HA-Redakteurin Jutta Degen-Peters lässt sich von Florian Baier Fingerabdrücke nehmen. Foto: Mike Bender

Hanau

Der HANAUER begleitet Polizisten auf nächtlicher Streifenfahrt

Hanau. Es ist stürmisch an diesem Abend, als sich die Streifenbeamten in der Polizeistation Hanau I am Freiheitsplatz auf ihren Dienst einstimmen. 19 Uhr. Dienstbesprechung. An diesem Abend mit Zaungast. Eine Redakteurin des HANAUER ANZEIGER hat sich angemeldet. Sie will wissen, wie der Alltag von Schutzpolizisten aussieht.

Von Jutta Degen-Peters

Dienststellenleiter Tilman Dierl und seine sechs Kollegen sitzen um einen runden Tisch und lassen Revue passieren, was tagsüber passiert ist. Einbrüche, eine Frau, die von ihrem Ex-Mann bedroht wurde, Hakenkreuzschmierereien in Gelnhausen – Routine, sagt Dierl. Auf dem Monitor im ‧Nebenraum können sie den Mann sehen, der im Untergeschoss in der Ausnüchterungszelle schläft, bis er um 20 Uhr nach Hause entlassen wird. Er war in einem Einkaufszentrum auffällig geworden und hatte sich mit einem Wachmann geprügelt. Jetzt hat er im Einkaufszentrum Hausverbot.

Thema ist an diesem Abend unter anderem der Ausgang eines schweren Unfalls am Kurt-Schumacher-Platz in Hanau, bei dem eine Seniorin vom einem Betonmischer erfasst wurde. Die Frau sei über den Berg, sagt Dierl. „Aber sie hat ein Bein verloren“, sagt er sichtlich betroffen. Auch Florian Beier, Polizeikommissar und seit drei Jahren in Hanau tätig, guckt betreten. „Es gibt immer wieder Dinge, die gehen uns nahe“, sagt er. Unfälle, Kinder, die sterben. Das Überbringen von Todesnachrichten und die Verzweiflung von Opfern nach Straftaten seien manchmal schwer auszuhalten.

Arbeit bei der Polizei das Richtige

Nicht nur für die Jungen wie ihn oder das „Küken“: Lena, an diesem Abend die einzige Frau am Tisch, 24 Jahre alt, die zunächst Archäologin werden wollte, dann aber schnell wusste, dass die Arbeit bei der Polizei das Richtige für sie ist. „Dass ich hier nach Hanau gekommen bin, war ein Lottogewinn für mich“, sagt die taffe Frau mit dem blonden Pferdeschwanz. Der Job sei so vielfältig. „Hier erleben wir jeden Tag was anderes“.

Während Dierl und seine Kollegen dem Zaungast und ihrem Fotografen noch die Abläufe erklären und sie durch die Räume führen, kommt ein Notruf herein, Unfall: Eine Frau ist mit ihrem Ford Mustang gegen einen Zaun gefahren. Florian Beier und sein Kollege, Oberkommissar Tobias Frohnapfel, ziehen sich die kugelsicheren Westen über, holen ihre Waffen aus dem Schrank und laufen zum Auto. Ihre Gürtel, in denen sich neben der Pistole und dem Magazin auch die Handschellen und der Schlagstock befinden, wiegen gut vier Kilo. „Da kriegen Neulinge schnell mal Rückenschmerzen“, sagt Frohnapfel. Der 36-Jährige ist seit zehn Jahren bei der Polizei, vier Jahre davon in Hanau. Dass er Sozialarbeit studiert hat, soll sich später bei der Begegnung mit Kunden zeigen.

Bevor sich auch die HA-Redakteurin und ihr Fotograf ins Auto schwingen, legt sie „fürs Gefühl“ ebenfalls eine kugelsichere Weste um. Sie fühlt sich an wie eine Zwangsjacke, sperrig, ungemütlich. Auf dem Rücksitz erfahren sie und ihr Fotograf, dass die Polizei immer anstrebt, drei Streifen auf die Straße zu bringen. Da diese immer aus zwei Kollegen bestehen muss und ein Wachhabender in der Wache mit den vier Telefonleitungen, über die sämtliche Notrufe aus dem Altkreis Hanau zusammenlaufen, maximal ausgelastet ist, kann man sich unschwer vorstellen, dass die Zielvorgabe nicht immer eingehalten werden kann. Die Streifen sind unterwegs in der Kernstadt, Kesselstadt, Mittelbuchen, und in Teilen des Hafengebiets bis hin zur Stadtgrenze nach Maintal und Bruchköbel.

Kein Fall für die Polizei

Am Unfallort auf der Friedrich-Ebert-Anlage angelangt, stellt sich heraus, dass am Ford Mustang ein Schaden von rund 3000 Euro entstanden ist. Trotzdem kein Fall für die Polizei, erklärt Beier der aufgeregten Fahrerin. Die Tatsache, dass der mobile Bauzaun nicht sicher genug befestigt war, sei eine zivilrechtliche Frage, die mit dem Bauträger geklärt werden müsse. Dennoch nehmen sich Beier und Frohnapfel Zeit, die Frau zu beruhigen und ihr zu erläutern, was sie nun beachten muss.

