„Vor einem Jahr habe ich nicht daran gedacht, mich als Kandidat für den Deutschen Bundestag zu bewerben“: Abdullah Unvar, Bewerber für den Wahlkreis 180.
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„Vor einem Jahr habe ich nicht daran gedacht, mich als Kandidat für den Deutschen Bundestag zu bewerben“: Abdullah Unvar, Bewerber für den Wahlkreis 180.

Politik

Gesicht zeigen für die SPD: Abdullah Unvar will in den Bundestag - 19. Februar als Schlüsselerlebnis

  • Yvonne Backhaus-Arnold
    vonYvonne Backhaus-Arnold
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Abdullah Unvar möchte für die SPD in den Bundestag einziehen. Der Cousin des am 19. Februar in Hanau getöteten Ferhat Unvar hatte sich in Maintal der Presse vorgestellt.

Hanau/Maintal – Es regnet Bindfäden an diesem Morgen im beschaulichen Maintaler Stadtteil Hochstadt. Direkt an der mit Kopfsteinen ausgelegten Hauptstraße liegt das Café „Pearson & Puppe“. Abdullah Unvar hat die Presse heute hierher eingeladen, um seine Bundestagskandidatur für die SPD öffentlich zu erklären. Journalisten sind da, Fotografen, Kamerateams. Dass die Bewerbung auf so großes Interesse stößt, liegt vor allem daran, dass der 33-Jährige der Cousin des am 19. Februar getöteten Ferhat Unvar ist. Der rassistisch motivierte Anschlag, bei dem neun Menschen mit Migrationshintergrund erschossen wurden, hat nicht nur Abdullah Unvars Leben und das seiner Familie von Grund auf verändert. Er war für ihn das Schlüsselereignis, um im Wahlkreis 180 für die SPD zu kandidieren.

Den Ort des Pressetermins hat der Mann mit dem weißen Hemd, dem dunkelblauen Sakko und dem kurzen schwarzen Haar mit Bedacht gewählt, denn eine Amerikanerin und eine Deutsche haben „Pearson & Puppe“ vor einigen Jahren zusammen eröffnet und zum Erfolg geführt. „Wenn Menschen verschiedener Kulturen etwas zusammen tun, ist das eine Bereicherung für unsere Gesellschaft“, sagt Abdullah Unvar. Er ist Hanau geboren und aufgewachsen. Er war Schüler an der Heinrich-Heine-Schule, deren Turnhalle die Familie nach dem 19. Februar für die Trauerfeier nutzen durfte. Er hat sein Abitur an der Otto-Hahn-Schule gemacht und danach an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen Architektur studiert. Heute arbeitet der Familienmensch und Vater einer zwei- und einer achtjährigen Tochter für das Land Hessen im Bereich landeseigene Liegenschaften.

Seit 2016 ist Unvar SPD-Mitglied. Die Flüchtlingswelle 2015 bewegte ihn dazu, in die Partei einzutreten, ließ die Erkenntnis reifen, dass es nur zusammen geht. „In meiner Familie sind wir alle Sozialdemokraten durch und durch“, sagt Unvar. Als der Vater arbeitsbedingt nach Butzbach versetzt wurde, verließ die Familie Hanau. Deshalb ist die politische Heimat des 33-Jährigen der SPD-Ortsverein Butzbach. Hanau hat er jedoch im Herzen behalten, ist Ende 2019 mit seiner eigenen Familie zurück nach Kesselstadt gezogen.

Mit seiner Kandidatur will er aktiv eine Veränderung herbeiführen

Eine klassische Parteikarriere könne er nicht vorweisen. „Und vor einem Jahr habe ich auch nicht daran gedacht, mich als Kandidat für den Deutschen Bundestag zu bewerben“, erklärt er. Der 19. Februar hat das geändert. In dieser Nacht wurde Unvars Cousin Ferhat am Kurt-Schumacher-Platz von einem rassistisch motivierten Täter erschossen. Auf dem Bild, das weltweit von Ferhat publiziert wurde, trägt er Vollbart und Schiebermütze. Was in den Wochen und Monate seither geschehen ist, kann der junge Familienvater Abdullah nur schwer in Worte fassen („Man kann sich auf so ein Ereignis nicht vorbereiten.“).

Sprecher der Familie: Abdullah Unvar bei der Trauerfeier für seinen ermordeten Cousin Ferhat.

Seine Kandidatur ziele auf das große Bedürfnis ab, „in unserer Gesellschaft aktiv Veränderungen herbeizuführen“. Sich für ein friedliches Zusammenleben einsetzen, sich aktiv gegen Hass stellen, den Menschen eine starke und verlässliche Stimme zu geben. „Bildung ist der Schlüssel zu sozialer Gerechtigkeit.“ „Rassismus kann man bekämpfen, wenn man in Bildung investiert.“ Und: „Wir dürfen in unserer Gesellschaft keine Kinder zurücklassen.“ Unvar bemüht viele dieser Floskeln, aber er präsentiert sie authentisch und überzeugend. Gesicht zeigen, die eigene Stärke beweisen.

SPD Maintal unterstützt Unvar

Die Sozialdemokraten in Maintal scheint er bereits überzeugt zu haben, denn auch deren Fraktionsvorsitzender Sebastian Maier war beim Pressetermin vor Ort. Er sprach von einer Kandidatur, die unterstützenswert sei, vom richtigen Zeichen zur richtigen Zeit. Maier unterstrich auch, dass Unvar keine politische Karriere zum Selbstzweck geplant habe oder auf der Suche nach einem politischen Amt gewesen sei, sondern sich aus persönlicher Motivation heraus bewerbe. „Ich bin überzeugt“, sagt Maier, „dass er den Wahlkreis 180 direkt gewinnen kann. Er wird es schaffen, auch die Menschen außerhalb der Partei zu begeistern.“

Dass er seit Bekanntgabe viel Zuspruch von Familie, Freunden und Bekannten bekommen hat, bestärkt Abdullah Unvar darin, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat. In dem vierseitigen Flyer, den der Bewerber an diesem verregneten Freitagmorgen mitgebracht hat, steht: „Hanau ist überall! Was wir brauchen, ist politische Solidarität und Sichtbarkeit. Wir müssen für die Gesellschaft der Vielen stehen.“

Am 30. Oktober wählen die Delegierten den Nachfolger von Dr. Sascha Raabe. Zur Wahl stehen neben Unvar auch Yasmin Schilling aus Neuberg und Lennard Oehl aus Nidderau.

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