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Schülerinnen der Lindenauschule interviewen Arbeitsmigranten

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Von: Jutta Degen-Peters

Für ihr Projekt interviewten die Lindenauschülerinnnen Serena Grimaldi, Emily Riebel und Pehchan Kapoor sogenannte Arbeitsmigranten, die in den 60er Jahren nach Deutschland kamen.
Für ihr Projekt interviewten die Lindenauschülerinnnen Serena Grimaldi, Emily Riebel und Pehchan Kapoor sogenannte Arbeitsmigranten, die in den 60er Jahren nach Deutschland kamen. © Privat

Was ist typisch spanisch, was italienisch oder deutsch? „Wir Italiener und auch die Spanier reden gerne viel und laut“, sagt Serena Grimaldi. Darüber hinaus aber ist sich die 17-Jährige mit ihren Mitschülerinnen Emily Riebel und Pehchan Kapoor einig, dass die Grenzen fließend sind. Diese Erfahrungen haben sie nicht nur im eigenen Umfeld gemacht, sondern auch bei ihrem Projekt an der Lindenauschule.

Hanau - Dort haben sie über einen Zeitraum von zwei Jahren Interviews mit Arbeitsmigranten geführt. „Wir wollten wissen, welche Erfahrungen sie in Deutschland gemacht haben, als sie Anfang der 60er Jahre hier angekommen sind“, erklären die drei Schülerinnen den Hintergrund des Projekts, bei dem sie von ihrem Geschichtslehrer Sebastian Saliger begleitet wurden.

Die Interviews und die darauf basierenden filmischen und schriftlichen Aufzeichnungen sind Teil einer Ausstellung, die im Museum Großauheim gezeigt werden soll, sobald die Corona-Beschränkungen gelockert sind.

„Hauptsache ist die Einstellung eines Menschen“

Im Gespräch mit unserer Zeitung berichten die drei jungen Frauen, wie spannend das Projekt für sie war und wie intensiv sie sich in der Folge mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt haben. Die 18-jährige Emily aus Klasse 12, deren Familie aus Glauchau nach Hanau kam, als Emily ein Jahr alt war, kannte bis zu der Unterrichtseinheit keine Schilderungen über die Anfangsjahre früher Arbeitsmigranten in Hanau. „Das muss man mal gehört haben“, ist sie froh, dass sie Teil des Projektes war. „Ich glaube, dass die Welt nie 100-prozentig gerecht sein wird“, ist sie sicher. Trotzdem müsse man sich immer um Toleranz bemühen.

Ihr selbst seien Herkunft oder sexuelle Orientierung schon immer egal gewesen, „Hauptsache ist die Einstellung eines Menschen“. Und da findet sie, dass sich einiges ändern müsse. Viele akzeptierten zwar die Vielfalt in der Gesellschaft, doch eine kleine Minderheit greife andere verbal oder gar tätlich an und die sei laut.

Dumme Sprüche gehören zum Alltag

Solche Angriffe haben sowohl Serena, die in Hanau geboren ist und italienische Wurzeln hat, als auch die 17-jährige Pehchan mit indischem Hintergrund schon selbst erlebt. Pehchan berichtet von dummen Sprüchen im Restaurant der Eltern, wo ihre Schwester (als gebürtige Hanauerin) gefragt worden sei, ob sie überhaupt Deutsch könne. Serena spricht von Beleidigungen wie der Aufforderung „geh’ zurück in dein Land“.

Doch für alle drei, die sich in Deutschland zu Hause fühlen, haben die Geschichten der Arbeitsmigrantinnen und -migranten eine andere Dimension. Bei den Interviews haben sie erfahren, wie ausgegrenzt die „Gastarbeiter“ – im Falle von Großauheim überwiegend Spanier und Italiener, die bei BBC angeworben wurden – damals gewesen seien. Ohne Sprachkenntnisse in einem fremden Land seien sie isoliert und für Jahre in Baracken untergebracht gewesen.

Zuwanderern wurde das Leben schwer gemacht

Serena wusste über diese Zeit schon einiges aus der eigenen Familie. Ihre Großmutter kam als 15-Jährige mit der älteren Cousine nach Hanau, um auf deren Kind aufzupassen. „Es war früher üblich, dass die jungen Mädchen ihre älteren Verwandten als Kinderbetreuung begleiten mussten“, sagt sie. Später habe die Großmutter erst als Putzhilfe, dann in einer Pizzeria gearbeitet und dort ihren Mann kennengelernt. Auch die Großeltern von Pehchan kamen der Arbeit wegen aus Indien nach Hanau. Pehchans Eltern führen ein Restaurant in Großauheim.

Durch die Interviews haben die Schülerinnen und Schüler gelernt, wie schwer vielen frühen Zuwanderern das Leben in der deutschen Gesellschaft gemacht wurde, besonders den Frauen: „Meine Oma wurde damals richtig kleingemacht. Das Putzen hat ihr nicht wirklich geholfen, die Sprache zu lernen“, sagt Serena. Das sei heute anders, weil die Frauen Hilfen bekämen. „Die Menschen sind hier angekommen“, glaubt sie.

Deutschland „kalt und dunkel“ wahrgenommen

Gefunden wurden die Gesprächspartner durch einen Aufruf an der Schule, erklärt Lehrer Saliger, darunter Mitglieder von Schülerfamilien, aber auch Interessierte aus dem Stadtteil. „Wir hatten das Gefühl, dass die älteren Leute sich gefreut haben, ihre Geschichte zu erzählen“, erinnern sich Emily und Pehchan. Viele hätten sogar alte Fotos mitgebracht, was das Erzählte für die Schüler anschaulicher machte.

„Bei ihrer Ankunft empfanden viele Deutschland als kalt und dunkel“, nimmt Pehchan als Erfahrung aus dem Interview-Projekt mit. Doch inzwischen sprächen viele davon, dass sie nicht mehr nur eine Heimat hätten, sondern zwei. Einer der italienischen Interview-Partner, ein Rentner aus Neuberg, habe von seinen Urlauben in der „alten Heimat erzählt“. Zurück in Neuberg habe er sich in seiner Wohnung in den Sessel fallen lassen mit den Worten: „Endlich zu Hause!“

Mit ihrem Interview-Projekt wollen die Schülerinnen einen Beitrag zur Aufklärung leisten. Sie selbst hätten durch die Gespräche viel gelernt. „Das Miteinander ist heute besser als früher. Aber man kann nie genug an dem Thema arbeiten“, betont Pehchan. „Vorurteile kann man vermutlich nie ganz auslöschen. Darum ist es so wichtig, immer dagegenzuhalten“, pflichtet ihr Emily bei. Und Serena betont, wie schön es ist, dass Grenzen mit der Zeit verschwimmen und man sich aus verschiedenen Kulturen das Beste heraussuchen könne. „Eine der Interviewten, eine ältere Spanierin, liebt heute Sauerkraut. Und das mochte sie am Anfang überhaupt nicht“, sagt sie und lacht.

Von Jutta Degen-Peters

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