In Aschaffenburg werden so viele Tiere im Jahr geschlachtet wie im Großbetrieb Tönnies in einer halben Stunde, nämlich 30 000 Tiere.
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In Aschaffenburg werden so viele Tiere im Jahr geschlachtet wie im Großbetrieb Tönnies in einer halben Stunde, nämlich 30 000 Tiere.

Fleisch

Nach Corona-Skandal: Diese Auswirkungen hat die Krise auf die örtlichen Schlachtbetriebe

  • Jutta Degen-Peters
    vonJutta Degen-Peters
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Nach dem Corona-Skandal in einem Schlachtbetrieb, wird die Fleischindustrie in Detuschland besonders stark beäugt. Wir haben uns einmal einen regionalen Betrieb angesehen.

Hanau – Wenn Krisen die Massentierhaltung und die niedrigen Standards in der Fleischindustrie in den Blick rücken, profitiert meist das örtliche Handwerk: „Wir merken nach wie vor, dass mehr Leute zu uns in den Laden kommen“, sagt die Obermeisterin der Fleischerinnung Daniela Roß aus Rodenbach. Der Leiter des Schlachthofs Aschaffenburg, Ralf Kaufeld, der aus Langenselbold stammt und viele Kunden im Main-Kinzig-Kreis beliefert, spricht von einem um 15 bis 20 Prozent gesteigerten Umsatz. Auch in der Metzgerei Wellert in Erlensee sind einige neue Gesichter im Laden aufgetaucht.

Die Bilder und Nachrichten von Arbeitern aus Rumänien und Bulgarien, die in Corona-Quarantäne mussten, weil sie sich aufgrund von Arbeitsbedingungen und beengten Wohnverhältnissen angesteckt hatten, weckten bei vielen Fleischessern das schlechte Gewissen. Ein schlechtes Gewissen, das bisweilen gepaart ist mit Egoismus – der Furcht, selbst zu erkranken. Dann ist das Verlangen nach guter Qualität wieder größer als der Wunsch, vor allem billige Schnitzel oder Steaks einzukaufen. Hinzu kommt, dass aktuell in vielen Familien wieder mehr selbst gekocht wird.

Fleisch vom lokalen Metzger scheint manchen zu teuer zu sein

Dieter Wellert aus Erlensee würde seinen Beruf immer wieder erlernen. Für alle, die gerne Fleisch essen, seien Rind oder Schwein aus regionaler Zucht und Verarbeitung die beste Wahl, sagt der Metzgermeister aus Leidenschaft

Dass es gutes Fleisch beim Metzger vor der Haustür gibt, ist bekannt. Manchem ist das Fleisch dort aber zu teuer. Dann verdrängt er lieber und nimmt das eingelegte Nackensteak aus dem Supermarkt für 1,30 Euro statt beim Metzger in seinem Wohnort fast das Dreifache dafür zu zahlen – womit er genau der Entwicklung Vorschub leistet, die er später lauthals beklagt.

Daniela Roß nennt drei Gründe, weshalb die regionalen Metzger nicht mit den großen Discountern konkurrieren können: „Es sind die Preispolitik der Discounter, die Macht der Industrie und das Einkaufsverhalten der Menschen“, sagt die gelernte Fleischermeisterin, die in ihrem Laden in Rodenbach viele Gespräche mit Kunden führt. Derzeit freut sie sich, dass das Bedürfnis nach Qualität wieder im Mittelpunkt steht. Bei ihr und den in ihrem Innungsbezirk heute noch rund 19 angesiedelten Metzgern wüssten die Kunden genau, dass die Tiere aus der nahen Umgebung stammen, wie sie gefüttert und wie sie verarbeitet werden. Zudem könnten die Käufer sicher sein, dass die Beschäftigten nach Tarif bezahlt würden.

Auch die Stadt Hanau hatte einen Schlachthof

Dass viele der kleinen regionalen Schlachthöfe mittlerweile von der Bildfläche verschwunden sind, bedauert Roß sehr. Auch, dass von den allein in der Stadt Hanau in den 70er und 80er Jahren tätigen rund 40 Metzgern kaum noch einer übrig geblieben sei. Heute sind es ganze 19 Metzger, die sich im Innungsbezirk zwischen Langenselbold und Nidderau noch behaupten können.

