„Haben signifikant mehr richtig gemacht als falsch“: Das sagt Stadtentwickler Martin Bieberle.
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„Haben signifikant mehr richtig gemacht als falsch“: Das sagt Stadtentwickler Martin Bieberle.

INTERVIEW

„Den Einzelhandelsstandort ganz klar gestärkt“: Stadtentwickler Martin Bieberle über die Entwicklung in Hanau

  • Christian Dauber
    vonChristian Dauber
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Er ist das Gesicht des Hanauer Stadtumbaus: Stadtentwickler Martin Bieberle. Wir haben mit ihm über Licht und Schatten am Einzelhandelsstandort Hanau gesprochen. Brachte das Forum die erhoffte Wirkung oder nicht? Und was macht Corona mit der Innenstadt? Fragen wie diese hat ihm HA-Redakteur Christian Dauber im Interview gestellt.

Vor fünf Jahren wurde das Forum Hanau als Herzstück des groß angelegten Stadtumbaus eröffnet. Wenn Sie heute auf dem Freiheitsplatz stehen, das Einkaufszentrum und den Platz betrachten, würden Sie dann sagen: Alles richtig gemacht?
Grundsätzlich auf jeden Fall. Wir haben signifikant mehr richtig gemacht als falsch. Und wenn ich dort heute stehe, meinen Kaffee trinke und eine Zigarette rauche, dann bin ich absolut mit mir im Reinen und habe ein wirklich gutes Gefühl.
Gibt es etwas, wo Sie sagen: Das hätten wir aus heutiger Sicht lieber anders gemacht…
Wenn man kurz reflektiert: was wollten wir erreichen, was war die Zielsetzung, und was haben wir davon hinbekommen – dann bin ich mit all den grundsätzlichen Ergebnissen - von Kino über den ZOB (Zentraler Omnibusbahnhof, Anm. d. Red.), das Forum und die neue Wohnbebauung, die gerade vollendet wird, bis hin zum umgestalteten Platz an der Wallonisch-Niederländischen Kirche vollkommen konform. Da gibt es nichts, bei dem ich heute sagen würde: Das hätten wir grundsätzlich anders machen sollen.
Über die Entwicklung des Freiheitsplatzes diskutierte die Stadtpolitik seit den 80er Jahren. Doch passiert ist lange nichts. Erst 2007 kam Bewegung in die Sache, als der Beschluss für den bis dato bundesweit einmaligen WeDi gefasst wurde. Wieso war das so eine schwere Geburt?
Ich glaube, es ist kein Hanau-Phänomen gewesen, sondern sogar ein bundesdeutsches, dass in Städten solche Projekte immer sehr kleinteilig diskutiert worden sind. Bei uns hat man sich intensiv mit dem Freiheitsplatz beschäftigt, aber eben immer sehr kleinteilig. Wenn man alle Aspekte betrachtet und glaubt, alle Interessen, die irgendwo formuliert sind, mit einbeziehen zu müssen, um am Ende Lösungen zu generieren, die ganz breit von allen mitgetragen werden, dann funktioniert das natürlich nicht.
Was war 2007 anders?
Als der Stadtumbau mit einer großen Mehrheit vom Parlament auf den Weg gebracht wurde, gab es drei Aspekte, die den Unterschied zu früheren Überlegungen gemacht haben. Erstens: Der Problemdruck war viel eindeutiger und klarer. Es war unmissverständlich im Bewusstsein aller, dass diese Stadt komplett den Bach runtergeht, wenn jetzt nicht wirklich was passiert. Zweitens: Die Hauptakteure im politischen Kontext, allen voran natürlich auch unser OB, waren entschieden, mutig und bereit. Das gilt auch für die Ehrenamtler in Magistrat und Parlament. Sie waren auf dem Weg zu einer guten Lösung heftiger Kritik ausgesetzt und mussten diese aushalten. Trotzdem gab es quer durch alle Parteien den Mut, das Ding anzugehen. Drittens: Der Ansatz ist ein anderer gewesen. Mit dem Bau des Kinzigbogens – der HANAUER bezeichnete es damals „Politikwechsel“ – ist eingeleitet worden, dass wir grundsätzlich im Dialog eine investorenfreundliche Politik gestalten wollen, die Stadt und Private kraftvoll zusammenbringt. Das war eine andere Haltung. Hinzu kam der Kontakt zu den Holländern von 3W, die hier zu Besuch waren und uns nach Maastricht eingeladen hatten. Dort haben wir gesehen, was entstehen kann, wenn Dinge ganzheitlich angepackt werden.
