Obwohl die Enthüllungen der beide Gedenktafeln vorher kaum publik gemacht wurden, versammelten sich etwa 100 Menschen am Kurt-Schumacher-Platz und am Heumarkt (unten rechts).
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Obwohl die Enthüllungen der beide Gedenktafeln vorher kaum publik gemacht wurden, versammelten sich etwa 100 Menschen am Kurt-Schumacher-Platz und am Heumarkt (unten rechts).

Terror in Hanau

„Ein Held der Anschlagsnacht“: Gedenktafeln und ein Kreuz erinnern an die Opfer des 19. Februar

  • vonDieter Kögel
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Mit der Enthüllung von Gedenktafeln am Kurt-Schumacher-Platz in Kesselstadt und am Heumarkt in der Innenstadt in unmittelbarer Nähe der beiden Tatorte des rassistischen Anschlags vom 19. Februar, wurden am Samstag sieben Monate nach der Tragödie erste offizielle und bleibende Gedenkorte geschaffen. Zudem wird künftig am Kurt-Schuhmacher-Platz mit einem Kreuz an die Zivilcourage von Vili Viorel Paun erinnert.

Hanau – Paun wurde in Kesselstadt in seinem Auto erschossen, weil er dem Täter von der Innenstadt aus wohl gefolgt war, um Schlimmeres zu verhindern, wie Oberbürgermeister Claus Kaminsky in seiner Würdigung betonte. Bei dem Anschlag am 19. Februar erschoss der Täter neun Menschen mit Migrationshintergrund, dann tötete er seine Mutter und sich selbst.

Auch Niculescu Paun, der Vater des ermordeten Vili Viorel Paun, ergriff das Wort.

Die Stadt hatte die Enthüllung der Tafeln an Heumarkt und Schumacher-Platz zuvor nicht publik gemacht und war sparsam mit Einladungen. In Kesselstadt versammelten sich dennoch 100 Menschen auf dem Parkplatz am damaligen Tatort, darunter die Opferbeauftragten von Bund und Land, Edgar Franke und Helmut Fünfsinn, Magistratsmitglieder, und viele Angehörige, Freunde, Bekannte und Wegbegleiter der Opfer sowie Unterstützer.

Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky enthüllte die Gedenktafeln für die Opfer des Anschlags

Die nun enthüllten Tafeln, so OB Kaminsky, seien „nur ein erster Baustein des Gedenkens, weitere werden folgen.“ Man werde die Opfer nicht vergessen. Dazu solle eine Kultur des Gedenkens beitragen, für deren Entwicklung er die „breitestmögliche Beteiligung der Stadtgesellschaft“ gewinnen wolle. Eine Form des Gedenkens, die auch den Gedanken transportieren soll, dass so etwas wie am 19. Februar 2020 „nicht wieder passiert.“ Jeder Hanauer soll Gelegenheit haben, „seine Meinung zu sagen – sowohl zu Form als auch Ort“ beispielsweise eines Mahnmals.

Kaminsky erinnerte auch daran, dass es auch immer noch offene Fragen der Angehörigen zu den Geschehnissen in der Anschlagsnacht gebe, in der Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtovic, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Paun, Said Nesar Hashemi und Fatih Saracoglu von dem Hanauer Täter erschossen wurden. Alle Namen der Opfer werden auf den Gedenktafeln genannt, alle Gesichter schauen dem Betrachter entgegen. Vili Viorel Paun hätte, so erinnerte Kaminsky, seinem Schicksal entkommen können. Der junge Mann sei nachts mit seinem Wagen am Heumarkt angekommen, habe die Schießerei mitbekommen und sei dem flüchtenden Täter Richtung Kesselstadt nachgefahren. Fünfmal habe Paun während der Fahrt versucht, den Polizeinotruf zu erreichen. Ohne Erfolg. Denn dort glühten wohl bereits die Leitungen wegen der Schüsse am Heumarkt. Dass der Notruf allerdings stumm blieb, das sei eine der Fragen, die es endlich zu klären gelte. Vili Viorel Paun habe wohl die Verfolgung des Täters aufgenommen, um ihn zu stoppen. Kaminsky: „Er hat gezeigt, was Zivilcourage ist.“ Vili Viorel Paun „war für mich ein Held in dieser Nacht“. Paun starb in seinem Auto. Drei der sieben vom Täter auf den Wagen abgefeuerten Schüsse trafen den 22-Jährigen. Aber nicht nur Vili Viorel Paun wurde anlässlich des ersten Tages der Zivilcourage gewürdigt. Der vom „Institut für Toleranz und Zivilcourage“, einem Teil des Vereins 19. Februar Hanau, ausgerufene Aktionstag, war am Samstag auch Anlass, an den 17-jährigen Hanauer Alptug Sözen zu erinnern. Er wurde 2018 beim Versuch, einen hilflosen Mann von den Gleisen der S-Bahn-Station Ostendstraße in Frankfurt zu ziehen, von einem Zug erfasst und getötet.

An den beiden Tatorten des 19. Februar (hier der Heumarkt) erinnern nun Namenstafeln an die Opfer.

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