Als besonders charismatisch galt Apotheker Adolf Musch, der die 1820 gegründete Apotheke in der Steinheimer Vorstadt ab 1911 führte. Mit im Bild seine Helferinnen Adam, Giede und Zengerling. REPROS/
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Als besonders charismatisch galt Apotheker Adolf Musch, der die 1820 gegründete Apotheke in der Steinheimer Vorstadt ab 1911 führte. Mit im Bild seine Helferinnen Adam, Giede und Zengerling.

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Tollkirsche gegen Bauchweh: Steinheimer Burg-Apotheke besteht seit nunmehr 200 Jahren

  • vonHolger Hackendahl
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Vor genau 200 Jahren wurde die Burg-Apotheke in der Steinheimer Vorstadt gegründet - zunächst als Dependance der Stadtapotheke Seligenstadt. „Vorher haben die Steinheimer ihre Pillen und Salben in Hanauer Apotheken bezogen“, weiß Carola Hartl. 37 Jahre lang hat sie als Inhaberin die traditionsreiche Apotheke geführt. Nun hat Tochter Helena nach ihrer Approbation die Leitung übernommen.

Steinheim – In der Anfangszeit ab 1820 führte Apotheker Römheld die Burg-Apotheke in eigener Regie, 1847 übernahm Apotheker Brill die Geschäfte. So ist es im Buch „Geschichte der Stadt Steinheim“ von Dr. Leopold Imgram nachzulesen. Es folgten Apotheker Amrhein (ab 1875) und der charismatische Adolf Musch (ab 1911), „an den sich ältere Steinheimer sogar noch erinnern“, berichtet Carola Hartl und zückt ein Rezeptbuch von 1930. Sorgsam hat Musch darin seine Mischungen und Rezepte handschriftlich notiert. Viele der Zutaten wären heutzutage nicht mehr erlaubt, sagt Hartl. Denn deren Nebenwirkungen waren trotz Wohltat wenig gesundheitsfördernd, etwa Borsäurelösung, die einst gegen Entzündungen helfen sollte. „Vor 90 Jahren wurden oft Verdauungsmittel verlangt, etwa das Opiat Laudanum, das gegen Durchfälle und Schmerzen helfen sollte. Oder das Schmerzmittel Pyramidon bei Verletzungen bei handwerklichen Tätigkeiten, etwa von Fuhrwerkern bei Unfällen mit Tieren“, so Hartl. „Vieles wurde früher von den Apothekern selbst gemischt.“ Aus dem alten Rezeptierbuch geht beispielsweise hervor, dass Belladonna, der Extrakt der Tollkirsche, einst zu Pulver zerrieben und mit weiteren Zutaten gegen Magenschmerzen verordnet wurde.

So sah das Gebäude der Burg-Apotheke bis 1970 aus, dann wurde es komplett umgebaut.

1957 übernahm Felix Becker die Apotheke in der Vorstadt, 1969 folgte Irene Pichura. 1970/71 modernisierte Architekt Hermann Becker das von ihm 1969 erworbene Haus. Nach zweijähriger Ausbildung und einem Studium der Pharmazie übernahm Carola Hartl 1983 die Burg-Apotheke. „Der Beruf hat sich stark gewandelt“, sagt sie. „Früher wurden viele Pillen, Tinkturen und Salben im Labor selbst hergestellt.“ Längst überwiegen aber die Fertigarzneimittel, deren Wirkstoffe überwiegend in Asien produziert werden. Bis zu 6000 Medikamente, Salben und Arzneien hat die Burg-Apotheke vorrätig, bis zu viermal am Tag liefert der Großhandel Medikamente an.

Das wichtigste Arbeitsmittel in der Apotheke ist die Waage, die es als Analysewaage (im Milligrammbereich) und in größeren Ausführungen als Rezeptur- und als Dezimalwaage gibt. Auch Mörser, Glasbehälter für flüssige Wirkstoffe sowie eine Kapselabfüllmaschine gehören zu den Utensilien des Apothekers.

Alte Apotheken-Utensilien hat Carola Hartl zusammengetragen und in einer Vitrine ausgestellt.

Dessen Beruf ist sehr verantwortungsvoll. „Bei Falschdosierung stehen Menschenleben auf dem Spiel. Man darf sich nicht darauf verlassen, was auf Etiketten gelieferter Wirkstoffe steht, sondern muss die Chargen stets selbst prüfen und protokollieren“, sagt Carola Hartl. „Wir prüfen lieber einmal mehr als nötig.“

In der Burg-Apotheke gibt es mit dem traditionsreichen Kräuterlikör „Steinheimer“ übrigens auch einen Magenbitter, der seit 50 Jahren selbst hergestellt wird.

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