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Prozess um Kindermord: Oberstaatsanwalt greift zu drastischen Mitteln - Sohn über Mutter: "Erbarmungslos"

  • vonThorsten Becker
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Im Prozess um den Mord am vier Jahre alten Jan H. greift der Oberstaatsanwalt zu drastischen Mitteln. Der Sohn der Hauptangeklagten bringt schauerliche Details zu seiner Mutter ans Licht.

  • Prozess um Mord an Vierjährigem in Hanau
  • Vierjähriger soll von Sektenführerin ermordert worden sein
  • Oberstaatsanwalt greift zu drastischen Mitteln

Es sind an sich nur eine Kinder-Schaufensterpuppe aus Plastik und ein aus einem Bettlaken genähter Sack. Doch es geht ein Gruseln durch den Schwurgerichtssaal am Hanauer Landgericht. „Ich würde dem Gericht demonstrieren, wie es aussieht, wenn ein Kind in einen Sack gelegt wird“, schlägt Oberstaatsanwalt Dominik Mies vor.

Hanau: Sektenführerin soll Kind getötet haben

Er hat die Puppe und den Sack mitgebracht zum Verhandlungstag gegen die mutmaßliche Sektenanführerin Sylvia D., die sich seit Oktober vergangenen Jahres wegen des Mordvorwurfs an dem vierjährigen Jan H. im August 1988 verantworten muss.

Etwa 118 auf 140 Zentimeter misst der Sack, der im Ermittlungsauftrag von Mies von einer Mitarbeiterin des Kommissariats 11 genäht worden ist. Zu Demonstrationszwecken. Die Kinder-Schaufensterpuppe ist eine Leihgabe aus einem Hanauer Bekleidungsgeschäft. Als die Puppe von Mies in den Sack gesteckt wird, bleibt nur wenig Platz im Inneren.

Sekte aus Hanau hat Kinder in Säcke gesteckt

Cordula E., die Frau, die nach eigener Aussage für die Angeklagte diese Säcke genäht hat, kann sich an diesem Morgen nicht mehr genau erinnern. „Ich weiß es nicht mehr“, beteuert E. auf dem Zeugenstuhl, als sie danach gefragt wird, ob diese Nachbildung den Säcken nahekomme, die sie damals genäht habe. Säcke, mit denen Kinder im Haus der Sekte an der Keplerstraße zum Mittagsschlaf ruhig gestellt werden sollten. Säcke wie dem, in dem Jan H. offenbar qualvoll gestorben ist.

Das Werk der polizeilichen Näherin liegt dann wieder auf dem Tisch, direkt vor der Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitzenden Richter Dr. Peter Graßmück. Dann steht ein 46- jähriger Mann vom Zeugenstuhl auf und schaut sich den Sack genauer an. „Der ist viel zu groß“, sagt Martin D. und faltet den Sack ein wenig zusammen. „Nur so groß waren diese Säcke.“

Sohn von Sektenführerin aus Hanau sagt gegen eigene Mutter aus

Der Justizwachtmeister schnappt sich einen Zollstock und misst nach: 87 auf 105 Zentimeter sind es nur noch. Martin D. beschreibt diese Säcke ganz genau: „Die waren dann auch über dem Kopf verschnürt. Das war wie ein Doppelknoten – ich habe ihn kaum aufbekommen.“

Der 46-Jährige, der international als Produzent arbeitet, ist der leibliche Sohn von Sylvia D. und wird deshalb vom Vorsitzenden belehrt, dass ihm deshalb ein unumstößliches Zeugnisverweigerungsrecht zusteht. Niemand darf gezwungen werden, gegen die eigenen Verwandten aussagen.

Sektenführerin aus Hanau war "erbarmungslos"

Doch Martin D. will aussagen: „Es ist nicht leicht für mich. Aber es ist richtig, es zu tun.“ Für seine Mutter hat er keine Gefühle mehr. Er spricht über sie nur mit ihrem Mädchennamen: „Die Frau, geborene F.“ oder „meine sogenannte Mutter“. Dass sie eine Sektenführerin sei, daran lässt er keinen Zweifel: Sie sei „erbarmungslos“, „eiskalt“ und wolle „Menschen gefügig machen“.

Er selbst sei der Sekte entflohen, deren Mitglieder „verblendet“ seien. Der eigene Sohn belastet Sylvia D. schwer. Vor allem, weil er am 18. August 1988, damals als 14-Jähriger, im Haus an der Keplerstraße in Hanau gewesen sein will und über die Ereignisse an diesem Tag berichtet.

