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Spektakulärer Fall: Der HANAUER ANZEIGER berichtete vor 25 Jahren ausführlich über die Festnahme an der Lindenau und den grausigen Fund danach.

Verbrechen

Kuriose Zufälle: Vor 25 Jahren klärte die Großauheimer Polizei ein spektakuläres Verbrechen auf

  • Thorsten Becker
    vonThorsten Becker
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Vor 25 Jahren ereignete sich in Großauheim ein spektakuläres Verbrechen im Rotlichtmilieu. Kuriose Zufälle führten dazu, dass die Polizei das Verbrechen blitzschnell aufklären konnte.

  • Vor 25 Jahren wird die Polizei zu einem Unfall gerufen
  • Wenig später wird eine Leiche gefunden
  • Die Spuren führen ins Rotlichtmilieu

Großauheim – Es ist der 13. Juni 1995, mitten in der Nacht, kurz vor 4 Uhr. An der Lindenau wird ein schwerer Unfall gemeldet. Ein Mercedes Benz mit Regensburger Kennzeichen hat sich auf dem Weg in die Waldsiedlung überschlagen und hängt quer in der Böschung.

Feuerwehr und Polizei Großauheim eilen zum Ort des Geschehens. Was die Schutzleute zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen können: Sie sind auf einen der spektakulärsten Fälle der Hanauer Kriminalgeschichte gestoßen.

Erschreckendes Bild für Rettungskräfte: Mann in Wagen eingeklemmt

Selbst heute, exakt 25 Jahre danach, erinnert sich einer der damals eingesetzten Beamten noch genau: „In dem Wagen war nur ein Mann. Aber er war stark eingeklemmt – es sah nicht gut aus für ihn“, so der erste Eindruck.

Doch die Rettungsteams holen den offenbar Verletzten aus dem Wrack der Limousine. „Dass er da lebend rausgekommen ist, ist alleine schon verwunderlich“, sagt der Schutzmann mit Blick auf das völlig zerstörte Wrack.

Verletzter Fahrer springt plötzlich auf

Der Fahrer ist der 24-jährige L. – er hatte offenbar viele Schutzengel. Behutsam heben die Sanitäter L. auf eine Trage, um ihn zum Notarztwagen zu bringen. Dann sind alle Helfer baff erstaunt: Der 24-Jährige springt quicklebendig von der Krankentrage und beginnt sofort mit einem Veitstanz.

„Der hat gebrüllt und getobt“, erinnert sich der Polizeioberkommissar heute noch. Offenbar hat L. keinerlei Verletzungen davongetragen. Nach minutenlangem Gebrüll und Beschimpfungen in Richtung der Ordnungshüter wird es den Polizisten schließlich zu bunt: Der Randalierer hatte keinerlei Blessuren und wird festgenommen, das Wrack der Limousine sichergestellt.

Ermittler vermuten Hintergrund im Rotlichmillieu

Alles deutet an diesem Morgen auf das Rotlichtmilieu hin, in dem seit Wochen schon ein erbitterter Kampf hinter den Kulissen tobt. Es wurden sogar Schüsse auf ein Spielkasino an der Krämerstraße abgefeuert – quasi als letzte Warnung und Einschüchterung.

An der Lindenau sorgen vor allem der absichtlich auf der Hutablage platzierte Baseballschläger und das Regensburger Kennzeichen bei den Streifenbeamten für Argwohn. „Könnte sein, dass wir den Richtigen haben“, meint einer der Beamten – ohne zu wissen, was in den folgenden Stunden dieser Nachtschicht noch alles passiert.

Grausam entstellte Leiche in Großauheim gefunden

6 Uhr: Ein VW-Bus der Polizeistreife ist gerade auf dem Weg, um den immer noch tobenden L. in das Polizeigewahrsam am Freiheitsplatz zu bringen, als in der Zentrale alle Alarmglocken läuten: „Leichenfund an der Rochusstraße“, lautet die erste Meldung über Funk.

Wieder sind die Großauheimer Streifen schnell vor Ort. „Das war grauenvoll. Der Getötete saß auf einer Couch, hatte mehrere Schusswunden im Gesicht und war zudem noch getackert“, erinnert ein Beamter, der als Erster am Tatort eintrifft.

