Rassistisch motiviertes Attentat

Anschlag in Hanau: Angehörige mit einer Million Euro Soforthilfe unterstützt

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Vor knapp drei Monaten starben in Hanau neun Menschen bei einem rechtsradikalen Anschlag. Angehörige haben jetzt Soforthilfen aus einem Opfer-Fonds erhalten.

Update vom Montag, 18.05.2020, 11.40 Uhr: Zur finanziellen Unterstützung der Hinterbliebenen des Hanauer Attentats vor rund drei Monaten sind Soforthilfen in Höhe von mehr als einer Million Euro geleistet worden. Die Zahlungen seien rasch geflossen, sagte die städtische Opferbeauftragte Silke Hoffmann-Bär.

Die Hilfen stammten aus einem Fonds des Bundesjustizministeriums für Opfer von extremistischer Gewalt. Ehepartner, Kinder und Eltern von Getöteten bekommen nach Antrag 30.000 Euro und Geschwister 15.000 Euro.

Hanau drei Monate nach dem Anschlag – von Normalität weit entfernt

Erstmeldung vom Sonntag, 17.05.2020, 15.48 Uhr: Hanau - Es gibt eine Geburtstagstorte, so wie es geplant war. Doch der Jubilar fehlt. Er wurde vor drei Monaten Opfer des rassistisch motivierten Anschlags von Hanau. Mit Rosen in der Hand stehen nun Familie und Freunde vor seiner Bar, die zum Tatort wurde, um an ihn zu erinnern. „Er ist heute 30 geworden“, sagt Emis Gürbüz, die Mutter des Getöteten. Zum runden Geburtstag des Sohnes hätte es eine Überraschungsparty geben sollen. Dann fielen die Schüsse. „Alle sind hier, nur er ist nicht hier. Es ist sehr, sehr, sehr, sehr traurig.“ 

Anschlag von Hanau: Schock noch immer gegenwärtig

Die Spuren des Schocks vom 19. Februar sind nicht nur an den Tatorten in Hanau weiterhin gegenwärtig. Auch am zentral gelegenen Brüder Grimm-Denkmal liegen Blumen, brennen Kerzen und hängen Bilder der Opfer. Passanten bleiben stehen und halten kurz inne. Einige von ihnen tragen Mundschutz gegen die Coronavirus-Pandemie. 

Am späten Abend des 19. Februar erschoss ein 43-jähriger Deutscher in Hanau* neun Menschen mit ausländischen Wurzeln. Mehrere Menschen wurden verletzt. Zu den Tatorten gehörten Bars und ein Kiosk. Der Täter soll zudem seine Mutter umgebracht haben, bevor er sich selbst tötete. Vor der Tat hatte er Pamphlete und Videos mit Verschwörungstheorien und rassistischen Ansichten im Internet veröffentlicht. 

Hanau: Corona-Pandemie überlagerte die Trauerarbeit nach dem Anschlag 

„Wir sind von einer Extremsituation direkt in die nächste gefallen“, sagt Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD). „Wir hatten das Schreckensereignis des Attentats noch nicht ansatzweise verarbeitet, als wir uns der nächsten existenziellen Krise stellen mussten. Wie überall im Land drehte sich quasi über Nacht alles um Infektionsketten und Vermeidungsstrategien, Verbote und Hilfsangebote. Die aktuellen Probleme der Pandemie haben alles andere in unserer Stadt überlagert.“ 

Das Kontaktverbot, das schon in einem normalen Alltag erhebliche Einschränkungen bedeute, sei für die trauernden Hinterbliebenen eine kaum nachzufühlende Herausforderung, sagt Kaminsky. „Den Familien der Getöteten fehlte dadurch die Chance des kollektiven Trauerns und damit der Trost, der sich aus körperlicher Nähe und persönlicher Anteilnahme ergibt. Doch auch der gesamten Stadtgesellschaft wäre zu wünschen gewesen, dass sie die nötige Zeit gehabt hätte, zur Ruhe zu kommen und die schrecklichen Ereignisse miteinander zu verarbeiten.“ 

Nach Anschlag von Hanau: Unterstützung für Angehörige bei der Wohnungssuche

„Wir befinden uns weiterhin erst am Anfang der Traumaverarbeitung beziehungsweise -bewältigung“, so Kaminsky. Die Opferberatungsstelle von Hanau betreut demnach seit Februar kontinuierlich Betroffene. Angesprochen würden nicht nur die Angehörigen der Getöteten, sondern im weiteren Kreis auch die Verletzten und Augenzeugen. 

Auf den ersten Schock folgten die Sorgen, wie Mustafa Kaynak erzählt, Mitglied des städtischen Ausländerbeirates und Gründungsmitglied des Vereins „Institut für Toleranz und Zivilcourage - 19. Februar Hanau“, der sich unter anderem für die Belange der Opferfamilien engagiert und auch Ansprechpartner für diese sein soll. Es gehe um die neuen Sorgen im Alltag, beispielsweise um die Wohnungssuche. Denn viele Familien wollten und könnten nicht mehr in ihrem alten Zuhause bleiben, es sei zu belastend. Zwei Familien leben Kaynak zufolge in direkter Nähe eines Tatorts, andere in der Nachbarschaft der Wohnung des Schützen.

Nach Anschlag von Hanau: Betroffener Kiosk bleibt geschlossen

Nicht nur die Opferfamilien benötigten Hilfe, sondern auch unmittelbar Betroffene wie der Besitzer des zum Tatort gewordenen Kiosks, sagt Selma Yilmaz-Ilkhan, die Vorsitzende des Ausländerbeirates. Zudem seien Geschäftsleute und Lokale in der Nachbarschaft der Tatorte in Mitleidenschaft gezogen worden: „Das ist dort nicht mehr so wie früher, dass viele dorthin gehen. Das hat jetzt einen ganz anderen Charakter.“ 

Der Kiosk im Stadtteil Kesselstadt wird nach bisheriger Kenntnis der Stadt Hanau geschlossen bleiben. Die Bar, vor der Freunde und Familie trotz Corona zusammengekommen sind und an den 30. Geburtstag des früheren Betreibers erinnern, hat Yilmaz-Ilkhan zufolge einen neuen Besitzer und soll wieder öffnen. Doch erst einmal dominiert hier das Gedenken an die Opfer des Anschlags. Die Geburtstagsgesellschaft will noch ein hoffnungsvolles Zeichen auf den Weg bringen: Versehen mit guten Wünschen lässt sie weiße Tauben in den Himmel auffliegen.

ial mit dpa

Der rassistisch motivierte Anschlag von Hanau ist in Deutschland kein Einzelfall: Immer wieder kommt es zu Morden mit rechtsradikalem Hintergrund*.

Die Opfer des Anschlags von Hanau fühlen sich verhöhnt. Es geht um das Verhalten von Bundestagsmitarbeitern*.

Ein Vierteljahr nach dem rassistisch motivierten Anschlag bezeichnet Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) die Aufklärung und Konsequenzen von Hanau als bisher „unzureichend“.

Vili Viorel Păun ist eines der Opfer des Terroranschlags von Hanau. Bislang galt er als Zufallsopfer. Doch möglicherweise versuchte er den Täter zu stoppen. Bei dem Terroranschlag von Hanau starben neun Menschen. Darunter auch der Besitzer der "Midnight"-Bar am Hanauer Heumarkt. Nun wird die Shisha-Bar unter neuem Namen wiedereröffnet.

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Rubriklistenbild: © Frank Rumpenhorst / dpa

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