Hanau: Vierjähriger von Sekte in Sack gesteckt

Jan H. sei – wie so oft – in einen Sack gesteckt und ins Bad gelegt worden. „Ich habe ihn schreien gehört. Es waren gedämpfte Schreie. Er war wohl eingeschnürt.“ Vom Treppenhaus habe er dann mitbekommen, was im Erdgeschoss vor sich ging. „Ich hatte mein Deutschheft in der Hand und habe meinen Vater gesucht. Doch der war nicht da. Meine Mutter hat mich aufs Zimmer zurückgeschickt.“

Auf dem Weg zur Rekonstruktion: Oberstaatsanwalt Dominik Mies bringt eine Kinder-Schaufensterpuppe und einen Sack zum Mordprozess mit.

Er habe dann Sylvia D. mehrmals zwischen den Zimmern und dem Bad hin und her gelaufen. „Jan hat laut geschrieben und geweint.“ Seine Mutter sei jedoch „eiskalt“ gewesen: „Das Schreien hat sie überhaupt nicht interessiert.“ Dann sei die Badezimmertür geschlossen worden.

Mitglied der Hanauer Sekte will Kind wiederbeleben

„Plötzlich war absolute Ruhe. Ich habe keine Schreie mehr gehört“, sagt Martin D. aus. Als sein Vater mit der Mutter von H. vom Hanauer Wochenmarkt heimgekommen seien, habe er plötzlich Schreie gehört. Der 14-Jährige wird von der Treppe aus zum Augen- und Ohrenzeugen: „Der Jan war komplett weiß. Mein Vater hat sofort Erbrochenes aus seinem Mund geholt und versucht, dem kleinen Jungen das Leben zu retten.“

Seine Mutter, ausgebildete Krankenschwester, habe nicht eingegriffen. Sie habe „dabeigestanden und keine Miene verzogen“. Dann sei er wieder auf sein Zimmer geschickt worden. Zu diesem Zeitpunkt ist Jan offenbar schon tot, der Notarzt kann nicht mehr helfen.

„Was ich heute noch immer nicht verstehe, sind die Eltern von Jan, die allem tatenlos zugeschaut und alles sogar unterstützt haben“, so der 46-Jährige weiter. Vor allem, weil bereits Monate vor dem August 1988 Sylvia D. in der Sekte davon gesprochen habe, dass „der Alte bestimmt, wann ein Kind abgeräumt wird“.

Prozess um Hanauer Sekte: Zeugen wohl mit Falschaussagen

Was immer auffälliger wird in diesem Prozess, ist: Es gibt offenbar Zeugen, die ganz bewusst die Unwahrheit ausgesagt haben. Denn aus dem Umfeld der Angeklagten ist mehrfach behauptet worden, dass Martin D. zusammen mit seinem Vater und der Mutter von Jan H. auf dem Hanauer Wochenmarkt gewesen sei. „Das kann nicht sein“, widerspricht der 46-Jährige, „ich war im Haus und habe es gesehen. Ich war nicht auf dem Markt.“

Mit der Sekte seiner „sogenannten Mutter“ habe er nichts mehr zu tun, er sei aus dem „System“ ausgestiegen, Rachegedanken habe er aber nicht. Mit seinen Geschwistern habe er kaum noch Kontakt. Mit Jan H. hat er heute noch Mitleid. „Er könnte heute noch leben.“

Kind wurde von Sekte aus Hanau gequält

Der Vierjährige sei immer wieder malträtiert worden. „Er hat versucht, dagegen anzukämpfen. Und er wurde wütend. Das wurde genutzt, um ihn noch mehr zu verteufeln. Jan war im Sack, im Plexiglas-Laufstall oder im Kinderstuhl – woanders habe ich ihn nicht erlebt.“ Bereits als kleiner Bub sei er „gebrochen“ gewesen.

Als 19-Jähriger habe er den Entschluss gefasst, aussteigen zu wollen und habe seiner Mutter die Meinung gegeigt. Er sei dann von den Sektenmitgliedern „über den Zaun getreten“ worden. 1992 sei er auch zum Hanauer Jugendamt gegangen.

Jugendamt in Hanau wurde über Sekte informiert

„Ich habe dem Herren dort berichtet, was in diesem Haus los ist. Ich habe gesagt: Da sind noch andere Kinder drin – ihr müsst da was machen. Der Mann hat mir auch eineinhalb Stunden zugehört und dann gesagt, er könne nichts tun und müsse jetzt Feierabend machen. Ich habe dann nie wieder etwas von ihm gehört.“

 „Haben Sie dem Mann auch über Jan berichtet?“, will Oberstaatsanwalt Mies wissen. Martin D.: „Ja, ich habe dem Mann vom Jugendamt auch über Jan berichtet.“

So ging die Befragung des Sohnes weiter. Ein rechtlicher Hinweise hat im Fall für eine spektakuläre Überraschung gesorgt.

Rubriklistenbild: © Thorsten Becker

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