Prozessauftakt

Hanau: Andreas M. berichtet schonungslos über den mutmaßlichen Mord an seinem Adoptivvater

  • vonThorsten Becker
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Andreas M. ist angeklagt den Mord an seinem Adoptivvater begangen zu haben. Vor dem Landgericht in Hanau berichtet er schonungslos von der Tat. 

  • Am 13. Januar wird die Leiche von Andreas M.s Adoptivvater in Hanau gefunden
  • M. muss sich wegen Mordes verantworten
  • Der Angeklagte berichtet vor Gericht schonungslos über die Tat

Diese Prozess ist nichts für schwache Nerven: Andreas M. (37) berichtet dem Schwurgericht bis ins kleinste Detail, wie er am Abend des 13. Januar am Großauheimer Harzweg (Hanau) seinen Adoptivvater erwürgt, erschlagen und schließlich erstochen hat. Dabei erstaunt der Angeklagte nicht nur die Kammer unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel sowie Staatsanwältin Lisa Pohlmann. Denn beide Juristinnen bekommen auf ihre gezielten Fragen zum genauen Tatablauf von M. viele exakte Antworten, an denen kaum Zweifel bestehen. Noch dazu ist der Ton im Verhandlungssaal 215 ausgesprochen freundlich-sachlich, ähnelt einer ganz normalen Unterhaltung. 

Aber nur fast, denn die Dialoge drehen sich alle um diegrauenvolle Bluttat und das 71-jährige Opfer. Besonders verwunderlich: Schonungslos legt der Angeklagte ein umfassendes Geständnis ab und liefert dem Gericht eine noch größere Auswahl von Mordmotiven. „Ich weiß, was ich gemacht habe“, bestätigt er auch der rechtsmedizinischen Gutachterin, die nun alle am Tatort gesicherten Spuren mit den Aussagen des mutmaßlichen Mörders abgleichen kann. 

Hanau: Andreas M. scheint keine Ausflüchte für den Mord zu suchen

Warum M. so schonungslos aussagt, nichts beschönigt und keinerlei Ausflüchte sucht, bleibt sein Geheimnis. Der 37-Jährige wirkt, als sei er überzeugt davon, dass er für das Verbrechen büßen muss. Im Gefängnis, in dem er sich derzeit offenbar wohlfühlt. Zuvor ist er mehrfach obdachlos gewesen. 

Und diese Obdachlosigkeit spielt wenige Stunden vor der Tat eine wichtige Rolle. M. verlässt am Abend zuvor die Wohnung seines Adoptivvaters und verbringt die Nacht „im Wald“. Den Wohnungsschlüssel habe er mitgenommen – wohl aus Angst davor, er werde nicht mehr eingelassen. Erst am nächsten Abend kehrt er an den Harzweg 12 zurück. „Ich wollte meinen Schlafsack aus dem Keller holen“, berichtet er. Doch dort seien „die Schlösser ausgetauscht“ gewesen. Das habe in ihm die Wut aufsteigen lassen. Er fasst den Entschluss: „Ich gehe jetzt in die Wohnung und haue ihm eine rein.“ 

Als M. die Wohnung in Hanau betritt beginnt direkt der Gewaltexzess, der mit dem Mord endet

Was dann geschieht, ist ein Gewaltexzess, der für Gänsehaut sorgt: M. öffnet die Wohnungstür, der 71-Jährige habe gerade angesetzt, ihm Vorhaltungen zu machen. „Ich bin dann gleich auf ihn los.“ Mit Tritten und Schlägen habe er den Senior auf den Boden geworfen. „Dann habe ich ihn mit der rechten Hand gewürgt und ihm mit der linken den Mund zugehalten“, sagt M. der Vorsitzenden. „Ich dachte, er sei tot.“ 

Doch das stimmt nicht. „Als er plötzlich wieder aufgestanden ist, habe ich Panik gekommen.“ Der Mann, den er erschlagen und erwürgt zu haben glaubte, habe vor ihm gestanden. „Das war wie ein Dämon“, so M. mit einem Zittern in der Stimme. Zunächst habe er einen Aktenvernichter gegen seinen Adoptivvater geschleudert. „Danach habe ich ihm damit auf den Kopf geschlagen, bin in die Küche und habe die beiden Messer geholt . . .“ 

Hanau: Der wegen des Mordes angeklagte Andreas M. war der Meinung, dass das Opfer den Tod verdiene

