Anklage: Newroz Duman von der Initiative 19. Februar kritisiert das bisherige Verhalten der Ermittlungsbehörden im Umgang mit dem Vater des Attentäters scharf.
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Anklage: Newroz Duman von der Initiative 19. Februar kritisiert das bisherige Verhalten der Ermittlungsbehörden im Umgang mit dem Vater des Attentäters scharf.

Die Angst geht um in Kesselstadt

Hanau: Angehörige der Opfer des 19. Februar warnen bei Mahnwache vor Attentäter-Vater

  • Yvonne Backhaus-Arnold
    vonYvonne Backhaus-Arnold
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  • David Scheck
    David Scheck
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Es sollte eine Mahnwache werden, am Ende wurde es eine Konfrontation. Die Initiative 19. Februar hatte für Dienstag (29.12.2020) dazu aufgerufen, sich zu versammeln. Der Ort des Treffens: die Ecke Kantstraße/Helmholtzstraße.

Hanau – Unter optischen Aspekten eine gewöhnliche Straßenecke. Irgendwo in Kesselstadt, wie sie überall sein könnte. Was den Ort so ungewöhnlich macht: Der Vater des Attentäters vom 19. Februar dieses Jahres, bei dem insgesamt zehn Menschen ermordet wurden, wohnt nur wenige Meter entfernt. Der Vater ist auch der Anlass für die angemeldete Mahnwache.

Der 73-Jährige soll wie berichtet in den zurückliegenden Monaten unter anderem mehrere Anzeigen rassistischen Inhalts gestellt haben. Darüber hinaus soll er gefordert haben, dass ihm die Tatwaffen ausgehändigt und dass die Gedenktafeln für die neun Opfer des Anschlages mit Migrationshintergrund entfernt werden. Anhaltspunkte für eine Verwicklung in die Tat seines Sohnes fanden sich laut Bundesanwaltschaft nicht.

Anschlag in Hanau: 50 Anwohner versammeln sich zur Mahnwache

Spätestens seitdem dies alles Mitte Dezember öffentlich bekannt wurde und sich zudem ein Bild abzeichnet, nach dem der 73-Jährige ähnliche rassistische Verschwörungstheorien vertritt wie sein Sohn, haben die Anwohner Angst. Rund 50 versammeln sich an der Straßenecke, darunter Angehörige der Mordopfer und Überlebende des Anschlags. Sie halten Schilder in die Höhe mit Aufschriften wie „Rassisten entwaffnen“ und „Wann werden die Behörden endlich aktiv?“

Schon einige Zeit, bevor die Kundgebung beginnt, sind Landespolizei und Stadtpolizei präsent. Einerseits, um den Verkehr umzuleiten, andererseits, um eventuelle Zusammenstöße zu verhindern. Die Vielzahl an Kamerateams, die nach und nach an den Versammlungsort kommen, weckt Erinnerungen an die düsteren Tage nach dem 19. Februar, als Hanau für kurze Zeit im Fokus der internationalen Medienwelt stand.

Mahnwache zu Anschlag in Hanau: Emotionale Reden von Angehörigen

Ein Mikrofon ist aufgebaut, nach und nach treten einige der Teilnehmer vor und sprechen zu den Versammelten. Was sich in ihren Ansprachen äußert, ist eine hochemotionale Mischung aus Wut, der nach wie vor vorhandenen Trauer sowie aus Angst. Angst, weil sie den Attentäter-Vater für eine tickende Zeitbombe halten, unberechenbar, und – zumindest potenziell – gefährlich für seine Mitmenschen. Besonders für sie, die sie in überwiegender Mehrheit einen Migrationshintergrund haben.

Sieht die Behörden am Zug: Hagen Kopp von der Initiative 19. Februar hat eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Polizei eingereicht.

Wut, weil sie nicht nachvollziehen können, warum der Mann, der offenbar die Ansichten seines Sohnes teilt und der in Schreiben geäußert haben soll, die Wiederherstellung seiner Grundrechte werde „mehrere Menschenleben erfordern“, scheinbar unbehelligt von Polizei und Ermittlungsbehörden in unmittelbarer Nachbarschaft zu einigen Opferfamilien wohnen darf. Man wolle nicht abwarten, bis wieder ein solcher rassistischer Anschlag Hanau erschüttere wie am 19. Februar.

