Heinz-Herbert Schirmer“, so Gründungsmitglied Bayer.

Wechselnde Bandbesetzung

Wenige Monate später schieden fünf Mitglieder aus. Es folgte eine mehrjährige Interimszeit mit wechselnder Bandbesetzung. 1988 trat Rolf Hetebrüg, der ehemalige Trompeter der Frankfurter Kultband Hotswingers in die Sugarfoot Stompers Band ein und brachte nach einigen Wochen Roland Schneider mit in die Probe. „Es begann eine neue Zeitrechnung für die Sugar Foot Stompers. Sie wechselten vom Amateurstatus ins Semiprofi-Lager und gestalteten fortan ihre Musik mit anspruchsvollen Arrangements“, berichtet der IGHA-Vorsitzende.

Als Rolf Hetebrüg berufsbedingt nach Nürnberg zog, übernahm Klaus Koop, mehrjähriges Mitglied der Jochen-Brauer-Band, den Trompetenpart und Manfred Lindner, Tenorsaxofonist bei der hr-Bigband die Position von Werner Petzold. Bis zur Kulturpreisverleihung 1997 traten die Veteranen der Sugar Foot Stompers bei Jazzfrühschoppen, Kneipenabenden, Jazzbällen und -konzerten, Riverboat-Shuffles auf, wurden auf der historischen Ronneburg zu Jazz-Rittern geschlagen, erhielten 1992 die Ehrenbürgerschaft der Stadt New Orleans und wurden 1994 zu Staff Officers des Gouverneurs von Louisiana ernannt. Musikreisen mit ihren Fans führten sie nicht nur in die USA, sondern sogar bis nach China.

Zum 40-jährigen Jubiläum der Stompers überreichte 1997 Oberbürgermeisterin Margret Härtel in der Hanauer Stadthalle der Sugarfoot Stompers Jazzband die August-Gaul-Plakette für ihre kulturellen Verdienste. Werner Bayer produzierte die erste Compact Disc in der Besetzung: Klaus Koop – Trompete undamp; Gesang, Manfred Lindner – Klarinette undamp; Saxofon, Peter Wichert – Posaune, Roland Schneider – Piano undamp; Gesang, Dr. Manfred Weiß – Schlagzeug und Werner Bayer – Kontrabass. Anfang 1988 erhielten die Sugarfoot Stompers aus den Händen von Landrat Karl Eyerkaufer den Kulturpreis des Main-Kinzig-Kreises.

Neue Formation

1998 gründete Peter Wichert, Mitbegründer der Sugarfoot Stompers, eine neue Formation, die New Orleans Jazz-Connection und schied aus. Im Laufe der letzten 63 Jahre spielten rund 50 verschiedene Musiker in der Band, die ihren Namen einem Song von Joe King Oliver verdankt, der darin die versklavten Zuckerrohrstampfer besang.

Heute besteht die Formation aus Ralf Himmler (Trompete, Flügelhorn), Rainer Heute von der hr-Bigband (Klarinette, Saxofon), dem ehemaligen hr4-Moderator Werner Lohr (Posaune) und der Rhythmusgruppe Christoph Neubronner (Klavier), Wolfgang Wüsteney (Schlagzeug) und Werner Bayer (Schlagzeug).

„Wir sind alle 60 plus“, so der 78-jährige Bayer. Und da der Jazz für ihn und seine Mitstreiter ein Jungbrunnen zu sein scheint, der den Musikern wie auch ihren Zuhörern viel Freude bereitet, ist an Aufhören nicht zu denken. „Ab Mai spielen wir wieder einmal monatlich sonntags 'Jazz am Goldschmiedehaus' und sind natürlich auch beim Lamboyfest und beim Hanauer Weinfest mit dabei“, freut sich Werner Bayer.

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