Der Plutoniumbunker in Wolfgang lässt beim Betrachter Unbehagen aufkommen, obwohl er leersteht. Dort sollten einst Brennelemente für einen Atommeiler in Kalkar produziert werden - doch dieser ging niemals in Betrieb. Foto: Bender

Wolfgang

Hanauer Atomdorf: "Keiner wusste, was hier genau passiert"

Wolfgang. Angelika Gunkel und Isolde Nagel kämpften einst gegen das Hanauer Atomdorf in Wolfgang, wo laut ihren Aussagen „niemand so genau wusste, was auf dem Gelände passiert.“ Bei einem Rundgang mit dem HA über das Gelände werden bei den beiden Aktivistinnen der Umweltschutzgruppe Robin Wood Erinnerungen wach.

Von Christian DauberAls Wolfgang noch Atomdorf war, hielten hohe Zäune ungebetenen Besuch ab. „Obendrauf Nato-Stacheldraht“, erzählen Angelika Gunkel und Isolde Nagel, als wir sie auf dem Parkplatz am heutigen Technologie- und Gründerzentrum treffen.

Dort haben sie oft protestiert. „Was auf dem Gelände passierte, wusste niemand so genau. Man wollte auch nicht, dass die Bevölkerung es erfährt“, sagen die beiden einstigen Aktivistinnen der Umweltschutzgruppe Robin Wood.Zweifelhafter Ruf Hanaus in den 1980er JahrenSie taten alles dafür, dass sich das ändert. Denn das Atomdorf am Rande des heutigen Industrieparks war in ihren Augen eine Gefahr. „Es war von Anfang an klar, dass alles bis nach Frankfurt verstrahlt gewesen wäre, wenn hier ein Flugzeug abgestürzt wäre“, meint Gunkel. Kurze Zeit später kreuzt ein Flieger den Himmel. Es bleibt nicht der einzige beim Rundgang mit dem HA auf dem Areal, wo früher Nukem, Alkem undamp; Co. Brennelemente herstellten. Klar, der Flughafen Frankfurt ist nicht weit.

Als Atomdorf hatte Hanau in den 1980er Jahren einen zweifelhaften Ruf. Nirgendwo anders in Europa waren so viele Nuklearfirmen auf einem Fleck zu finden wie hier in Wolfgang. 1991 wurde die Verarbeitung von Plutonium eingestellt, nachdem der Grüne Joschka Fischer, damals hessischer Umweltminister, es untersagte.Skandal als AuslöserVorangegangen war ein riesiger Skandal, in dessen Mittelpunkt Manager der Hanauer Firma Transnuklear gestanden hatten. Sie sollen Atommüll im großen Stil in Belgien illegal entsorgt und ins Meer gekippt haben. Die Anklageschrift umfasste mehr als 1200 Seiten, die Hauptakte füllte fast 60 Bände. Der Prozess beschäftigte ewig die Gerichte.

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Aus dem Atomdorf wurde ein Gründer- und Technologiepark. „Es ist ein schönes Gefühl, hier heute einfach reingehen zu können“, meint Gunkel, als wir das Gelände betreten. Kein Pförtner und keine Schranke halten einen mehr davon ab. Für die 62-Jährige ist es ein besonderes Gefühl, denn einst ist sie zur „unerwünschten Person“ erklärt worden.„Alles nur, weil ich einen Anti-Atom-Aufkleber auf dem Auto hatte“Gunkel, damals Leiterin einer Hanauer Sprachschule, wollte ein Geschenk zu einer Firma auf dem Areal bringen. Im Jahr 1981 war das. Sie habe sich beim Pförtner gemeldet, wie man das eben so macht. „Erst lief alles normal, doch dann musste ich plötzlich aus dem Auto steigen und in das Gebäude hier gehen“, erzählt sie und deutet auf ein Häuschen unweit des heutigen DHL-Lagers. Stundenlang sei sie dort bewacht worden, schließlich gab es Hausverbot. „Und alles nur, weil ich einen Anti-Atom-Aufkleber auf dem Auto hatte.“

Eine Art Schlüsselerlebnis war das für Gunkel. Zwei Jahre später gründete sie die Ortsgruppe Hanau von Robin Wood. Sie fand schnell Mitstreiter, jahrelang kämpften im Schnitt 20 bis 30 Aktivisten gegen den Atomstandort. Ende der 80er ging Gunkel in die Politik, wurde bei den Grünen aktiv und ist es noch heute.

