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So wirken sich Inflation und Energiepreise auf das Leben in Hanau aus

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Von: Kerstin Biehl, Christian Spindler

Genau kalkulieren mit dem, was im Geldbeutel ist, müssen auch diejenigen, die auf dem Hanauer Wochenmarkt einkaufen gehen. Marktbeschicker registrieren ein gezielteres Einkaufen.
Genau kalkulieren mit dem, was im Geldbeutel ist, müssen auch diejenigen, die auf dem Hanauer Wochenmarkt einkaufen gehen. Marktbeschicker registrieren ein gezielteres Einkaufen. © Patrick Scheiber

Es ist das beherrschende Thema bei vielen. Alles kostet mehr. Nicht nur Benzin oder Gas. Die Inflation treibt allenthalben die Preise – ob für Lebensmittel, Kleidung oder Kulturveranstaltungen. Was hat sich geändert? Wie wirken sich die mitunter eklatanten Teuerungen aus?

Hanau - Wir werfen Schlaglichter auf verschiedene Bereiche.

Wochenmarkt

Auf dem Hanauer Wochenmarkt ist die geringere Kaufkraft deutlich zu spüren. „Wir merken das natürlich“, sagt Marktbeschicker Thomas Burkart. Der Inhaber des Familienbetriebs „Willi Burkart – Eier- und Geflügel-Großhandel“ ist zudem der Vorsitzende des Wochenmarktvereins. „Statt Filet kaufen die Leute jetzt Schenkel, weil es preiswerter ist. Grundsätzlich ist ja alles 25 bis 30 Prozent teuerer. Manchmal sind die Kunden schon irritiert, angesichts der Preise. Aber hier auf dem Markt ist es schon nochmal etwas anders als im Supermarkt. Hier zählen auch das Erlebnis und die sozialen Kontakte.“

Am Stand gegenüber ein ähnliches Bild. „Wir merken seit ungefähr einem viertel Jahr, dass unsere Kunden gezielter einkaufen“, sagt Bernd Ecker vom Obst- und Gemüsestand Albrecht. Preissteigerungen gebe es für Waren, die aus Übersee kommen. „Das beläuft sich auf zehn bis 15 Prozent.“ Produkte aus Deutschland und Europa hingegen seien stabil, Trauben etwa. „Man merkt auf jeden Fall, dass die Leute weniger kaufen. Statt fünf bis sechs Produkte nehmen sie nur noch drei bis vier mit.“

Von nur geringen Preiserhöhungen und auch nur bei wenigen Produkten spricht hingegen Elsbeth Keim, an deren Stand Wurst und Käse angeboten werden. „Zu uns kommen die Kunden nach wie vor. Das Produkt, das bei uns am meisten gekauft wird, den Handkäs, mussten wir auch nur ganz leicht preislich erhöhen.“

Privathaushalte

„Mein Einkaufsverhalten hat sich bisher nicht geändert. Ich achte auf Nachhaltigkeit, kaufe saisonal und regional ein“, sagt Christian See aus Klein-Auheim. Er verzichtet aber auf Weihnachtsgeschenke, hat das allerdings bereits in den letzten Jahren getan, sagt er. Hingegen setzt er auf Energiesparen. „Die Heiztemperatur in meiner Wohnung habe ich gegenüber dem Vorjahr leicht abgesenkt, wir haben aber auch schon vorher nie übertrieben geheizt.“ Zudem werden energiesparende LED-Leuchten eingesetzt. Und mit seinem Auto ist See nach eigener Aussage „fast klimaneutral unterwegs, weil es Biomethan verbrennt.“ Kurzstrecken fährt er jetzt vermehrt mit dem E-Bike.

Reiner Bohländer aus Steinheim kauft seine frischen Lebensmittel immer freitags auf dem Steinheimer Wochenmarkt – den Rest holt er weiterhin beim Discounter.

