„In dem Moment war ich sicher, dass ich sterben würde“

Said Etris Hashemi berichtet im U-Ausschuss vom Abend des 19. Februar

  • Yvonne Backhaus-Arnold
    VonYvonne Backhaus-Arnold
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Der Untersuchungsausschuss, der erst auf Drängen der Familien gebildet wurde, sei seine letzte Hoffnung, hat Said Etris Hashemi vor wenigen Tagen bei einem Telefonat gesagt. Er hofft auf lückenlose Aufklärung und auf Antworten. Im Ausschuss erzählt er von dem Abend des 19. Februar. Hunderte Male ist er ihn in Gedanken durchgegangen. Gestern nahm er, der in Hanau geboren und aufgewachsen ist, die Mitglieder des Untersuchungsausschusses mit in die „Arena Bar“ am Kurt-Schumacher-Platz.

Ein Treffpunkt, der im Winter Wärme bietet, wenn das Jugendzentrum nebenan schon geschlossen ist. Auch an diesem Abend treffen sie sich hier. Said und sein Bruder Nesar sind da, Momo, Peter, Hamza. „Die anderen hatten sich etwas zu Essen bestellt, und wir wollten uns gerade hinsetzen, als es draußen mehrmals laut geknallt hat“, erzählt der Mann mit den sanften braunen Augen. Er sieht den Täter mit der Waffe in der Hand in den Kiosk gehen. Die Flucht durch den Notausgang sei keine Option gewesen. „Wir wussten, dass er abgeschlossen ist. Das wusste hier jeder.“ Sie verstecken sich hinter einer Säule an der Theke. Der Täter kommt in die Bar. Er schießt. Immer wieder. Dann verschwindet er.

Said Etris Hashemi holt sein Handy aus der Tasche, versucht, die Polizei anzurufen. Zweimal ist er erfolglos. Dann kommt er durch und kann einen Notruf absetzen. Während er telefoniert, merkt er, dass seine Zunge taub wird. Da ist Blut. Am Handy. An der Hand. „Du blutest am Hals“, sagt sein Freund Momo. „In dem Moment war ich zu 100 Prozent sicher, dass ich sterben würde“, erklärt Hashemi gefasst. Er kommt auf die Beine, sieht seinen Bruder, sieht die Toten im Kiosk nebenan, auf dem Parkplatz ein silberner Mercedes, daneben Glasscherben, im Wagen ein junger Mann. Ohne Lebenszeichen.

„Wenn geschossen wird, kommt erst mal die Polizei“

Die Polizisten, die als erste zum Tatort kommen, seien völlig überfordert gewesen, sagt der 25-Jährige. Er beruhigt sie. Eine Streife nach der anderen kommt an. „Der ganze Parkplatz war voller Polizei“, erzählt Said Etris Hashemi. Er fragt einen Beamten, wann Rettungswagen kommen? Der habe geantwortet: „Wenn in Deutschland geschossen wird, kommt erst mal die Polizei.“ Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses zeigten sich gestern bestürzt. Wie haben Sie das rückblickend empfunden, lautet eine der gestellten Fragen. „Als eine Frechheit“, antwortet der Hanauer.

Said Etris Hashemi kommt in Begleitung von Hagen Kopp, dem Sprecher der Initiative 19. Februar, in den Saal, um als Zeuge auszusagen.

Eine Kugel hat ihn an der Schulter getroffen, die andere ist durch den Hals gegangen und im linken Mundboden stecken geblieben. Im Rettungswagen wird er versorgt, die Sanitäter drängen auf Abfahrt, ein Polizist („Ich habe ihn nicht gesehen, aber er hatte etwas zu sagen.“) öffnet die Tür, erklärt: „Hier fährt keiner los.“ Nach einer gefühlten Ewigkeit habe der Krankenwagen sich Richtung Klinikum in Bewegung gesetzt.

Wer beschützt eigentlich wen?

Später wird er nach Frankfurt verlegt, muss das Laufen und Sprechen neu lernen. Zwei Tage vor der Trauerfeier darf er nach Hause. Am 6. März macht er seine Aussage in Hanau, ein BKA-Beamter ist dabei. Er erzählt vom verschlossenen Notausgang. Warum die Aussage dazu später nicht im Protokoll auftaucht, kann er sich bis heute nicht erklären. Erst bei der Durchsicht der Akten fällt es einem anderen Familienmitglied auf. „Wäre der Notausgang offen gewesen, hätten wir alle fünf überlebt“, ist sich Hashemi sicher.

Wie schon zuvor wird deutlich, dass die Obduktion der Leichen ohne Zustimmung der Familie erfolgt ist – auch im Fall Hashemi war das so. Die Polizei blieb Antworten schuldig, so habe die Migrationsbeauftragte des Polizeipräsidiums Südosthessen angerufen, um den Handy-Code von seinem Bruder zu erfragen und erneut, als der Vater des Attentäters wieder zuhause war, um Hashemi und seiner Familie zu erklären, dass sie „nichts machen“ sollen. Wer beschützt hier eigentlich wen, fragt er in die Runde?

Daten auf Telefon seines Bruders komplett gelöscht

Said Etris Hashemi hat bis zum Attentat leidenschaftlich gern geboxt. Das geht aktuell nicht. Ein Kämpfer ist er aber geblieben, für die Wahrheit. Seit Oktober studiert er Wirtschaftsinformatik in Frankfurt. Seine Familie und er werden ihr Zuhause in Kesselstadt bald verlassen und in einen anderen Stadtteil ziehen.

Sein Handy hat er erst Monate später bei der Polizei abholen dürfen. Die Daten auf dem Telefon seines Bruders waren komplett gelöscht. Warum? Diese Frage hat ihm bis heute niemand beantwortet. (Von Yvonne Backhaus-Arnold)

Rubriklistenbild: © JULIA CEBELLA, DPA

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