Sorge um die Zukunft der Kinder als AntriebIsolde Nagel stieß 1986 dazu. Die heute 54-Jährige war durch Katastrophen wie Tschernobyl auf Robin Wood aufmerksam geworden, schloss sich an, mischte mit. „Ich war vor allem für Plakate verantwortlich“, weiß die freischaffende Künstlerin zu erzählen.

Atom sei das Schwerpunktthema der Gruppe gewesen. Bezeichnend, dass sie ein Button mit der Aufschrift „Atomkraft – nein danke!“ angeheftet hat. „Den Leuten war nicht klar, wie gefährlich das ist, was hier gemacht wird. Das mussten wir ändern“, betont Nagel. Damals sei sie junge Mutter gewesen. Die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder habe sie angetrieben. Das unterschreibt auch Gunkel.Umweltschützer Diez als größter Gegner der AtombetriebeWir sind noch nicht weit gekommen mit unserem Rundgang, als Gunkel einen Ordner hervorholt. Ihn ihm hat sie die damalige Zeit dokumentiert. Fotos der Protestveranstaltungen, Lagepläne, Besprechungsnotizen, Informationsmaterial. „Wir hatten keine diffusen Ängste“, betont sie. Man habe sich intensiv mit allem beschäftigt. „Ich habe gefühlt Hunderte Stunden in Räumen mit Experten zugebracht und Genehmigungsunterlagen studiert“, blickt die Grünen-Politikerin zurück.

Einer, der stets dabei war, ist der Hanauer Umweltschützer und -aktivist Elmar Diez. Der inzwischen verstorbene Ur-Grüne kannte die Hanauer Atombetriebe wie seine Westentasche – und war vielleicht ihr größter Gegner. Für die Robin-Wood-Aktivistinnen ist er ebenso wie Eduard Bernhard unvergessen.High-Tech-Image der Firmen sei nur Schein gewesenEinige Lkw passieren uns, als Gunkel schildert, wie sie und einige Mitstreiter nach dem Tschernobyl-Unglück 1986 ins Atomdorf zu Alkem und NBU eingeladen waren. Hierhin, wo wir gerade stehen. „Man wollte uns zeigen, wie toll hier alles ist. Aber das Gegenteil war der Fall.“ Das High-Tech-Image, das sich die Firmen gegeben hätten, sei nur Schein gewesen.

Unzureichende Sicherheitsvorkehrungen, schlechter Umgang mit den gefährlichen Materialien – Gunkel schüttelt mit dem Kopf, wenn sie daran zurückdenkt. „Der Boden unter uns ist übrigens immer noch verseucht. Das Grundwasser wird nach wie vor gereinigt“, fügt sie hinzu.Ruine erinnert an TschernobylLangsam spazieren wir im Nordosten des Industrieparks weiter in Richtung des weitläufigen DHL-Lagers, das sich parallel zur Rodenbacher Chaussee erstreckt. Rechts vor uns befindet sich eine große freie Fläche. „Hier waren Teile der Atomproduktion“, schildert Gunkel. In der Ferne fällt der Blick auf eine Betonruine. „Das sollte mal das Nukem-Verwaltungsgebäude werden“, sagt Gunkel, die heute in Sachen Klimaschutz für die Stadt Hanau arbeitet. Doch daraus sei nichts geworden: Noch bevor es fertiggestellt worden sei, seien die Hanauer Atombetriebe am Ende gewesen.

