Thomas Weyand hat es geschafft: Obwohl er mit nur einer Niere lebt und auf die Dialyse angewiesen ist, treibt er intensiv Sport und schneidet dabei super ab. Foto: Oliver Dignal

Hanau

Hanauer Dialysepatient Thomas Weyand meistert New-York-Marathon

Hanau. Beim New-York-Marathon war Anfang November auch ein gebürtiger Hanauer unter den rund 50 000 Läufern. Dass Thomas Weyand, der in 3:30:37 Stunden unter den besten 5000 Läufern ins Ziel kam, eine derart außergewöhnliche sportliche Leistung vollbringen konnte, ist beeindruckend – der 36-Jährige ist nämlich Dialysepatient.

Von Robert GieseDass der Student und Hobby-Fotograf Weyand überhaupt zum Laufen kam, hängt eng mit seinem gesundheitlichen Handicap zusammen: Schon als Kind hatte der heute 36-Jährige eine Spenderniere bekommen, die dann 22 Jahre tadellos ihren Dienst verrichtete – bis Weyand 2012 an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankte und sein Körper die Niere abstieß.

Für den Kunststudenten war der längere Krankenhausaufenthalt ein gravierender Einschnitt in seinem Leben: „Anders als viele andere Menschen mit Spenderniere funktionierte bei mir davor alles super, und dann lag ich da plötzlich längere Zeit einfach nur rum.“Körperlich am TiefpunktKörperlich war Weyand zu diesem Zeitpunkt auf einem absoluten Tiefpunkt: Durch das Pfeiffersche Drüsenfieber und den Verlust seiner Spenderniere war der gebürtige Hanauer so geschwächt, dass sein Aktionsradius stark eingeschränkt wurde. „Mobilität wurde für mich in dieser Phase zu einem ganz wichtigen Begriff“, erinnert sich Weyand, der zunächst mit kurzen Spaziergängen versuchte, wieder mobiler zu werden.

Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, ging er dann einfach mal laufen – kam allerdings gerade einmal 200 Meter weit. „Es fühlte sich an wie ein Herzinfarkt“, beschreibt der 36-Jährige die Situation und lacht, „allerdings ging die Strecke auch ein bisschen bergauf.“ Diese eher negative Erfahrung spornte den Studenten aber nur weiter an; Weyand beschloss, gezielt wieder fit zu werden und ging dafür ins „Herzwerk“. „Das ist eine Art medizinisches Fitnessstudio in Frankfurt“, erklärt Weyand, der dort unter ärztlicher Kontrolle zunächst viel Rad fuhr und nach einer Weile zum Laufen wechselte. „Das hat mir dann großen Spaß gemacht“, erinnert sich der gebürtige Hanauer, dessen sportlicher Ehrgeiz nach und nach geweckt wurde.5000 Meter in unter 20 MinutenEine Ärztin im „Herzwerk“ habe ihm dann von den Deutschen Meisterschaften der Transplantierten und Dialyse-Patienten erzählt, an denen Weyand prompt erfolgreich teilnahm und später auch auf Europa-Ebene triumphierte. „Das war dann eine Art Querfeldein-Lauf über 5000 Meter“, so Weyand, der einer von nur wenigen Dialysepatienten ist, die derart leistungsbezogen Sport treiben – die 5000-Meter-Strecke bewältigte der heute 36-Jährige in unter 20 Minuten.

Allein auf die sportliche Leistung will der Student das Laufen allerdings nicht reduzieren: „Ich habe dabei so viele wahnsinnig nette Menschen kennengelernt“, berichtet Weyand und strahlt dabei übers ganze Gesicht, „das ist so was wie meine Lieblings-Selbsthilfegruppe.“Alle zwei Tage fünf Stunden DialyseDenn das Leben ohne Niere bringe gewisse Einschränkungen mit sich: Alle zwei Tage muss Weyand zur Dialyse, die dann jeweils über fünf Stunden dauert. „Im Grunde werde ich von einer Maschine am Leben erhalten“, so Weyand, das Laufen habe ihm aber ein Stück Normalität wiedergegeben. Normalerweise dürften Dialysepatienten kaum Wasser zu sich nehmen, durch den Sport und den damit verbundenen Wasserverlust könne er an Trainingstagen aber praktisch fast ganz normal trinken.

