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Hanauerin berichtet aus Nairobi: So hat Corona das Leben in Kenia verändert

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Von: Yvonne Backhaus-Arnold

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Blick in den Stadtteil von Manuela Müller. Die von einer Straßenhändlerin aufgestellte Wassertonne links unten ist eine der überall bereitstehenden Handwaschmöglichkeiten. Der Kleinbus zeigt den üblichen öffentlichen Nahverkehr, in dem aktuell aber nur die Hälfte der Sitze verwendet werden dürfen. © Privat

Manuela Müller aus Hanau lebt in Nairobi, der Hauptstadt von Kenia. Auch wenn das Coronavirus auf dem afrikanischen Kontinent noch nicht so grassiert wie in Europa oder den USA, macht sie sich große Sorgen. Vor allem wegen der medizinischen Versorgung.

Es ist Donnerstagvormittag, als wir mit Manuela Müller über Skype telefonieren. Die gebürtige Hanauerin sitzt fast 11 000 Kilometer entfernt auf dem Balkon ihrer Wohnung in Nairobi. 28 Grad sind es heute, die Regenzeit hat vor ein paar Tagen begonnen. Stromausfälle sind da keine Seltenheit – immerhin ist alles hier oberirdisch verlegt.

Hinter einigen Bäumen und den Bahngleisen, nur einen Kilometer von Müllers Wohnung entfernt, liegt Kibera, Afrikas größter Slum. Hier leben mehr als 500 000 Menschen auf einer Größe von Steinheim. Seit drei Wochen herrscht in Kenia Ausgangssperre. Auch in Kibera. „Freunde aus Deutschland fragen, ob es schon Fälle gibt“, erzählt Manuela Müller.

Wenig offizielle Fälle in Afrika - Quarantänemaßnahmen erst spät

Afrika scheine für viele unter dem Radar zu liegen. Die Welt schaut derzeit auf Norditalien, Spanien, New York. Der erste Corona-Fall in Kenia wurde am 13. März publik. Wohlgemerkt der erste offizielle. „Selbst nachdem Chinaflüge gestrichen wurden, sind aus Europa, den USA und über den Nahen Osten weiterhin Menschen eingereist – ungebremst und ungetestet“, so die 36-Jährige. „Die Idee einer Quarantäne kam spät, und wurde dann freiwillig gestaltet und natürlich ignoriert, wie wir nun dank prominenter Fälle von positiv eingereisten Priestern und Politikern wissen, die Hunderte Menschen trafen.“

Aktuell gebe es – offiziell – 110 Fälle und drei Corona-Tote in Kenia. „Die Dunkelziffer ist viel höher“, glaubt Müller, „aber es geht ja erst los.“ Müller lobt die Arbeit der Regierung. Sie habe zwar spät reagiert, mache nun aber viel. Die Schulen sind dicht. Der Flughafen. Die Grenzen. Nachts gibt es Ausgangssperren. Der öffentliche Nahverkehr hat Sitzplatzbeschränkungen. Im Fernsehen laufen Infosendungen. Lokale Firmen reagieren, bieten Finanzdienstleistungen und Online Learning gratis an.

"Nicht erkennbar, was die EU hier tut"

Klar sei aber auch, dass die Regierung unkomplizierte Unterstützung aus dem Ausland brauche; Beatmungsgeräte, Medikamente, Tests. Eine chinesische Stiftung habe unbürokratisch zehn Flugzeuge mit Atemschutzmasken und Tests nach Äthiopien geschickt. Von hier aus sei jedes Land versorgt worden. „Für mich persönlich“, sagt Manuela Müller, „ist nicht erkennbar, was die EU hier tut.“

Die Menschen sind angehalten, zu Hause zu arbeiten. Kurzarbeit gibt es nicht in Kenia. Wer keine Arbeit mehr hat, „kann sich von heute auf morgen das Essen nicht mehr leisten“. Zehntausende ohne Vertrag, zum Beispiel Handwerker, Verkäufer oder Zuarbeiter in Industriegebieten haben ihren Job direkt nach der Ankündigung der Regierung verloren. Auch der informelle Sektor in Kenia leide stark: Busfahrer, Fahrer von Motorradtaxis, Putzfrauen und Kleiderhändler.

Menschen ziehen sich aus Millionenmetropole aufs Land zurück

Dreieinhalb Millionen Menschen – die Mehrzahl kommt zum Arbeiten aus dem Umland – leben normalerweise in Nairobi auf einer Fläche, die so groß wie Frankfurt ist. „Viele haben die Stadt bereits verlassen, sind zurück aufs Land gegangen“, erzählt die 36-Jährige. Kulturell habe jeder so ein Stück Land. Es sei aktuell der Rückzugsort für viele. „Hier müssen die Menschen keine Miete zahlen, können sich ihr Essen selbst anbauen.“

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Interview via Skype: HA-Redakteurin Yvonne Backhaus-Arnold im Gespräch mit Manuela Müller. Die 36-Jährige lebt seit acht Jahren in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. © Kerstin Biehl

Auch die Internate seien geschlossen und die Kinder aufs Land zurückgeschickt worden. Manuela Müller bleibt ebenfalls. „Weggehen war keine Option, auch finanziell nicht. Ein Ticket für den letzten Flug von Nairobi nach Deutschland hat knapp 5000 Euro gekostet“, sagt die gebürtige Hanauerin, die nach ihrem Abitur an der Otto-Hahn-Schule Wirtschaftsinformatik an der TU Darmstadt studiert hat.

