Handschnellen bleiben für längere Zeit die Begleiter von Alexander U. Er wurde für versuchten Mord und schwere Brandstiftung verurteilt. Es ist der vorzeitige Tiefpunkt eines außergewöhnlichen Lebensweges.
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Handschnellen bleiben für längere Zeit die Begleiter von Alexander U. Er wurde für versuchten Mord und schwere Brandstiftung verurteilt. Es ist der vorzeitige Tiefpunkt eines außergewöhnlichen Lebensweges.

Aus dem Gericht

Brand an der Wilhelmsbrücke: Angeklagter wegen versuchten Mordes zu sechs Jahren Haft verurteilt

  • Michael Bellack
    vonMichael Bellack
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Alexander U. ist am Tiefpunkt angelangt. Das erklärt Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel bei der Urteilsverkündung gleich mehrfach. U., einst laut eigener Aussage ein erfolgreicher Geschäftsmann und ein gefragtes Model in Thailand, wandert ganz ohne Glamour ins Gefängnis.

Hanau - Sechs Jahre Haft lautet das Urteil der Schwurgerichtskammer. U. wird des versuchten Mordes in zwei Fällen in Tateinheit mit schwerer Brandstiftung und versuchter besonders schwerer Brandstiftung schuldig gesprochen. Es ist ein Indizienprozess, erklärt Wetzel, und die Indizien sprechen gegen den Angeklagten. Die Kammer sieht es als bewiesen an, dass U. am Abend des 6. Januar 2020 in einem Wohnhaus an der Hanauer Wilhelmstraße im vierten Stock mithilfe eines Bretts und einer Tüte Hausmüll einen Brand gelegt hat. Wohlwissend, dass sich in der Wohnung zwei Menschen aufhielten.

Zwei Menschen, bei denen U. zuvor wenige Tage übernachtet hatte, mit denen er heftigen Streit hatte. Es ging um Geld, einen Laptop, möglicherweise Diebstahl. Genau weiß man das nicht, es spielt letztlich auch keine Rolle. Die Streitigkeiten, die durch Chatverläufe, Anrufe, Sprachnachrichten und Videos gleich mehrfach belegt sind, wertet das Gericht als Motiv.

Verteidiger hatte Freispruch gefordert

„Er hatte die Zeit, die Gelegenheit und das Motiv, den Brand zu legen“, sagt Wetzel. Videoaufnahmen einer Tankstelle des Tatorts belegen, dass U. dort kurz nach dem Brand Benzin in eine PET-Flasche abgefüllt hat. Womöglich, um das Feuer weiter anzufachen. Zum Einsatz kommt das Benzin nicht. Als U. Polizei und Feuerwehr am Tatort sieht, versteckt er die Flasche in einem Gebüsch. Doch ein sichtlich alkoholisierter Mann, der Benzin in eine PET-Flasche füllt, obwohl er kein Fahrzeug besitzt, und das nur wenige Hundert Meter vom Brandort entfernt, der macht nicht gerade einen unschuldigen Eindruck.

Die von Verteidiger Clemens Brendel vorgetragene Erklärung, sein Mandant wollte mit dem Benzin einen in der Nähe mit Schlüssel im Zündschloss abgestellten Roller zum Fahren bringen, bezeichnet Wetzel als „Fantasie-Geschichte“. Brendel hatte in seinem Plädoyer einen Freispruch gefordert.

Es spricht wirklich nicht viel für U., mehrmals wird er von Überwachungskameras in der Nähe des Tatorts aufgenommen. Auf seiner Jacke werden Brandspuren gefunden. Die Zeiten, die Abläufe, die Entfernungen – sie alle ergeben ein aus Sicht der Kammer schlüssiges Gesamtbild.

Auf diese Indizien stützt sich das Urteil. Auch weil es kaum belastbare Zeugenaussagen gibt. Die geladenen Zeugen, darunter die Männer in der Wohnung, vor der der Brand gelegt wurde, liefern im Laufe des Prozesses filmreife Auftritte ab, die auch bei Wetzel einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. „Die Zeugen sind mit Vorsicht zu genießen“, erklärt sie. Und das ist noch eine Untertreibung.

Maßregelvollzug + Therapie = Bewährung nach drei Jahren?

Für den Angeklagten U. endet jetzt sein tiefer Fall mit einem harten Aufprall. Sein außergewöhnlicher Lebenslauf spielt auch bei der Urteilsfindung eine wichtige Rolle, er führt zu letztlich mildernden Umständen. „Das war kein einfacher Lebensweg mit vielen Brüchen. Oft waren die nicht selbst zu verantworten“, sagt Wetzel. Die Mutter stirbt früh, das Ferienressort seines Vaters fällt dem Tsunami im Jahr 2004 zum Opfer.

In Thailand hat der gebürtige Niederländer anfangs beruflichen und privaten Erfolg. Vorerst. Doch dann gerät sein Unternehmen in Schieflage. Er versäumt, sein Visum zu verlängern, und landet in Abschiebehaft. Sechs Monate im thailändischen Gefängnis setzen im körperlich und seelisch hart zu. Depressionen sind die Folge. Er verliert den letzten familiären Kontakt zu seinen Schwestern.

Er landet schließlich in Hanau, ist obdach- und mittellos. Seine Lage frustriert ihn, macht ihn wütend. Er offenbart immer öfter eine andere, eine gefährliche Seite. Alkohol spielt eine immer größere Rolle in seinem Leben. Bis seine Frustration und seine Wut am 6. Januar 2020 darin gipfeln, dass er Feuer vor der Wohnung seiner ehemaligen Freunde legt.

Eine Perspektive zeigt Wetzel U. dennoch auf. Wenn er sich in den Maßregelvollzug begibt, eine zweijährige Therapie macht, könnte er das Gefängnis nach drei Jahren auf Bewährung wieder verlassen. Es wäre der erste Schritt nach oben – weiter runter geht es nicht. (Von Michael Bellack)

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