Daniela Schmidt aus Kesselstadt: „Ich kaufe keine Süßigkeiten mehr, und wir gehen nicht mehr essen. Das können wir uns mit zwei Kindern einfach nicht mehr leisten.“

Konsum

Fast die Hälfte der vom Ifo-Institut befragten Einzelhändler in Deutschland berichtet im Oktober von weniger Kunden als im Juli. Die Verbraucherstimmung liegt nach dem Index des Handelsverbands mit 85 Punkten auf dem zweitniedrigsten Wert seit Jahren. Von einer „erheblichen Kaufzurückhaltung bei den Kunden“ berichtet auch Mehmet Kandemir, Geschäftsführer des Bekleidungsgeschäfts Glam Luxury Style in der Innenstadt. „Klar überlegt sich jeder, ob das neue Kleidungsstück jetzt unbedingt notwendig ist.“

Der Vorsitzende des Hanau Marketing Vereins (HMV) beobachtet die Entwicklung mit großer Sorge. „Die Energiekrise trifft den Handel gleich doppelt, als Verbraucher, aber auch durch die Zurückhaltung der Konsumenten. Das bedeutet im schlimmsten Fall, dass ein Händler extreme Energiekostensteigerungen stemmen muss und gleichzeitig deutlich weniger in der Kasse hat, weil seine Kunden selbst sparen müssen, um die Kostenexplosion in den Griff zu bekommen.“ Die Hoffnung auf das Weihnachtsgeschäft bestehe natürlich, doch müsse hier mit dem Onlinehandel konkurriert werden, und es bestünden Warenengpässe.

Das Forum Hanau ist laut der PR-Agentur Ballcom, die sich um die Pressearbeit des Einkaufszentrums kümmert, „weiterhin sehr gut besucht, die Kundenfrequenz ist hoch.“ Auch die Gastronomie freue sich über regen Zuspruch. Das Centermanagement habe indes „Vorbereitungen getroffen, um unsere Stores und Gastronominnen und Gastronomen während dieser Zeit umfangreich zu unterstützen, zum Beispiel mit Werbemaßnahmen und Aktionen“.

Vereine

Wie viele andere auch, muss der 1872 gegründete TSV Klein-Auheim, mit 600 Mitgliedern einer der größten Mehrspartenvereine in Hanau, für seine vereinseigene Halle allein beim Gasabschlag die Hälfte mehr bezahlen, so Vorsitzender Reiner Dieser. Immerhin sei der TSV in der glücklichen Lage, dass die Halle auch als Bürgerhaus genutzt wird und es von der Stadt jährlich 40 000 Euro für Betriebskosten gibt. In dem Budget müssen freilich die Mehrkosten eingepreist werden. „Momentan kommen wir hin“, sagt Dieser. Immerhin hat der TSV in der Gaststätte seiner Halle die Getränkepreise erhöht, um Mehreinnahmen zu erzielen. Und die Mitgliedsbeiträge? Wurden zuletzt 2018/19 angehoben. Eine neue Anhebung wegen der gestiegenen Kosten kann Dieser nicht ausschließen. „Vielleicht müssen wir darüber reden.“

Auch bei der TG Hanau könnten im kommenden Jahr Beitragserhöhungen beschlossen werden, so Präsident Rüdiger Arlt. Einschränkungen etwa bei der Hallennutzung oder den Kursangeboten aus Energiespargründen gibt es bisher nicht. Sie könnten beim Baby- und Kleinkindschwimmen drohen. Die Stadt hatte die Wassertemperaturen in den Schwimmbädern abgesenkt (wir berichteten). Beim Babyschwimmen seien sie am Rand des Vertretbaren, so Arlt. „Wenn es weiter runtergeht, müssten wir das Angebot streichen.“

Von der Stadt werden die Energiekosten – auch die TGH nutzt städtische Anlagen – mit 75 Prozent bezuschusst. OB Claus Kaminsky habe in der Sportkommission aber gesagt, es sei nicht absehbar, ob das zu halten sein wird, so Arlt. Rund 3000 Mitglieder hat die TG Hanau. Während der Corona-Krise hat man rund 500 verloren. Viele kämen zwar zurück, „aber noch sind wir nicht auf dem Stand von vorher“, sagt Arlt und verweist auch auf Bereiche, in denen ebenfalls viel höhere Ausgaben ins Kontor schlagen: etwa bei den Fahrtkosten, die bei Auswärtsspielen von Mannschaften anfallen.

