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Stärke, Solidarität, Menschlichkeit – Worte, die sich auf den weißen Bändern am Brüder-Grimm-Denkmal finden und die sich auch im Tun des neu gegründeten Vereins widerspiegeln sollen.

Von Hanau aus Impulse senden

Neuer Verein bringt Opferfamilien zusammen und will sich künftig für Toleranz und Zivilcourage einsetzen

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Zwei Monate sind seit dem Terroranschlag in Hanau vergangen. Doch die Taten sind alles andere als vergessen. Nun hat sich ein neuer Verein gegründet, der sich künftig für Toleranz und Zivilcourage einsetzen möchte

Nach dem Terroranschlag am 19. Februar haben viele Menschen in der Brüder-Grimm-Stadt im Hintergrund geholfen – still und leise. Einfach so. Unter ihnen waren auch die Mitglieder des Ausländerbeirats, die sich schnell den Titel „Helden der Herzen“ erarbeitet haben. Sie waren ehrenamtlich und rund um die Uhr für die neun Opferfamilien da, haben getröstet, übersetzt und vermittelt, als es galt, den Kontakt zu Stadt und Behörden herzustellen, Totengebete und Trauerfeiern zu organisieren. Sie waren das Sprachrohr der Familien, haben deren Anliegen über den Opferbeauftragten Robert Erkan in die Stadt hineingetragen. 

Aus dieser ersten Hilfe ist mittlerweile ein neuer Verein entstanden, der sich Mitte März eine Satzung und einen Namen gegeben hat: Institut für Toleranz und Zivilcourage – 19. Februar Hanau e.V. Es gibt noch keine Geschäftsstelle, aber viele Pläne und Ideen. Fast 30 Mitglieder hat der neue Verein aktuell, sagt Ferdi Ilkhan. 

Die Mitglieder wollen nachhaltig handeln

Er und sechs weitere Männer und Frauen aus dem Ausländerbeirat bilden den Vorstand. Weitere Mitglieder kommen aus den Familien der Getöteten. Auch Verletzte und Augenzeugen der Tat vom 19. Februar gehören dem Verein an. „Natürlich kann jeder Mitglied werden. Wie hoch der Mitgliedsbeitrag sein soll, haben wir noch nicht entschieden“, sagt Ferdi Ilkhan im Gespräch mit unserer Zeitung. 

Ferdi Ilkhan ist der Vorstand des neuen Vereins

Den Initiatoren, die in ihrem Wirken von den Familien getragen werden, geht es jedoch nicht um hohe Beiträge, sondern ums Tun, um nachhaltiges Handeln. Ferdi Ilkhan, Sprecher und Vorsitzender des Vereins, ist in Hanau geboren und aufgewachsen. Nach dem Besuch der Otto-Hahn-Schule und dem Abschluss an den „Kaufmännischen“ hat er Betriebswirtschaft und Recht studiert und viele Jahre als Unternehmensberater gearbeitet. Der Hanauer hat seinen Master in London gemacht und hier auch einige Jahre gelebt, bevor er wieder in die Brüder-Grimm-Stadt zurückgekommen ist. Seit vier Jahren ist der 37-Jährige im Vorstand des Ausländerbeirats. 

Der gemeinsame Weg schweißt zusammen.

Nach dem Krebstod ihres Schwagers hat Ilkhans Frau Selma Yilmaz-Ilkhan den Vorsitz übernommen. Heute ist Ilkhan mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern im Freigerichtviertel zu Hause. Die Idee, einen Verein zu gründen, sei schon vor zwei Jahren entstanden, als der Hanauer Mustafa Alptug Sözen einen Obdachlosen in Frankfurt von den U-Bahn-Gleisen zog und dabei selbst sein Leben verlor. Institut für Zivilcourage sollte das Baby heißen. Nach dem 19. Februar wurde aus der Idee Wirklichkeit und der Name um das Wort „Toleranz“ ergänzt. Das Logo des Vereins beinhaltet zehn Vergissmeinnicht-Blüten: neun blaue für die Opfer des 19. Februar und eine weiße Blüte für Mustafa Alptug Sözen. 