Hanau hatte bis März 1992 seinen eigenen Schlachthof am Kanaltorplatz. Heute bringen viele Metzger, die selbst schlachten, ihr Fleisch nach Aschaffenburg.

Von diesen 19 schlachten nach den Worten der Obermeisterin noch einige selbst. Roß nennt die Metzgerei Müller in Bruchköbel, Jost in Nidderau und die eigene Metzgerei Schaaf in Rodenbach. Metzgermeister Richard Wellert aus Erlensee, der ebenfalls noch selbst schlachtet, zählt zudem noch die Namen Kemmler in Kilianstädten und Beck in Oberdorfelden auf. Bis 1992, so erinnert sich der Senior des Erlenseer Familienbetriebes, der 25 Jahre im Vorstand der Fleischerinnung saß, war der Hanauer Schlachthof zentrale Anlaufstelle für die Landwirte und Metzger aus der Region. Die alteingesessene Hanauer Institution hatte im März 1993 schließen müssen, weil die Schlachtzahlen von anfangs über 30 000 Tieren auf 13 000 Tiere zurückgegangen waren und zudem im Jahr 93 in Kraft getretene EU-Richtlinien nur mit Investitionen von 300 000 D-Mark hätten umgesetzt werden können.

In Hanau wurde am Wochenende geschlachtet

Wellert weiß noch genau, wie das damals war in Hanau. „Die Metzger aus der Umgebung brachten am Wochenende ihr Vieh nach Hanau“, sagt er. Das stand nach kurzen Transporten über Nacht in den Ställen. „Montags um vier Uhr früh kamen die Metzger dann zum Schlachten. Erst kam das Großvieh dran, danach die Schweine“, sagt er.

Daran erinnert sich auch Ralf Kauffeld noch ganz deutlich. Er verbrachte „quasi die ganze Kindheit im Schlachthof“, sagt der Sohn von Inhabern einer Fleischagentur auf dem Hanauer Schlachthof. „Mein Vater hat nur Rindfleisch gemacht.“ Kauffeld, den diese Kindheitserlebnisse keineswegs davon abgehalten, sondern im Gegenteil dazu ermuntert haben, später selbst den Metzgerberuf zu ergreifen, spricht von drei bis vier Festangestellten im Hanauer Betrieb, die für die Technik und die Stallarbeiten zuständig gewesen seien, und von Subunternehmern, die als Schlächter für die Metzger im Einsatz gewesen seien.

Tradition soll in Aschaffenburg fortgeführt werden

Heute ist Kauffeld Geschäftsführer des Schlachthofs Aschaffenburg mit zehn Beschäftigten und setzt sich dort dafür ein, dass die Tradition fortgeführt wird. „Wir liefern nach wie vor 70 Prozent unserer Ware nach Hessen, besonders viel in den Main-Kinzig-Kreis zu den alten Kunden“, sagt der Wahlbayer. Auch wenn der kleine Schlachthof ums Überleben kämpfen muss, wie Betriebsleiterin Marion Struff erklärt, schaut der 46-jährige Kauffeld optimistisch in die Zukunft: „Die gut aufgestellten Fachbetriebe werden sicher erhalten bleiben“, ist er überzeugt. Fachbetriebe wie der seine zum Beispiel, in dem der 23-jährige Sohn schon den Meisterbrief in der Tasche hat und wie die Tochter, seine Schwester und die Mutter im Betrieb mitarbeiten. „Die Qualität der Schweine im Main-Kinzig-Kreis, Aschaffenburg und Umgebung ist extrem gut, weil die hiesigen Landwirte sie mit eigenem Getreide füttern“, betont Kauffeld.

Bei Ralf Kauffeld, der einst mit den Eltern in Langenselbold zuhause war, arbeitet im Fleischgroßhandel und auf dem Schlachthof die ganze Familie mit.

Jungen Menschen, die über den Ausbildungsberuf des Metzgers nachdenken, gibt Kauffeld mit auf den Weg, dass dieser Handwerksberuf längst sehr anspruchsvoll geworden ist. Auch auf den Schlachthöfen habe sich vieles geändert. Heute würden Themen wie Tierwohl, Hygiene und Lebensmittelrecht. großgeschrieben. Und es gehe um den natürlichen Umgang mit den Tieren. Auch das Schlachten sei viel humaner geworden. „Auch bei uns auf dem Schlachthof sieht man noch das lebende Tier“.

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