Wie hat das Forum Hanau die Innenstadt verändert, nicht nur optisch?
Man muss das aus ökonomischer und Einzelhandelssicht sehen sowie aus dem Blickwinkel der Stadtentwicklung. Aus letzterer ist mit dem Forum am Freiheitsplatz so etwas wie eine lebendige Mitte entstanden. Zuvor war es ein toter Raum, ein Parkplatz, der als Barriere zwischen Alt- und Neustadt wirkte. Heute ist der Freiheitsplatz ein belebter Platz – eine Drehscheibe der Mobilität neben einem attraktiven Einkaufszentrum, perfekt ergänzt durch das Kulturforum Hanau, das den Zugang zur kulturellen Bildung mitten in die Stadt geholt hat und überaus erfolgreich angenommen wird. Man kann jeden Tag hingehen, um dies zu beobachten und zu erleben. Es ist ein Scharnier zwischen Altstadt und Neustadt entstanden. Die Menschen laufen durch, bewegen sich in die Altstadt und umgekehrt. Von diesem neuen Zentrum haben Alt- und Neustadt profitiert.
Gleichzeitig ist es natürlich so, dass sich die Attraktivität der Lagen verändert hat. Wir erleben – nicht wegen des Forums, sondern eher trotz des Forums – in einzelnen Bereichen der Stadt, beispielsweise in der Fahrstraße oder dem Ende der Rosenstraße, Entwicklungen, die wir uns so nicht gewünscht haben. Da müssen wir massiv gegensteuern. Prinzipiell hat das Forum aber als Frequenzbringer eine ganz klare Stärkung des Einzelhandelsstandort Hanau gebracht.
Als das Forum gebaut wurde, waren vor allem kleinere Einzelhändler wie jene in der Nürnberger Straße in Sorge. Sie fürchteten, ihnen könne durch den großen Konsumtempel Umsatz wegbrechen. Die Stadt hielt dagegen und versprach sich vom Forum eine Sogwirkung. Haben Sie aus Ihrer Sicht Recht gehabt?
Die spannende Frage lautet hier: Was wäre, wenn das Forum nicht da wäre? Ginge es dem Hanauer Einzelhandel heute in Masse besser ohne Forum? Diese Frage kann man ganz klar und definitiv mit Nein beantworten. Wir haben unstrittig mit strukturellen Problemen zu kämpfen, so wie alle anderen Städte auch, beispielsweise wegen des verstärkten Online-Handels. Das bedeutet, der Einzelhandel kämpft hart im Wind. Aber das würde er noch stärker, wenn das Forum nicht da wäre.
Das Forum hat zweifelsohne für eine Aufwertung gesorgt – und uns überhaupt in das Marktgeschehen zurückgebracht. Wir waren zuvor auf dem Weg, im östlichen Tor des Rhein-Main-Gebiets jegliche oberzentrale Funktion zu verlieren. Wir hatten stetig sinkende Umsätze und Besucherzahlen. Diese Entwicklung hat sich umgekehrt. Das heißt aber nicht, dass alle Händler gleichermaßen davon profitiert haben. Allein der Umbau war für viele eine existenzielle Herausforderung. Das ist so. Es heißt auch nicht, dass die Schwierigkeiten, die der inhabergeführte Einzelhandel hat, durch das Forum aufgelöst worden wären.
Spiegeln die Kunden- und Umsatzzahlen die beschriebene Entwicklung wider?
Definitiv ja. Das zeigen die Kennzahlen von 2017, als wir diese zuletzt erhoben haben. Bei früheren Umfragen im Umland haben sich lediglich 20 Prozent der Leute vorstellen können, in Hanau einkaufen zu gehen, mittlerweile sind es 70 Prozent. Der Stadtumbau hat also belegbar seine positive Wirkung gehabt. Normalerweise hätten wir die Zahlen inzwischen fortgeschrieben, das ist aber wegen Corona bisher nicht geschehen. Gleichzeitig läuft aber der grundsätzliche Trend massiv gegen den stationären Einzelhandel. Deswegen ist es natürlich trotzdem so, dass ganz viele Einzelhändler brutal ringen und wir erhebliche Probleme haben.
