Forstamtsleiter Christian Schaefer (links) hat für seine Kleidung bewusst die Signalfarbe rot gewählt, um ein Zeichen zu setzen. Sein Kollege Olaf Gold trägt Dienstkleidung. Foto: Jasmin Jakob

Hanau

Hanauer Förster warnen vor einem "Waldsterben 2.0"

Hanau. Im Hirzwald in Mittelbuchen knirscht das trockene Laub, das unter den Schuhen zu Staub zerfällt. Die Baumkronen sind für diese Jahreszeit auffällig kahl und tragen bereits braune Blätter.

Von Jasmin Jakob

„Daran sieht man, dass die Bäume sterben“, sagt der Hanauer Forstamtsleiter Christian Schaefer. Er führt mit seinem Kollegen, dem Revierförster Olaf Gold, durch den Wald, der für alle anderen im Forstgebiet steht, die unter den anhaltenden Hitzeperioden und der damit verbundenen anhaltenden Dürre leiden.

„In den 80er-Jahren war das Problem des Waldsterbens noch lokal, da ging es um die Umweltbelastung durch sauren Regen und übersäuerte Böden. Damals hat man entschlossen politische Maßnahmen initiiert und dem erfolgreich entgegengewirkt. Das Problem jetzt ist global“, sagt Schaefer, der den Klimawandel nun für das „Waldsterben 2.0“ verantwortlich macht.

In den 35 Jahren, in denen Schaefer bei Hessen Forst arbeitet, habe er noch nie erlebt, dass der Zustand so schlecht ist. „Uns hat das überrollt. Wir haben noch nie eine solche Geschwindigkeit erlebt, in denen die Bestände labil werden.“

25 000 Bäume massiv geschädigt

In diesem Jahr sind nach den Schätzungen des Forstamtleiters 25 000 Bäume auf dem 14 000 Hektar großen Forstgebiet des Forstamts Hanau-Wolfgang durch die Hitze massiv geschädigt worden. Daher besteht derzeit erhöhte Gefahr, dass die absterbenden Bäume Äste abwerfen.

In diesen Tagen sind die Förster deshalb unter Hochdruck damit beschäftigt, an Straßen und Bebauungsrändern entsprechende Verkehrssicherheitsmaßnahmen durchzuführen. „Das ist nicht nur sehr aufwendig, sondern auch enorm teuer. Die Kosten belaufen sich auf mehrere 10 000 Euro für jeden Waldbesitzer“, sagt Gold. „Seit 1900“, erklärt er, „hat sich die Wiederholungsrate für heiße, dürre Sommer enorm erhöht.“

In Folge dessen habe sich auch das Waldsterben drastisch zugespitzt: Starb noch vor ein paar Jahren nur ein Baum von 1000, hat sich die Zahl der Bäume, die in Folge der heißen, trockenen Sommer absterben, verzwanzigfacht. „Mittlerweile stirbt jeder 50. Baum“, sagt Schaefer. „Die Wälder zerfallen nicht, aber wir müssen handeln und viel Geld in die Hand nehmen.“ Das stelle die Förster vor große Herausforderungen, die alleine nicht zu bewältigen seien. Es fehle vor allem an finanzieller Unterstützung und an Personal: „Da ist es nicht sachgerecht, dass momentan sehr viele Försterstellen abgebaut werden.“

"Rohstoffe können fehlen"

„Wenn das mit der Hitze so weitergeht, könnten in mehreren Jahren die Rohstoffe fehlen, die der Industrie zugeführt werden können. Die Leute wollen aber trotzdem ihre Stühle oder Dielen aus Holz. Da hängen ja auch Arbeitsplätze dran“, mahnt Schaefer. „Der Wald ist nicht nur ein ökonomisches Gut, er stellt gerade im Ballungsraum ein Naherholungsgebiet dar, ist wichtig für das Grundwasser und die Biodiversität. Daher sind auch die Gesellschaft, die Bundes- und Landesregierung gefragt, entsprechende finanzielle Mittel bereitzustellen.“

Wichtig sei der Wald auch, zur Eindämmung der CO2-Belastung: Deutschlands Wälder absorbieren bis zu 14 Prozent der CO2-Emissionen. „Daher ist die Sorge von Frau Merkel um die Forstbestände sicher auch nicht unbegründet, wenn es darum geht, Klimaziele einzuhalten.“ Zwar würden auch Schädlinge wie der Buchenborkenkäfer oder Pilze zunehmen, die seien aber für das Waldsterben nicht primär verantwortlich. „Die setzen sich eher auf bereits sterbende, deutlich geschwächte Bäume.“

Für die Wälder, wie auch für den Hirzwald, stelle der Klimawandel, dem er entgegenwirken soll, die größte Gefahr dar. Die einzige Option, die Förster in Angriff nehmen können, um ihre Wälder als Ökosysteme aufrecht zu erhalten, heißt daher Aufforstung: Die Kosten für die Neubepflanzung im Hirzwald schätzt der Revierförster für die 145 Hektar auf mindestens eine Million Euro.

Ziel auf Mischwälder setzen

Ziel sei es, auf Mischwälder zu setzen und klimaresistentere Bäume wie Douglasien, Eichen, Wildkirsche und Spitzahorn zu pflanzen. Andere Baumarten aus Regionen mit einem ähnlichen Klima, wie dem Balkan oder der Türkei wären auch möglich. „Da muss man aber sehr vorsichtig sein“, sagt Schaefer, „ohne substantielle Forschung – und die dauert Jahrzehnte – kann man die Folgen für unsere Wälder nicht abschätzen.“

Klüger sei es daher, weiterhin mit heimischen Baumarten zu arbeiten, von denen man weiß, dass sie längeren Dürreperioden standhalten. Doch das ist ein langwieriger Prozess: „Wir forsten mit ein bis zwei Jahre altem Pflanzengut auf, das aus verschiedenen Baumschulen stammt. Das Saatgut darf nur aus anerkannten Beständen stammen. Da werden wir vor große Probleme gestellt, wenn es darum geht, das Pflanzengut ad hoc zur Verfügung zu stellen“, sagt Gold.

Langfristig werde sich die Struktur des Waldes so verändern, dass große Bäume, die 100 bis 145 Jahre zum Wachsen brauchen, nicht mehr so alt werden können und früher wegsterben. Ebenso wird die Buche weitgehend aus den Wäldern an feuchtere Randgebiete gedrängt.

Die extreme Trockenheit könnte auch der Grund für die Baumfällarbeiten sein, die derzeit an der Aschaffenburger Straße in Wolfgang vorgenommen werden. Im Waldstück zwischen Argonner Park und dem Neuwirtshaus, für das die Bundesforstverwaltung in Schwarzenborn zuständig ist, schlugen und kappten Waldarbeiter in den vergangenen Tagen Buchen und Kiefern und regelten den Verkehr mit einer provisorischen Ampelanlage. Beim Bundesforst war gestern Nachmittag kein Ansprechpartner mehr erreichbar. Doch Experten mutmaßen, dass damit der Bundesforst seiner Verkehrssicherungspflicht nachkomme.

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