Durch seine Erfolge über 5000 Meter war der gebürtige Hanauer mittlerweile auf den Geschmack gekommen und lief immer weitere Strecken, einmal einen Marathon zu laufen, war anfangs aber nicht Weyands Ziel. „Dann habe ich aber in einem Info-Blättchen für Dialyse-Patienten rumgeblättert und dort stand in etwa: Wenn Sie bis jetzt noch keinen Marathon gelaufen sind, werden sie das wahrscheinlich auch nicht mehr machen“, erinnert sich Weyand und lacht – sein Ehrgeiz war erneut angestachelt.Erster Marathon in Frankfurt 2016Auf dem Weg zu seinem ersten Marathon hatte der gebürtige Hanauer allerdings einige Hürden zu überwinden, denn eine derartige Anstrengung stellt den menschlichen Körper vor große Herausforderungen – selbst, wenn man über zwei funktionierende Nieren verfügt. „Als Dialyse-Patient muss ich beim Sport vor allem aufpassen, dass mein Kaliumspiegel nicht zu sehr ansteigt, ansonsten droht ein Herzstillstand“, erklärt Weyand, der mit einer Spenderniere niemals einen Marathon gelaufen wäre: „Da ist die Gefahr zu groß, dass sie nach den Strapazen ihre Arbeit einstellt, das würde ich ihr nicht antun.“

Mit viel Disziplin und ausgewählten Energie-Gels achtet Weyand beim Laufen genau darauf, dass sein Kalium-Spiegel im Rahmen bleibt. Auf dem Weg zu seinem ersten Marathon in Frankfurt 2015 stoppte Weyand dann allerdings nicht das Kalium, sondern eine Schienbeinverletzung, die eine vernünftige Vorbereitung verhinderte. „Im ersten Moment war ich schon enttäuscht, aber dadurch, dass ich ein Jahr lang warten musste, habe ich mich 2016 dann umso mehr gefreut.“ Sein erster Marathon in Frankfurt habe ihm dann so viel Spaß gemacht, dass er beschloss, es nicht bei einem Marathon zu belassen, sondern sich dieser Herausforderung künftig regelmäßig zu stellen. Dialyse in den USA kostet 700 DollarDass es schon im Jahr darauf mit dem New-York-Marathon gerade der Lauf mit den meisten Teilnehmern weltweit werden sollte, hat Weyand seinem besten Freund Oliver Dignal zu verdanken. „Er meinte, das würde zu vielen meiner Interessen passen: Jazz, Woody Allen und nicht zuletzt das Laufen“, erzählt der 36-Jährige, der von der Idee zwar auf Anhieb begeistert war, aber einige handfeste Probleme bei der Umsetzung sah. „Das Hauptproblem war sicherlich die Dialyse. Normalerweise ist so was im Urlaub in Europa recht unkompliziert, aber in New York hätte ich mir das selbst organisieren und finanzieren müssen.“

Beim Finanziellen – pro Dialyse werden in den USA 700 Dollar fällig – halfen Weyands Freundin und Dignal, die in der Familie und im Freundeskreis die benötigte Summe für die Behandlung zusammentrieben, die Organisation erwies sich jedoch als deutlich schwieriger. „Ich habe mit der verantwortlichen Frau in den USA sicher 60 E-Mails hin- und hergeschrieben und hatte am Ende dennoch keine Gewissheit, auch meine Dialyse zu bekommen“, beschreibt Weyand das umständliche Verfahren. Vor Ort seien dann aber alle unglaublich freundlich gewesen, auch wenn Weyand nicht so lange wie gewohnt dialysieren konnte.Vom New-York-Marathon begeistertInsgesamt neun Tage verbrachte der 36-Jährige mit seiner Freundin, Dignal und dessen Frau in New York und war total begeistert, insbesondere vom Marathon selbst: „Das ist einfach eine unglaubliche Stimmung“, beschreibt Weyand den Lauf mit leuchtenden Augen, „beim Start läuft Musik von Frank Sinatra, an der Strecke stehen über eine Million Menschen teils in mehreren Reihen, die einen pausenlos anfeuern, an der einen Ecke singt ein Gospel-Chor, an der nächsten spielt ein Orchester – das ist einfach einmalig.

Von dieser ganz besonderen Stimmung ließ sich Weyand, den seine Freunde vom Streckenrand aus unterstützten, mitreißen – etwas zu sehr, wie er im Rückblick anmerkt. „Ich bin den Marathon etwas zu schnell angegangen, daher war ich am Ende ziemlich platt“, gibt der 36-Jährige zu. Mit seiner Zeit – mit 3:30:37 Stunden landete er auf dem 4958. Platz von über 50 000 Startern – ist Weyand aber trotzdem vollkommen zufrieden. „Als ich im Ziel war, dachte ich nur: Krass, dass ich das geschafft habe!“Vom Marathon-Virus infiziertSpätestens nach dieser Erfahrung hat das Marathon-Virus Weyand vollkommen infiziert, er will jetzt jedes Jahr einen Marathon absolvieren, den nächsten vermutlich wieder in seinem Wohnort Frankfurt.

„Hamburg und Berlin kann ich mir für die Zukunft auch gut vorstellen“, schmiedet der 36-Jährige bereits eifrig Pläne, „das wäre dann auch organisatorisch einfacher als beim Marathon in New York. Aber die Erfahrung dort, mit dieser unfassbaren Stimmung“, schwelgt Weyand in Erinnerungen, „die ist, glaube ich, einfach nicht zu toppen.“

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