Sie sprechen Corona an. Die Krise macht es dem stationären Handel schwerer, als er es ohnehin schon hatte. Was kann die Stadt dagegen unternehmen?
Corona ist ein Katalysator. Die Grundtrends, die wir im Einzelhandel – und auch in der Gastronomie – haben, werden durch Corona beschleunigt. Wenn wir die Covid-19-Pandemie irgendwann im Griff haben, werden wir eine drastisch veränderte Einzelhandels- und Gastronomielandschaft haben. Man sieht jetzt schon, dass der eine oder andere wirtschaftlich nicht überlebt hat oder demnächst wird schließen müssen. Aber Corona hat auch umgekehrt ein Stück den künftigen Weg aufgezeigt. Als Beispiel: Die Unternehmen im Einzelhandel, die digital schon gut aufgestellt sind, sind ein Stück besser aus der Krise herausgekommen als die anderen. Weil sie besser mit ihren Stammkunden kommunizieren und anders Angebote machen können als diejenigen, die sich diesem Weg nach wie vor verweigern. Deswegen lautet ein Thema für uns: Wir müssen die Digitalisierung des Handels vorantreiben.
Wie verändert sich der Handel noch?
Bundesweit verstärkt sich der Trend, dass sich auch große Marken und Filialisten aus den Städten zurückziehen. Dieser Trend ist deutlich erkennbar, sodass wir uns noch stärker der Frage stellen, wie wir künftig Leerstand füllen? Wir werden verstärkt an solchen Konzepten arbeiten müssen, wie wir es gerade mit dem Pop-up-Store machen. Wir brauchen Persönlichkeiten mit interessanten Konzepten. Diese müssen maximal modern und zukunftsfähig sein, zudem digital umsetzbar und künftig auch ökologisch sein. Ein bisschen wie der Wochenmarkt im Kleinformat, der auch vor allem deshalb funktioniert, weil die Leute dort nicht nur einfach eine Ware kaufen, sondern erleben möchten. Da geht der Weg hin. Die Aufgabe der Stadt und der Hanau Marketing GmbH liegt gemeinsam mit Immobilien-Eigentümern darin, solchen Konzepten eine Chance zu geben.
Mit der Satzung zum städtischen Vorkaufsrecht bei Problemimmobilien haben Sie dem achten Ein-Euro- oder Barbierladen den Kampf angesagt. Wie sind die ersten Erfahrungen mit der Satzung?
Allein durch den Beschluss nehmen Eigentümer und Makler umgehend Kontakt mit uns auf, wenn sie in der Abwicklung einer Immobilie stehen. Im Markt wird das einerseits als Störung wahrgenommen, andrerseits aber auch als Interesse der Stadt an Immobilien. Wir haben uns seither mit rund 20 Immobilien beschäftigt, die uns angeboten wurden. Bei einer haben wir das Vorkaufsrecht ausgeübt und sind vor Gericht streitig. Bei einer zweiten Immobilie wird das Vorkaufsrecht demnächst ausgeübt.
Wenn wir aus dem Corona-Tief raus sind, gehen wir wieder mit Schmackes an diese Aufgabe. Das heißt, wir werden zeitnah private Partner aus der Region ansprechen, die uns bei diesem Vorhaben unterstützen könnten.
Wen haben Sie da im Sinn?
Das sind die berühmten ‘Local Heroes’. Die Idee dahinter ist, ein Netzwerk aufzubauen von Menschen, die Kapital geben möchten. Das kann der Zahnarzt von nebenan sein, der 500 000 Euro statt in einen Fonds nach Irland in den geplanten Hanau-Fonds legt. Das können auch Architekten, Immobilienmenschen oder Anwälte sein, die mit der Branche zu tun haben, sowie professionelle Projektentwickler. Diese Menschen verbindet eine gemeinsame Idee: die einer guten Innenstadt. Dabei haben sie nicht nur Rendite im Blick. Und sie einigt auch ein Stück Lokalpatriotismus. So eine Crew ins Leben zu rufen, die uns unterstützt, mit einer Gesellschaft mit entsprechender rechtlicher Struktur, mit Kapital und Know-how, das ist das, woran wir gerade arbeiten. Alleine als Stadt ist ein solches Vorhaben nicht realisierbar. Unser ambitioniertes Ziel ist es, das Ganze dieses Jahr noch zu starten. Die Zeit drängt.