Und dann kommt rasch auch der grüne VW-Bus aus der Hanauer Innenstadt zurück. Einer der Polizisten ist sich sicher: „Der junge Herr, den wir gerade in die Zelle eingeliefert haben – das ist wohl der Täter.“ Er sollte recht behalten.

Getöter Mann ist Bordellbesitzer

Der Getötete, ein gewisser Werner G., 42 Jahre alt, ist offiziell als „Kaufmann“ registriert. In Wahrheit ist er aber eine der Bordellgrößen in Bayern, der nun auch ins Hanauer Rotlichtmilieu einsteigen will. Es geht um Frauen. Und um sehr viel Geld.

Aber es geht auch um „echte Liebe“, denn eine der Frauen hat als Freundin von G. zu L. gewechselt.

Party mit Alkohol, Kokain und Prostituierten führt zum Verbrechen

Doch die Zufälle hören an diesem Morgen nicht auf. Denn neben G. und L. haben in dieser Nacht auch noch zwei Damen aus dem horizontalen Gewerbe in dem kleinen Haus an der Rochusstraße mitgefeiert. Viel Alkohol und reichlich Kokain sind dabei.

Sie sehen, wie L. seinen Widersacher erschießt und „tackert“. Und sie sind ganz offensichtlich auf der Seite des 24-Jährigen. Denn zunächst sind sie emsig als „Tatortreinigerinnen“ beschäftigt.

Tatwaffen werden entsorgt

„Die beiden Damen haben schwer geputzt, denn viele Blutspuren haben wir erst unter dem fluoreszierenden Licht entdeckt“, heißt es später von der Mordkommission. Und noch einen „Job“ erledigen die beiden Frauen für L.: Sie fahren zur Pilgerstraße ans Mainufer und versenken die Tatwaffen im Wasser.

Doch dann bekommen beide Damen „kalte Füße“, denn L. wollte eigentlich „nur schnell“ zu seiner Wohnung in der Waldsiedlung fahren, eilig seine Sachen packen, die Leiche beseitigen und dann schnell abhauen. Denn er muss nun die Rache aus dem „Freundeskreis“ des 42-Jährigen fürchten, zu dem auch gewisse Rockerbanden zählen.

Prostituierte melden der Polizei eine Leiche

Doch L. kommt nicht zurück. Dass der mit der Limousine seines Opfers einen Unfall gebaut hat, wissen sie nicht. Also vertrauen sich die beiden Frauen der Polizei an und melden, sie hätten „zufällig“ eine Leiche in dem Haus entdeckt.

Der Coup der Großauheimer Schutzleute, die den Täter bereits zwei Stunden vor dem Bekanntwerden des Kapitalverbrechens festgenommen und ihn den Kollegen vom Kommissariat 11 quasi auf dem Silbertablett liefern, wird deutschlandweit zur Nachricht.

Hintergründe der Tat wurden nie aufgeklärt

Der Rest ist für die Ermittler Routine. Nachdem die beiden „Helferinnen“ Geständnisse ablegen, bergen Taucher der Bereitschaftspolizei Mühlheim wenige Tage später den Revolver und den Tacker im Main. Doch die genauen Hintergründe für den Gewaltexzess bleiben wohl für immer im Dunkeln.

Ein Jahr später beginnt eines der aufwendigsten Schwurgerichtsverfahren vor dem Hanauer Landgericht mit über 20 Verhandlungstagen, an denen 40 Zeugen und sechs Sachverständige aussagen.

Gericht hat mit Zeugen aus Rotlichmilieu zu kämpfen

Die Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitzenden Richter Heinz Frese stellt das Hanauer Rotlichtmilieu auf den Kopf, kommt aber zu „keinem überzeugenden Ergebnis“, denn viele der „schillernden Zeugen“ – Prostituierte und Zuhälter – nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau. Außerdem scheint im Milieu das Motto „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ zu herrschen.

Die Richter stellen fest, dass alle Partygäste an der Rochusstraße viel Alkohol getrunken haben – L. hat 2,7 Promille und Kokain im Blut. So wird der 24-Jährige schließlich wegen Totschlags und illegalen Waffenbesitzes zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt – und dann schnell in seine Heimat auf dem Balkan abgeschoben.

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