Jens Arndt ist enttäuscht: Der Café-Betrieb muss ruhen, aber Hilfen bekommt er keine.
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Jens Arndt ist enttäuscht: Der Café-Betrieb muss ruhen, aber Hilfen bekommt er keine.

Corona-Pandemie

„Dann mache ich einfach wieder auf“: Cafés sollen bei neuen Corona-Finanzhilfen offenbar nicht bedacht werden

  • Christian Dauber
    vonChristian Dauber
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Während Lokalbesitzer neue finanzielle Hilfen bekommen, sollen Konditoreien und Cafés offenbar leer ausgehen – weil sie als „Mischbetrieb“ gelten.

Hanau – Jens Arndt ist enttäuscht. Seit 2. November darf niemand mehr im lauschigen Gastraum des Café Schien Platz nehmen. Vom „Lockdown light“ (ein Begriff, den Arndt schrecklich findet) ist der Konditor genauso betroffen wie die Gastronomie. Doch unglaublich, aber wahr: Während Lokalbesitzer neue finanzielle Hilfen bekommen, sollen Konditoreien und Cafés offenbar leer ausgehen – entgegen den öffentlich verkündeten, vollmundigen Zusagen der Bundesregierung, allen voran Kanzlerin Angela Merkel.

Darüber ist Arndt vor wenigen Tagen wie die anderen 3250 Betriebe seiner Branche mit 71 000 Beschäftigten im Land vom Deutschen Konditorenbund informiert worden. Von Ungerechtigkeit ist in dem Schreiben, das dem Hanauer Anzeiger vorliegt, die Rede. Dem schließt sich der 65-Jährige an. „Ich will nicht klagen oder jammern, ich will darüber aufklären, dass uns Berlin im Stich lässt“, sagt er beim Besuch unserer Redaktion im traditionsreichen Café am Westbahnhof. Deswegen habe er sich an den HANAUER gewendet.

Während Arndts Frau Heidi im vorderen, weiter geöffneten Ladenbereich von der Theke aus Kunden bedient, nehmen wir im verlassenen Café-Bereich Platz. Die Polstergarnituren, wo sonst etwa die legendäre Brüder-Grimm-Torte verputzt wird: alle verwaist. Trennwände zwischen den Tischen zeugen noch vom Betrieb der vergangenen Wochen. „Hier hat sich in der ganzen Zeit niemand angesteckt“, ist Arndt wichtig zu betonen. Die Besucher seien lückenlos erfasst worden. Das Gesundheitsamt habe sich kein einziges Mal gemeldet.

Arndt wurde mehrmals ohne Beanstandung in Bezug auf die Auflagen geprüft

Er habe, wie auch Restaurantbesitzer und Kneipiers, ein Hygienekonzept entworfen und viel Aufwand betrieben, um alle Auflagen zu erfüllen, betont der Konditormeister. Mit Erfolg: Dreimal sei das Café überprüft worden, stets sei das Ergebnis gewesen: alles vorbildlich. „Wir nehmen Corona sehr ernst“, sagt er. Das Personal sei entsprechend geschult worden. Wer ohne Maske den Laden betrete, dem werde eine angeboten. Und wer diese nicht aufziehen wolle – das komme ab und an vor – der werde aus dem Geschäft geworfen. Außerdem habe man alles ständig desinfiziert und Geräte für die Kunden aufgestellt. Die Klimaanlage wurde zur Lüftung genutzt. Wie auch viele Gastronomen empfindet er die Schließung als unangebracht. Bestätigt fühlt er sich von den trotz Schließungen weiter sehr hohen Corona-Zahlen in Hanau und generell. „Daran sieht man doch, dass nicht die Gastronomie Schuld ist.“

Mit viel Mühe habe er sich durch die vergangenen Monate gekämpft, durch Kurzarbeit zwölf Mitarbeiter halten können. Jetzt liege der Café-Betrieb zum zweiten Mal brach, ausgerechnet im sonst besten Monat November, und als Krönung dürfe er nicht einmal die versprochene Finanzspritze erwarten. Gastronomen hingegen erhalten laut Ankündigung 75 Prozent ihres Ladenumsatzes als Zuschuss. Den Außer-Haus-Verkauf dürfen diese unbegrenzt fortführen, er schmälert die Hilfe nicht.

Konditoreien sollen als Mischbetrieb eingeordnet werden

Die Crux für Arndt, der drei Fünftel seines Umsatzes mit dem Café-Betrieb macht: Konditoreien und Cafés sollen laut Konditorenbund „als Mischbetrieb eingeordnet werden, für die eine Sonderregelung gefunden werden soll, deren Ausgestaltung aber noch völlig unklar ist“. Die geplante Unterscheidung kann Arndt nicht nachvollziehen. Er ärgert sich: Sein Café sei doch auch ein Gastronomiebetrieb, was sonst. Außerdem seien Mischbetriebe in den geltenden Corona-Verordnungen nicht erfasst. „Also können wir ja morgen wieder aufmachen“, sagt Arndt mit ironischem Unterton. So weit wolle er nicht gehen, aber es zeige, wie unverständlich die Differenzierung sei. „Man merkt einfach, dass man eine Randgruppe ist und nichts zu melden hat.“ Für Arndt ist die Unterscheidung „einer von diesen Tricks, um nicht zahlen zu müssen“.

Es ist nicht das erste Mal, dass Arndt sich angeschmiert fühlt: Bei den Überbrückungshilfen für den ersten Lockdown von Mitte März bis Mitte Mai ging er ebenso leer aus. Denn zur Berechnung seien nur die Monate April und Mai herangezogen worden. Mindestens 60 Prozent Minus habe man in diesem Zeitraum erleiden müssen. Bei Arndt waren es „nur“ 57 Prozent. „Die zwei Wochen Totalausfall im März wurden ignoriert. Und der Mai noch mit hineingerechnet, wo wir wieder öffnen durften.“ Seltsame Kriterien seien das, sagt er und schüttelt den Kopf. Zumindest die Soforthilfen am Anfang der Krise habe er erhalten. Aber auch diese hätten einen faden Beigeschmack: Schließlich könne sich im Nachhinein herausstellen, dass ihm die Mittel gar nicht zugestanden hätten – und er diese womöglich noch zurückzahlen müsse.

Arndt erinnert sich an andere Krisen, die das Café bereits überstanden hat

Mittlerweile fühle er sich wie ein Unteroffizier, der Druck von oben und von unten bekomme: von oben sei es der Staat, der ihn in die Mangel nehme, von unten die Kunden, die die Regelungen teilweise nicht verstehen könnten. Für Arndt passt dieser Vergleich gut, schließlich ist er nicht nur für seine Torten, sondern auch als Militärhistoriker bekannt.

Deswegen und aus der eigenen Familiengeschichte heraus weiß er genau, welche Wirren das Café Schien schon überstanden hat, beispielsweise die komplette Zerstörung der Filiale in der Nürnberger Straße am 19. März 1945. „Es gab Schlimmeres“, ordnet Arndt die aktuelle Krise ein. Deswegen werde er sie auch überstehen, sagt er. Glücklicherweise habe er keine Schulden. Eine Folge von Corona sei für ihn dennoch relativ klar: „Ich wollte kommendes Jahr eigentlich in Ruhestand gehen und das Café an einen Nachfolger übergeben. Wenn sich das länger zieht, muss ich wohl weiter arbeiten.“

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