Gastronomie

Stefan Gebauer betreibt die beiden Marktplatz-Lokale Klara und Café Central sowie das Restaurant Frau Trude in der Altstadt. Noch hat er keine allgemeine inflationsbedingte Kundenzurückhaltung festgestellt. Aber: „Bei der jüngeren Zielgruppe bis 25 Jahre gibt es eine Veränderung: Hier wird deutlich weniger weggegangen.“ Dies sei aber eine Folge der coronabedingten Einschränkungen. „Erfreulich ist, dass wir gerade wieder viele Reservierungen für Weihnachtsfeiern bekommen. Das gibt einem Zuversicht in dieser schwierigen Zeit.“

Kultur

Veranstalter im ganzen Land klagen über Besucherrückgänge. Betroffen auch: die Brüder-Grimm-Festspiele in Hanau. 64 000 Zuschauer zählte man dieses Jahr, 10 000 weniger als in der saison 2019. Auch Shooter Promotions, größter Veranstalter im Amphitheater, berichtet unterm Strich von Zuschauerrückgängen. Die Besucher üben Zurückhaltung. Aus Spargründen? Oder aus Angst vor Corona? „Schwer zu sagen“, meint Eisermann von Shooter, zugleich Geschäftsführer der in Hanau ansässigen Neuen Philharmonie. Die Sinfoniekonzerte seien bestens besucht, anderes im Amphitheater sei schlechter gelaufen als erwartet. Eisermann: „Das ist ambivalent.“ Das Besucherverhalten ist unkalkulierbarer geworden. Derweil steigen die Kosten auch für Kulturveranstalter – im Schnitt um 20 Prozent, so Eisermann. Heißt: Die Besucher müssen sich auf höhere Ticketpreise einstellen.

Die Kostenspirale drehe sich für alle Beteiligten weiter, heißt es von der Geschäftsführung von Congress-Park Hanau und Comoedienhaus. „Veranstalter müssen vermutlich über kurz oder lang höhere Eintrittspreise verlangen. Gleichzeitig haben ihre Kunden weniger Geld zur Verfügung, weil auch in anderen Bereichen die Preise steigen.“ CPH und Comoedienhaus registrieren bereits seit Beginn der Corona-Pandemie einen Rückgang der Besucherzahlen. Der Trend gehe zu kurzfristigeren Ticketkäufen.

Bei den Eigenveranstaltungen „Congress Park Sinfonie“ und „Wilhelmsbader Kammerkonzerte“ sowie den Kooperationsveranstaltungen „Made in Wilhelmsbad“ sollen die Preise erst einmal stabil bleiben. „Ob wir bei der derzeitigen Preisgestaltung bleiben können, muss sich aber noch zeigen.“, heißt es.

Krankenhäuser

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat Alarm geschlagen, fürchtete wegen der gestiegenen Kosten gar Insolvenzen von Krankenhäusern. Allein die Energiekosten der Kliniken seien im Vergleich zu 2021 um vier Milliarden Euro stiegen. Das Klinikum Hanau hatte vor der Krise Energiekosten bei Strom und Fernwärme von 2,5 Millionen Euro pro Jahr. Für 2022 werden es wohl fünf Millionen sein. Doch das sei nur ein Bereich, so Klinikum-Geschäftsführer Volkmar Bölke. Mitunter seien Preissteigerungen von zehn bis 15 Prozent zu verkraften. Hingegen liege die Anhebung bei der Kostenerstattung lediglich bei 3,5 bis 4,5 Prozent. Bleibt eine dicke Finanzierungslücke. Bölke bezeichnet die Lage der Kliniken als „dramatisch“.

Von Kerstin Biehl, Christian Spindler und Holger Hackendahl

Ich befürchte, dass es Schließungen geben wird. Nach Corona haben viele Händler wenig Spielraum. Zudem werden jetzt Kredite fällig, mit denen die Corona-Zeit überbrückt wurde.
Ich befürchte, dass es Schließungen geben wird. Nach Corona haben viele Händler wenig Spielraum. Zudem werden jetzt Kredite fällig, mit denen die Corona-Zeit überbrückt wurde. © -
Mehmet Kandemir Einzelhändler und HMV-Vorsitzender
Mehmet Kandemir Einzelhändler und HMV-Vorsitzender © -

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