Eins ist beim Stadtumbau definitiv schief gelaufen: die Wahl des Pflasters. Die hellen Betonsteine verschmutzen schnell, Fugen tun sich auf. In der Fahrstraße musste die Fahrbahn erneuert werden, auf den Kosten bleibt die Stadt sitzen. Auch auf der Südseite des Freiheitsplatzes mussten Risse, Abbrüche und Löcher notdürftig geschlossen werden. Hier läuft ein Rechtsstreit. Wie sehr wurmt Sie das alles?
Ganz bestimmt wurmt es mich und jeden, also auch die Kollegen aus dem technischen Beritt, die damals in der Verantwortung waren. Das, was technisch und haftungsrechtlich versprochen wurde, ist nicht gehalten worden. Das ist ärgerlich und schade, weil die Grundidee eines hellen Pflasters gut war und hier leider verbockt wurde. Aber was mich freut: Kritik an den damals hoch umstrittenen Busschirmen habe ich schon lange nicht mehr gehört. Diese Entscheidung war absolut richtig. Da bin ich mit mir im Reinen.
Wie geht’s weiter mit dem Pflaster?
Es wird ein- bis zweimal im Jahr aufwendig gereinigt. Wenn es regnet, sind die Verschmutzungen kein Problem, aber in solch heißen Sommern wie auch diesem sieht es leider anders aus.
Erst die Innenstadt, dann die Stadtteile, lautete stets das Credo. Bisher ist nur der Rochusplatz neu gemacht worden. War es das schon?
Es gab und gibt da das grundsätzliche Missverständnis, wonach nur in der Innenstadt gebaut werde und in den Stadtteilen tue sich nichts. Man muss sich hier lösen von der Vorstellung, dass man die Stadtteile als kleine Städte denkt, die alle Funktionen einer Stadt im Kleinen erfüllen müssen. Man darf nicht glauben, dass eine Hauptstraße in Großauheim oder Ludwigstraße in Steinheim durch Baumaßnahmen wieder zu altem Glanz kommen könnte und wieder eine Einzelhandelslage entsteht. Das funktioniert nicht.
Wie geht es stattdessen in den Stadtteilen weiter?
Die Stadtteile wenden sich in ihren eigenen Besonderheiten und Stärken anderen Funktionen zu. Wenn ich an Großauheim denke, was für ein Schub reinkommt, auch für die Vereine, durch die gigantische Wohnbebauung, die entstanden ist und die durch das Bautz-Gelände noch entstehen wird. Davon profitiert ein Stadtteil, und am Ende auch der Handel und die Gastronomie vor Ort. Die Neugestaltung des Rochusplatzes rettet aber auf keinen Fall die Hauptstraße, das ist leider so. In Steinheim ist es gelungen, das jahrelange Schandmal des Möbel Erbe zu beseitigen, in Klein-Auheim ist das Radwerk entstanden. Eine Dublette des Innenstadtumbaus wird es dort aber nicht geben. Allerdings werden wir wie angekündigt die Vorkaufsrechtssatzung auch auf die zentralen Lagen in den Stadtteilen ausdehnen.
Wenn der Stadtumbau abgeschlossen ist: Was sind die Herausforderungen der Zukunft für eine Stadt wie Hanau?
Die Herausforderung der nächsten zehn oder 20 Jahre werden Themen sein wie Klimawandel und digitale Stadt. Wir müssen bezahlbaren Wohnraum in der Breite organisieren, die Verkehrswende behutsam, aber konsequent voranbringen, und im Blick behalten, dass die Stadt lebenswerter wird. Gesellschaftlich haben wir den 19. Februar 2020 zu verarbeiten. Stadt ist nur zum Teil das, was man baut. Eine Stadt sind auch und vor allem die Menschen, die dort leben. Da war der 19. Februar eine Zäsur. An uns ist es hier, die Stadt zusammenzuhalten, da haben wir richtig viel zu tun.

Das Gespräch führte Christian Dauber.

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