Nach dem Studium geht es nach Indien, Lateinamerika und Afrika

Schon während des Studiums engagierte sie sich in einer internationalen Studentengruppe, danach entdeckte sie die Welt. Polen, Kenia, London. Müller war in Schwellenländern wie Indien unterwegs, in Lateinamerika und eben auch in Ostafrika. Uganda, Ruanda, Tansania, Kenia. „Auf der Landkarte“, sagt sie, „sehen die Länder alle sehr ähnlich aus, aber die Kulturen sind komplett verschieden.“

Die gebürtige Hanauerin hat gemeinsam mit einer Freundin eine Unternehmensberatung gegründet. Müller und ihre sechs Mitarbeiter arbeiten Ostafrika weit mit innovativen Start-ups in den Bereichen Energie- oder Wasserwirtschaft zusammen. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf allen Fragen rund um die Themen Unternehmenskultur und Personalwesen.

Nairobi ist das ökonomische Zentrum Ostafrikas

In Nairobi ist sie nicht zufällig heimisch geworden. Die Hauptstadt Kenias gefällt ihr, die Mentalität der Menschen hier auch. „In der Welt denken alle nur an Armut und Negatives, wenn sie Afrika hören, aber die Chancen in Kenia sind unglaublich groß. Alle hier sind offen, voller Energie und sehr innovativ“, so Müller. Es sei einfach, Geschäfte aufzubauen.

Dreieinhalb Millionen Menschen leben in Nairobi. „Die Stadt ist das ökonomische Zentrum Ostafrikas“, erzählt die 36-Jährige. Die UN haben hier ihr Afrika Office, viele große Firmen ihre Zentrale. Müller und ihr Team haben direkt auf Homeoffice umgeschaltet, beraten derzeit lokale Firmen und Vereine. Viele ihrer Nachbarn sind Kenianer oder kommen aus anderen ostafrikanischen Ländern. Wer kann, bleibt zu Hause, arbeitet daheim. Die Straßen sind leer. „In Nairobi“, sagt Manuela Müller, „gibt es viel Verwirrung durch falsche Fakten in sozialen Netzwerken.“

Viele Afrikaner haben Vorerkrankungen - Die Auswirkungen von Corona sind nicht abzusehen

Eine Instanz wie das Robert-Koch-Institut in Deutschland, der alle glauben und die unpolitisch agieren kann, suche man in Kenia vergebens. Und auch wenn die Menschen die Situation aktuell mit einem für sie typischen Humor nehmen und dem Virus schon Spitznamen gegeben haben, so wissen sie auf der anderen Seite auch um dessen Gefahr vor allem wegen Vorerkrankungen durch HIV, Tuberkulose und Lungenentzündung. Malaria, Mangelernährung und Typhus schwächten die Menschen zusätzlich.

„Was das für den Verlauf der Pandemie bedeuten wird, ist heute überhaupt noch nicht abzusehen.“ Müller prophezeit mehr Tote und eine steigende Kriminalitätsrate. „Corona wird die Entwicklung des Landes, die Entwicklung ganz Afrikas um Jahre zurückwerfen. Es muss dem Westen klar werden, dass das kein afrikanisches Problem ist.“

Lautsprecher-Durchsagen in den Slums

Die 36-Jährige lebt in einer guten Gegend – „keine Villen mit eigenem See, aber Mittelklasse“. Sie weiß, dass es ihr besser geht als vielen anderen Menschen in Nairobi. Sie kann mit Freunden skypen oder telefonieren, Netflix schauen, kochen, weiter arbeiten. „Zwei Monate ruhig halten“, sagt sie, „wird schon irgendwie gehen.“

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Aufklärung in Bildern: Whatsapp ist das Mittel der Kommunikation in Kenia. Bilder wie diese werden von der Regierung über Social Media gestreut. © Privat

Im Slum von Kibera geht es aktuell zu 100 Prozent um die Eindämmung des Virus durch Aufklärung und Faktenwissen. Es gebe Lautsprecher-Durchsagen und Handwasch-Stationen an jeder Ecke. Die Hilfsorganisationen haben ihre üblichen Tätigkeiten eingestellt – von Sportangeboten bis zu Bildungskursen. Die Kinder in Kibera sollen nicht mehr vor die Tür gehen, nicht mehr miteinander spielen. In den Wellblechhütten gibt es weder fließendes Wasser noch Toiletten oder Fenster. Alles ist dunkel, mehrere Familien teilen sich ein Bad. Die Temperatur im Inneren der Hütten liegt zu dieser Jahreszeit bei 40 bis 50 Grad.

Ein Krankenhaus für eine halbe Million Menschen

Im Slum gibt es nur ein Krankenhaus und nur ein Testlabor für mehr als 500 000 Menschen. Isolieren kann man sich hier nicht, vier, fünf, sechs Menschen leben in einem Zimmer zusammen; ein zweites gibt es nicht. Am Nachmittag meldet Manuela Müller sich noch einmal per E-Mail. Sie hat einen Kunden, der sich seit Jahren sozial engagiert in Kibera, heute gefragt: „Was wäre, wenn es zu einem Ausbruch in Kibera kommt?“ Seine entsetzte Antwort: „Das wollen wir uns gar nicht vorstellen.“

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