Nächster Einsatz: Die Männer müssen in die Flüchtlingsunterkunft an der Aschaffenburger Straße fahren. Dort soll ein Haftbefehl vollstreckt werden: Ein junger Eritreer muss wegen wiederholten Ladendiebstahls festgenommen und in die Justizvollzugsanstalt Preungesheim gebracht werden. Unterwegs melden die beiden Polizisten, wohin sie ihr Einsatz führt. „Alle Einsätze müssen im System erfasst erfasst werden“, erklärt Beier. Auch zur Sicherheit der Beamten, für den Fall, dass es zu Schwierigkeiten kommt.

Der Streifenwagen fährt vor, Beier und Frohnapfel warten, bis der Mitarbeiter von Security-Dienst am Wohnblick eingetroffen ist, dann, klingeln sie an der Wohnungstür. Der junge Mann ist nicht da. Frohnapfel erklärt ruhig und sachlich, weshalb die Polizei den Eritreer sucht. Die Männer in der Wohnung, alle im Freizeitdress um eine Shisha versammelt, geben sich gelassen. Einer von ihnen wird später bei der Polizei anrufen und dort vermelden, dass der Gesuchte inzwischen eingetroffen ist.

Streife als Verstärkung

Beim zweiten Einsatz an der Flüchtlingsunterkunft Stunden später und als klar ist, dass der junge Mann nun tatsächlich festgenommen werden muss, kommt eine zweite Streife als Verstärkung. Als die Beamten die Wohnung betreten, fügt sich der Gesuchte klaglos in sein Schicksal. Der junge Mann wird in Handschellen abgeführt und in den Streifenwagen der Kollegen verfrachtet.

Früher seien sie häufiger gerufen worden, um in der Flüchtlingsunterkunft Streitereien zu schlichten, inzwischen ist es aber ruhig geworden, betonen die Polizisten, Dass die beiden ein gutes Team bilden, spürt nicht nur der Zaungast. Während Beier ein Super-Gedächtnis hat und Fahndungsdaten von vor Jahren abrufen kann – „er macht die Haftbefehle, weil er ein super-Händchen dafür hat“, lobt ihn sein Vorgesetzter –, zeichnet sich Frohnapfel durch seine besonnene Form der Ansprache aus. Er hat vor dem Polizeidienst Sozialarbeit studiert.

Das kommt ihm häufig zu Gute. Er und sein Partner begegnen ihren „Klienten“ höflich und mit distanziertem Respekt. Auch dann, als etwa bei der Kontrolle einer zu schnell gefahrenen Wagenlenkerin von hinten ein untersetzter Mann ankommt und die Männer anmacht: „Wieso rast ihr hier so schnell durch die Straße?“, schimpft er. Höflich aber bestimmt erklären Frohnapfel und Beier dem Mann, dass die Frau zu schnell gefahren sei. Um sie zu stoppen, müsse man zwangläufig auch schneller fahren, als die Polizei erlaubt.

Kontrolle erwünscht

Die Streifenbeamten fahren am Forum vorbei, schauen sich auf dem Freiheitsplatz um, da ruft Beier: „Den sollten wir kontrollieren.“ Er erinnert sich, dass von Kollegen eine Suchanfrage gekommen ist gegen einen Mann, der meist rot gekleidet ist. Sie fahren rechts ran, der Mann ist irritiert, holt aber seinen Ausweis heraus und lässt sich in die Taschen gucken und leuchten. Er darf wieder weiterziehen, ist nicht der Gesuchte.

Wenig später werden Beier und Frohnapfel von Kollegen zu Hilfe gerufen. Am Sandeldamm, Ecke Mühlstraße, fährt ein Mann Schlangenlinien. Verdacht auf Fahren unter Drogeneinfluss. Der Mann willigt ein, den Drogen-Schnelltest zu machen, bei dem Urin untersucht wird. „Wir sind die einzigen, die Drogenprävention im Straßenverkehr machen“, sagt Beier.

Nach gut drei Stunden klinkt sich die HA-Redakteurin aus. Sie fährt in der Gewissheit heim, dass die Streifenbeamten Furcht bei ihren Einsätzen nicht kennen, eine kräftige Form von Adrenalinausstoß aber schon. Dass sie ein gutes Bauchgefühl haben, um Menschen und Situationen einzuschätzen, kommt ihnen bei ihrer Arbeit entgegen. Und dass die Teams meist so zusammengestellt sind, dass sie harmonieren und sich hundertprozentig aufeinander verlassen können, erst Recht.

HA-Fotograf Mike Bender nimmt sich noch ein paar Stunden länger Zeit. Er erlebt das ermüdende Durchforsten der Papierberge, durch die sich die Polizisten hindurcharbeiten müssen. Als er nach Hause fährt, sind die Beamten immer noch im Dienst, – bis zum nächsten Morgen um 7 Uhr.

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