Der 37-jährige Ferdi Ilkhan hat – wie die anderen Helfer auch – unendlich viel erlebt in den vergangenen zwei Monaten. Er hat die Familie des getöteten Gökhan Gültekin betreut. Die Gültekins und Ilkhans stammen aus demselben Ort in der Türkei. Der gemeinsame Weg schweißt zusammen. Man kennt sich. Von klein auf. Ilkhan half bei der Überführung des Leichnams, vermittelte zwischen Familie und Stadt, um die Fahrt zum Flughafen zu organisieren. Mehr als 150 Menschen mussten koordiniert werden. Im Anschluss kehrte ein Teil der Familie zurück, auch der todkranke Vater des Opfers, um an der zentralen Trauerfeier im Congress Park teilzunehmen. „Am Abend vorher haben wir überlegt, wie der Vater im Rollstuhl auf die Bühne kommen kann“, erinnert sich Ferdi Ilkhan. 

Gemeinsames Trauern am 19. April

Er erzählt von seinem letzten Besuch bei dem schwerkranken Mann, der wenige Tage nach der Trauerfeier stirbt. „Gestern“, sagt er, „habe ich mit seiner Frau telefoniert. Sie sucht eine neue Wohnung, kann und will nicht mehr in der alten bleiben.“ Es sind nur einige wenige Momentaufnahmen, die jedoch zeigen, wie vielfältig die ehrenamtliche Arbeit von Ilkhan und seinen Mitstreitern war. Und sie ist längst noch nicht erledigt. Mit jedem Bericht, jeder Spekulation gibt es neuen Gesprächsbedarf zwischen Paten und Opferfamilien. Zu viele Fragen sind noch nicht beantwortet. Immer wieder gilt es, Emotionen zu kanalisieren, Rachegefühlen entgegenzuwirken. Das Gespräch zu suchen. 

Und so war es der Wunsch der Familien am 19. April, zwei Monate nach der Tat, noch einmal gemeinsam zu trauern – am Tatort am Heumarkt und am Kurt-Schumacher-Platz, ohne große Öffentlichkeit, Politik und Presse, stattdessen mit weißen Rosen und weißen Tauben. Der Verein, erklärt der 37-Jährige, solle den Familien helfen, diese Opferrolle nach und nach abzulegen. Sie wollen mehr Miteinander in der Gesellschaft, auch ein Mehr-miteinander-Sprechen. Ausländerfeindlichkeit im Alltag? Auch sie soll ein Thema sein. Muss ein Thema werden. Ilkhan selbst erlebt sie immer wieder – und andere, die den Ausländerbeirat kontaktieren, auch. Es ist eine unterschwellige, aber dennoch latente Ausländerfeindlichkeit. 

Ferdi Ilkhan:  „Es ist eine Schicksalsgemeinschaft“

„Beim letzten Weihnachtsmarkt-Besuch mit meiner Familie hat ein junger deutscher Mann versucht, meiner Frau das Kopftuch abzuziehen, sie angepöbelt“, erzählt Ferdi Ilkhan. Die Polizei sei erst nach mehrmaligen Anrufen und Drängen aktiv geworden. Eine Idee des Vereins sei es, in die Schulen zu gehen, hier das Gespräch zu suchen. Auch eine Ausstellung ist geplant, genauso wie ein Ort der Erinnerung. Der Vorschlag der Familien hierfür liegt bei der Politik.

 „Es soll“, sagt Ferdi Ilkhan, „auch eine Geschäftsstelle in der Innenstadt geben.“ Seine Vision ist es, als Verein von Hanau aus Impulse zu senden und Pilotprojekte anzustoßen, die später deutschlandweit Nachahmer finden sollen. Aktuell „treffen“ sich die Vereinsmitglieder einmal pro Woche via Videokonferenz – in Zeiten wie diesen geht das nicht anders – auch wenn das In-den-Arm-Nehmen vielen fehlt. Als wir am Tatort am Heumarkt stehen und Ferdi Ilkhan von dem Gedenken am Sonntag zuvor spricht, ist da auch bei ihm ganz viel Emotion, Erinnern und Verarbeiten. „Es ist eine Schicksalsgemeinschaft“, sagt er, „und wir Helfer sind längst ein Teil davon.“ 

Weitere Infos 

Wer sich mit dem Verein Institut für Toleranz und Zivilcourage – 19. Februar Hanau in Verbindung setzen möchte, kann dies telefonisch unter 0 61 81/4 35 80 31 tun. 

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