Dort, im Backofen, liegt gerade der frische Geburtstagskuchen, den sich der 71-Jährige offenbar für den nächsten Tag selbst gebacken hat. Gnadenlos ersticht er den wehrlosen Mann und schneidet ihm die Kehle auf. Mitleid hat er offenbar nicht. Denn auf die Frage der Vorsitzenden antwortet er eiskalt: „Damals dachte ich: Er hat den Tod verdient, weil er ein Drecksack war.“ 

Bei dem Mord in Hanau waren auch Drogen im Spiel

Die detaillierten Angaben des Angeklagten sind schon außergewöhnlich, denn normalerweise wird in Schwurgerichtsverfahren versucht, das Vorgehen etwas zu „kaschieren“. Äußere Einflüsse, die sich auf die Schuldfähigkeit auswirken könnten, werden eher betont. Bei M. ist von Ausflüchten keine Spur. Er habe keinen Alkohol getrunken, wohl aber Amphetamine eingenommen um „wach zu bleiben“. Mit dem blutigen Geschehen habe das nichts zu tun: „Auf Drogen habe ich mich unter Kontrolle.“ 

Tatort Harzweg: In diesem Haus hat der 37-jährige Andreas M. im Januar seinen Adoptivvater getötet. Am Mittwoch hat er die Tat detailliert gestanden.

Selbst auf die Nachfrage des Gerichts, ob er denn eine Drogentherapie für sinnvoll halte, verblüfft er alle im Schwurgerichtssaal: „Wenn ich ins Gefängnis komme und frühestens nach 15 Jahren wieder raus – was will ich dann in einem Entzug.“ Seine Überzeugung: „Ich habe mein Leben in den Sand gesetzt – ohne Drogen wäre das auch passiert.“ 

Vor dem Mord in Hanau: Drogen haben das Leben des Angeklagten aus dem Ruder laufen lassen

Dass Drogen sein Leben aus dem Gleichgewicht gebracht haben, bestätigt seine Ex-Lebensgefährtin, mit der er ein Kind hat. Als er die Tochter mit zu einem Dealer genommen habe, sei die Beziehung beendet gewesen. Sie berichtet von Beleidigungen, Bedrohungen sowie Schlägen und Angriffen auf ihre Freunde. „Er hat sich sein Leben selbst versaut.“ Beeindruckend ist die Aussage seiner zwölf Jahre älteren Schwester, die ihn immer unterstützt und versucht habe, ihn von der Straße wegzuholen und von den Drogen abzubringen. „Er ist nicht der Adoptivsohn, wie es immer heißt. Er ist mein Bruder, das war er schon immer. Er ist kein Monster.“ Ihr Vater habe Andreas ständig unterstützt, ihn immer wieder in der Wohnung aufgenommen. „Ich habe die Gefahr nicht gesehen“, sagt sie in ihrer eineinhalbstündigen Vernehmung. 

Ursache für die Obdachlosigkeit ist schließlich ein, staatlich unterstütztes, Mietverhältnis in Großauheim bei einem recht alternativen Vermieter, der Kellerräume für Menschen zur Verfügung stellt, die „sonst keine Chance haben“. Allerdings habe sich M. in dem möblierten Zimmer daneben benommen, Mitbewohner bestohlen und sei „in Großauheim eine große Nummer im Amphetaminhandel“ gewesen. Im März 2019 habe der Vermieter ihm fristlos gekündigt, weil M. randaliert, mit Waffen gedroht habe und von der Polizei abgeführt wurde.

Der Fall um den Mord an dem Hanauer Senior

13. Januar: Die Polizei entdeckt am Harzweg in Großauheim die Leiche eines 71-Jährigen, der erschlagen, erwürgt und erstochen worden ist. Der 37-jährige Adoptivsohn des Opfers wird am Tatort festgenommen. Mai: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen Mordes beim Landgericht. 

16. Juni: Prozessauftakt. Andreas M. gesteht die Tötung seines Adoptivvaters. Polizisten und eine Nachbarin sagen als Zeugen aus. 

24. Juli: M. berichtet detailliert über die Tötung und mögliche Motive. Die Kammer vernimmt weitere Zeugen.

Der Prozess wird am Dienstag, 7. Juli, um 9 Uhr fortgesetzt

Rubriklistenbild: © Christian Dauber (Archiv)

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