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Mit einer Axt soll der Mann vor rund fünf Jahren einen Nachbarn verletzt haben. Es war nicht das einzige Mal, dass der 61-Jährige auffällig wurde. Jetzt soll er eine Therapie absolvieren.  

Krankheit führte zu Straftaten

Nach Angriff mit Axt: Angeklagter soll freiwillige Therapie absolvieren

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Ein 61-jähriger Hanauer ging mehrfach auf seine Nachbarn los, teilweise mit gefährlichen Gegenständen. Zudem hat er seine Menschen beleidigt und bedroht. Verurteilt wurde er für diese Taten aber nicht.

„Das war eine Straftat, und zwar nicht ihre Erste“, resümiert die Vorsitzende Richterin Frau Dr. Wetzel in der Urteilsverkündung am Ende des sogenannten Sicherungsverfahrens gegen den 61-Jährigen Hanauer Wladimir S.

Mit abgebrochener Gardinenstange Nachbarn attackiert

Der gebürtige Kasache war in den Jahren 2015 und 2016 mehrfach negativ aufgefallen. Zunächst soll er vor knapp fünf Jahren mit einer selbst gebastelten Axt eine Tür beschädigt und einen Nachbarn verletzt haben. Ein Jahr später soll er dann mit einer abgebrochenen Gardinenstange auf einen weiteren Nachbarn losgegangen sein und damit den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung erfüllt haben.

Zeugenaussagen des damalig Angegriffenen und einer Nachbarin bestätigen diese Vorwürfe und auch das Gericht ist durch die in sich stimmigen Aussagen von deren Wahrheit überzeugt. „Er hat beleidigt, gepöbelt und war eigentlich immer auf Krawall gebürstet“, erzählt seine Nachbarin, die mittlerweile glücklich ist, aus dem Haus in der Karl-Marx-Straße ausgezogen zu sein. Auch der angegriffene Nachbar teilt Berichte, nach denen es Wladimir S. den Bewohnern im Haus oft sehr schwer machte. 

Angeklagter hat dickes Vorstrafenregister

Es ist nicht das erste Mal, dass der 61-Jährige einem Gericht gegenübersteht. Der deutsche Staatsbürger kam schon oft mit dem Gesetz in Konflikt: Zu Beginn des Prozesses verliest die Vorsitzende Richterin Wetzel eine lange Liste von Vorstrafen: Darunter Delikte wie Körperverletzung, Betrug und Diebstahl. Trotz dieser unstreitigen Umstände wird der Beschuldigte an diesem Tag nicht wegen den Axthieben und der Körperverletzung aus den Jahren 2015 und 2016 verurteilt.

Grund ist dessen fehlende Schuldfähigkeit. Dazu führt Gutachter Dr. Dieter Jöckel in seiner Bestandsaufnahme aus: „Wir haben es hier mit einer Krankheit und nicht mit einem schwierigen Menschen zu tun.“ Der Facharzt für Psychiatrie erklärt, dass der Beschuldigte vermutlich unter einer organisch-psychiatrischen-Erkrankung leide. Der Täter verliere durch die Krankheit seine Steuerungsfähigkeit und könne nicht absehen, was er tue: „Er konnte sich nicht steuern, da er durch seine Erkrankung keine Handlungsalternative sah."

Psychotischer Erkrankung aufgrund von übermäßigem Alkoholkonsum

Eine paranoide Schizophrenie zieht der Gutachter zwar durchaus auch in Betracht, doch letztlich sieht Jöckel mehr Anzeichen für eine psychotische Erkrankung vorliegen. Diese sei vermutlich durch übermäßigen Alkoholkonsum über viele Jahre entstanden. Dadurch habe Wladimir S. auch den Kontakt zu seiner Familie verloren.

Wichtig bei dieser organisch-psychiatrischen-Erkrankung sei der Umstand, dass anders als bei der gängigen Schizophrenie die organische Psychose größere Chancen auf eine Besserung bereithalte. So scheint diese auch beim Beschuldigten einzusetzen: Seit den Vorkommnissen 2016 ist er nicht mehr auffällig geworden.

Angeklagter hat sich laut Betreuer verändert

Vor zwei Jahren hat sich Wladimir S. ein ehrenamtlicher Betreuer an die Seite gestellt, der im Verfahren von einer positiven Entwicklung berichten kann. „Ich habe ihn in unserer vertrauensvollen Zusammenarbeit bisher noch nie aggressiv erlebt. Anfangs war er sehr überfordert und seelisch nicht stabil, aber es wird besser,“ sagt Peter Galetzka.

Auf Grundlage dieser Zeugenaussagen und dem Bericht des Gutachters lehnt auch die Staatsanwältin Frau Dr. Puscher in ihrem Abschlussplädoyer die Unterbringung des Beschuldigten in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik ab. So halten es auch Rechtsanwältin Müller, die einen Nebenkläger betreut und der Verteidiger Benjamin Düring in ihren Plädoyers.

Straftaten resultierten aus Krankheit

Bei der Verlesung des Urteils wendet sich die Vorsitzende schlussendlich nochmal an den Beschuldigten: „Sie haben die Straftaten begangen, doch das resultiert aus dem Umstand, dass sie krank sind. Wenn jemand eine Straftat begeht, ohne schuldhaft zu handeln, kann er nach unserem Gesetz nicht für diese Tat bestraft werden.“

An die sogenannte Maßregel der psychiatrischen Unterbringung sind hohe Anforderungen gestellt. Zwar seien einige dieser Anforderungen erfüllt, doch die Voraussetzung, dass die Allgemeinheit durch Wladimir S. gefährdet sei, sieht das Gericht als nicht erfüllt. „Dass in einem so großen Zwischenraum von mehreren Jahren nichts passiert ist, spricht für sie“, sagt Richterin Wetzel abschließend. „Wir haben keine Lust, Sie hier bald wiederzusehen, Sie haben nun die Chance, weiter mit ihrem Betreuer zu arbeiten und sich einer freiwilligen Therapie zu unterziehen. Nutzen sie diese Chance.“

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