Michael Ruess erläutert an den Monitoren die Steuerung der Kläranlage Hanau und zeigt das, was der Rechen an Abfall rausfischt und im Container zur Abfuhr Richtung Verbrennung landet. In dem dunklen Schmodder ist Plastik nur schwer auszumachen. Archivfoto: PM

Hanau

Hanauer Abwasserexperte rät: Finger weg vom Mikroplastik!

Hanau. Beim Duschen und Wäsche Waschen landen täglich Mikro-Plastikartikel im Abwasser. Michael Ruess, Leiter der Abteilung Abwasserbeseitigung bei der HIS, erklärt, was in der Kläranlage aus dem Abwasser gefiltert wird und warum wir dafür sorgen sollten, dass diese kleinsten Kunststoffteilchen gar nicht erst dort landen.

Michael Ruess:Das Klärwerk Hanau ist – wie die meisten anderen – (noch) nicht in der Lage, Mikroplastik (also Teile kleiner als 0,005 Millimeter) aus dem Abwasser herauszufischen. Dazu bedürfte es sehr feiner Filter, die für die Durchflüsse, wie wir sie im Klärwerk haben, noch entwickelt werden müssten. Der BUND spricht im Übrigen bereits von Mikroplastik, wenn die Teile kleiner als fünf Millimeter sind. Allerdings haben die bei den Einheiten nicht aufgepasst: kleiner als fünf µm (= 0,005 mm) muss es heißen.

Welche Mengen an Mikroplastik fallen jährlich in der Hanauer Kläranlage an?

Zu den Mengen an Mikroplastik im Abwasser lässt sich noch nicht viel sagen, da diese Partikel noch nicht abgeschieden werden, also weitgehend unbehelligt durch das Klärwerk kommen. Untersuchungen von Mineralwasser haben ergeben, dass zwischen 0 und 200 MPP (= Mikroplastikpartikel) pro Liter vorhanden sind, die letztendlich in die Nahrungskette gelangen und sich dort vermutlich vermehren, da sie recht unverdaulich sind.

Welche Abwassermengen werden in der Kesselstädter Landstraße geklärt?

Im Hanauer Klärwerk wird das Abwasser von rund 145 000 Einwohnern und einer Reihe von Großbetrieben gereinigt. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt etwa 16,7 Millionen Tonnen beziehungsweise Kubikmeter. Das sind 16,7 Milliarden Liter.

Steigt die Müllmenge?

Ein Anstieg der Müllmenge ist nicht festzustellen, die Mengen sind relativ gleichbleibend. So wurden im Jahr 2017 etwa 440 Tonnen an Grobstoffen aus dem Abwasser gefischt. Das heißt, pro Einwohner fallen etwa drei Kilo Grobstoffe im Jahr an. Hinzu kommen rund 1,5 Kilo Sand und 83 Kilo Klärschlamm, insgesamt also rund 87,5 Kilo Abfälle pro Einwohner und Jahr. Die Mikropartikel fallen da nicht ins Gewicht. Ihre Schädlichkeit liegt darin, dass sie aus größeren Plastikteilen entstehen und sehr beständig sind. So beständig, dass sie sogar in der Muttermilch nachgewiesen werden konnten.

Was wird dabei gemessen?

Gewogen wird nur das, was aus dem Abwasser entfernt wird. Mikroplastikpartikel gehören (noch) nicht dazu.

Was geschieht damit?

Der aus dem Abwasser entfernte Abfall wird bis auf den Sand letztendlich thermisch verwertet, soll heißen verbrannt. Insbesondere beim Klärschlamm wird dies noch zunehmen, da eine bodenbezogene Verwertung schwindende Akzeptanz hat.

Was rät der Leiter der Kläranlage, was kann der Bürger tun?

  • Erstens: Finger weg von Mikroplastik in Kosmetika und pharmazeutischen Produkten, Schlämmkreide ist zwar ein wenig teurer, aber viel weniger umweltschädlich.
  • Zweitens: Jute statt Plastik. Der alte Spontispruch ist aktueller denn je, da man festgestellt hat, dass sich im Pazifik Plastikmüll in Größenordnungen ansammelt und erst eine Weile unappetitlich oben rumschwimmt, bevor er sich nach und nach zu Mikroplastik zersetzt und schließlich in die Nahrungskette gelangt. Und damit auch in die Muttermilch.
  • Und drittens: Der Hebel ist dort anzusetzen, wo man am meisten erreichen kann: auf der Verursacherseite. Darauf zu setzen, dass eine End-of-pipe-Lösung es schon richten wird, darf getrost als asozial bezeichnet werden, da alle ausbaden müssen, was uns wenige eingebrockt haben.

Was tut die Forschung?

Selbstverständlich gibt es Techniken, um Mikroplastik herauszufiltern, sonst hätten die Labore ja nichts entdeckt. Aber der Weg vom Labormaßstab zur großtechnischen Lösung ist lang und teuer. Und zwar für alle. Insbesondere natürlich für die Gebührenzahler. In diesem Sinne sollte 'Plastefasten' nicht nur auf die Fasten-, sondern auf die Lebenszeit bezogen werden.

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