Dreht man den Kopf nach rechts, erspäht man einen mächtigen Betonklotz. Trist und grau ist er, so wie die Wolken über uns. Auch dieses Gebäude sieht ungenutzt und verlassen aus, wie die andere Ruine. „Der einstige Plutoniumbunker“, klärt Gunkel auf. „Da ist heute nichts mehr drin.“ Dennoch weckt der Anblick Unbehagen. Denn ein wenig schaut der Bunker aus wie der Sarkophag, der um den havarierten Atommeiler in Tschernobyl gegossen wurde.Überbleibsel lagern in zwei HallenDie Hallen der Firma Daher Nuclear Technologies wirken dagegen unscheinbar. Ihnen kommen wir bei unserer Entdeckungstour immer näher, sie stehen auf einem großen Grundstück am Waldrand. Aber die Gebäude haben es in sich: In zweien davon lagern die Überbleibsel des Hanauer Atomdorfs.

Der Pförtner aus seinem verglasten Gebäude schaut etwas kritisch, als wir uns nähern. Aber Sorge müssen wir keine haben: Es handelt sich um öffentlichen Straßenraum, bis zu den Grenzen des Firmengeländes kann man sich hier frei bewegen. Ganz im Gegensatz zu früher. Wir stoppen an Halle 6. Kaum zu glauben, dass darin, nur wenige Meter neben uns, radioaktive Abfälle aus dem Hanauer Atomdorf schlummern. Und in Halle 12 – außerhalb unserer Sichtweite, aber ebenso nicht weit entfernt – stehen 1131 Container mit Überbleibseln des rückgebauten Siemens-Brennelementewerks (siehe Fragen und Antworten).Halle 15 soll weiteres Zwischenlager werdenDann schauen wir in Richtung Waldrand und sehen Halle 15. Diese will die Firma Daher (vor der Übernahme: Nuclear Cargo Service, kurz NCS, ein Nachfolgeunternehmen des Skandal-Unternehmens Transnuklear) für ein weiteres Atomzwischenlager nutzen. Die Politik läuft dagegen Sturm, Oberbürgermeister Claus Kaminsky hat angekündigt, notfalls wieder bis vors Bundesverwaltungsgericht ziehen zu wollen (siehe weiterer Kasten).

„Dass die Überbleibsel der Hanauer Atomzeit hier lagern, bis sie ins Endlager Schacht Konrad transportiert werden können, haben wir akzeptiert“, sagen die einstigen Aktivistinnen Gunkel und Nagel. Hanau habe Verantwortung übernommen. „Dass aber Material unbekannter Herkunft hier gelagert werden soll – das ist unverantwortbar“, betonen sie, fast schon kämpferisch, wie in früheren Robin-Wood-Zeiten. Die Gruppe ist heute nicht mehr aktiv.„Die Atomkraftwerke müssen abgeschaltet werden. Der Ausstieg ist unabwendbar“„Ich glaube nicht, dass wir wieder genügend Menschen finden würden, die sich an Zäune ketten“, meint Gunkel. Aber an den Zielen habe sich nichts geändert. „Die Atomkraftwerke müssen abgeschaltet werden. Der Ausstieg ist unabwendbar“, macht die Grüne klar. Dafür müsse man weiter kämpfen.

Als wir den Atomhallen den Rücken zukehren und wieder in Richtung Parkplatz marschieren, erzählt die 62-Jährige noch eine Anekdote. Anfang der 80er habe sie genug gehabt von allem. „Da war nicht nur das Atomdorf, da gab es Staudinger, Pseudokrupp und Smog-Probleme. Ich wollte nach Australien auswandern“, gibt Gunkel zu. Doch dann sei sie schwanger geworden und samt Familie hier geblieben. „Und wer nicht gehen kann, der muss eben etwas tun. Mein Sohn heißt übrigens Sydney.“

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