Hanau: Initiative 19. Februar reicht Beschwerde bei der Polizei ein

Die mögliche Bedrohung, die vom 73-Jährigen ausgeht, ist auch Kern der Begründung einer Dienstaufsichtsbeschwerde, die Hagen Kopp von der Initiative 19. Februar über ein Frankfurter Anwaltsbüro gegen namentlich nicht bekannte Kriminalbeamte beim Polizeipräsidium Südosthessen eingereicht hat. Inhalt des mehrseitigen Schreibens: Kopp – und auch die Hinterbliebenen, wie es in den Reden deutlich wird – halten es für ein Versäumnis, dass die Angehörigen der Mordopfer vonseiten der Polizei keine Gefährdetenansprache erhalten hätten, sprich niemand sie vor dem Attentäter-Vater gewarnt habe, nachdem dieser in sein Haus zurückgekehrt war.

Diese Dienstpflichtverletzung wiege zudem besonders schwer, weil die Hinterbliebenen stattdessen eine Gefährderansprache erhalten hätten – sie also ermahnt wurden, sich von dem Rentner fernzuhalten. Ein Pressesprecher der Polizei bestätigte gestern vor Ort den Eingang der Dienstaufsichtsbeschwerde. Der Sachverhalt werde geprüft, heißt es.

Überlebender des Anschlags von Hanau stellt klare Forderung

Nach einiger Zeit, während vorne an der Straße noch über das Mikrofon gesprochen wird, kommt Unruhe in die Menge – und Bewegung. Nur wenige Schritte entfernt wird der Anlass für die Mahnwache, der Vater des Attentäters, gesichtet. Er hat das Haus mit seinem Schäferhund verlassen. Doch weit kommt er nicht. Polizeibeamte reden eindringlich auf ihn ein, umzukehren.

Es mag erstaunlich klingen, aber trotz dieser emotionalen Konfrontation kommt es nicht zur Eskalation. Die Teilnehmer, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite positioniert haben, bedrohen den 73-Jährigen nicht. Es sei auch nicht ihre Absicht, ihm Gewalt anzutun, sagt Pieter Minnemann, ein Überlebender des Anschlags vom 19. Februar. Aber dennoch ist seine Forderung klar: „Er muss raus aus Kesselstadt.“

Hanau: Nachbarin erhebt Vorwürfe gegen Vater des Attentäters

Dagmar Zumpe lässt sich von dem Medienrummel nicht einschüchtern. Sie ergreift das Wort. „Es ist gut, was ihr hier macht“, ruft sie den Familienangehörigen zu, „weiter so.“

„Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas sagen muss, als Nachbarin, als Deutsche“, sagt sie wenig später im Gespräch mit unserer Zeitung. Ihr Haus, ihr Elternhaus, in das sie nach dem Tod der Mutter 2015 mit ihrer eigenen Familie einzog, liegt vis-à-vis des Reihenhauses von dem Vater des Attentäters. Er sei schon vor dem 19. Februar immer wieder negativ aufgefallen in der Nachbarschaft, sagt Zumpe. Er habe Anwohner beschimpft, Mülltonnen umgeworfen, gepöbelt und gehetzt. Immer wieder habe er provoziert, tue dies bis heute.

Vater des Attentäters von Hanau fällt mit Verschwörungstheorien auf

Dass er nach einem zweiwöchigen Klinikaufenthalt Anfang März wieder in sein Haus zurückkehren durfte, kann Zumpe nur schwer verstehen. Der 73-Jährige habe Nachbarn immer wieder mit seinen Verschwörungstheorien belästigt. Beim Ordnungsamt legte er Beschwerde ein, weil die Nachbarn ihre Hecken nicht ordentlich geschnitten hätten. „Wir bekamen damals sogar Post vom Ordnungsamt“, sagt Zumpe und schüttelt den Kopf.

Konfrontation – Provokation: Der Vater des Attentäters vom 19. Februar kommt während der Versammlung mit seinem Schäferhund aus einem Seitenweg. Die Polizei hindert ihn daran, weiter in Richtung der Teilnehmer zu gehen.

Alle drei Stunden sei die Polizei vor Ort, fahre Streife, so Zumpe. In den ersten Tagen und Wochen nach der Rückkehr des Vaters seien die Beamten permanent vor Ort gewesen, hätten die ganze Nacht bei laufendem Motor im Streifenwagen vor dem Haus gesessen. „Wir hatten die Fenster nachts geöffnet. Es war laut. Man konnte sogar die Gespräche der Polizisten hören“, erzählt die Hanauerin. Die ständige Präsenz der Polizei empfinde sie als störend.

Hanau: Familien haben Angst vor dem Vater des Attentäters

Vor wenigen Wochen legte sich der Attentäter-Vater einen Schäferhund zu, ist mit dem Tier seither mehrmals am Tag draußen unterwegs. „Mein Elfjähriger hat Angst vor dem Mann“, sagt sie und ergänzt, „andere Familien auch“. Ihrer Meinung nach, so die Sozialarbeiterin, sei er psychisch hochgradig krank. Warum er nicht begutachtet wird, kann sie nicht verstehen.

„Ich kann die Beweggründe, die zu der Aktion geführt haben, nachvollziehen“, signalisiert Oberbürgermeister Claus Kaminsky in einer Pressemitteilung Verständnis für die Hanauer, die gestern zur Mahnwache gekommen sind. Mit ihrer Präsenz unweit des Wohnhauses, in dem der Vater des Attentäters lebt, wollen sie deutlich machen, dass sie Angst vor einem weiteren Anschlag haben.

Anschlag in Hanau: Weitere viele Fragen offen

Auch nach mehr als zehn Monaten seien viele Fragen über die Ereignisse der Schreckensnacht ungeklärt. „In der Pflicht sind nach wie vor die zuständigen Ermittlungsbehörden bei Bund und Land. Dass die Aufklärung so schleppend verläuft und so viele Fragen der Angehörigen nach wie vor offen sind, stellt ihr Vertrauen in unseren Staat auf eine harte Probe“, unterstützt der OB die Angehörigen in ihrer nachdrücklichen Forderung, die bestehenden Unklarheiten endlich auszuräumen.

Eindringliche Rede: Pieter Minnemann, Überlebender des Anschlags vom 19. Februar, sagt, dass er Angst vor dem Attentäter-Vater habe.

Jetzt lieferte die jüngste Berichterstattung des Magazins „Der Spiegel“ weiteren Anlass zur Sorge und Empörung, indem bekannt wurde, dass der Vater des Attentäters mit verschiedenen Strafanzeigen gezeigt hat, dass er das rassistische Weltbild seines Sohnes teilt. „Seine Forderungen auf die Herausgabe der Tatwaffen und auf die Freigabe der seinerzeit gesperrten Internetseite des Sohnes in Verbindung mit dem rechten Gedankengut müssen bei den zuständigen Behörden eigentlich alle Alarmglocken angehen lassen“, zeigt sich der Hanauer OB befremdet, dass die Justiz bisher keine Reaktion auf den Beitrag gezeigt hat. „Dass man das so unkommentiert im Raum stehen lässt, ist für mich nur schwer zu ertragen.“

Tägliche Mahnwache vor Haus des Attentäter-Vaters angekündigt

Auch der Oberbürgermeisterkandidat der Partei Die Linke, Jochen Dohn, kann die Angst der Angehörigen nachvollziehen, wie er es gestern in einer Mitteilung kundtut: „Es ist verstörend und alarmierend, dass auch der Vater des Attentäters Anhänger von rechtsextremen Verschwörungsmythen ist.“ Neben den immer noch offenen Fragen zum Attentat und den Hinweisen im Vorfeld sei es jetzt geboten, „den Familien und Freunden zu zeigen, dass die Äußerungen des Vaters ernst genommen und nicht verharmlost werden“, so Dohn.

Nach rund zwei Stunden endet die Mahnwache an dieser eigentlich so gewöhnlichen Straßenecke – vorerst. Denn die Initiative hat angekündigt und bereits angemeldet, dauerhaft dort präsent zu sein. Jeden Tag, nicht rund um die Uhr, sondern, so lange die Ausgangssperre gilt, von 5 bis 21 Uhr. Und so lange, bis die Behörden etwas gegen den Vater unternehmen. (Yvonne Backhaus-Arnold/David Scheck)

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