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18-jährige Mouna Rami will Politikerin werden und die Gesellschaft verbessern

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Von: Jutta Degen-Peters

Mouna Rami setzt sich für eine Veränderung der Gesellschaft ein.
Mouna Rami setzt sich für eine Veränderung der Gesellschaft ein. © Jutta Degen-Peters

„Jedes Kind ist erst mal ein unbeschriebenes Blatt. Drum ist es so wichtig, schon von klein auf in Kindergarten und Schule Respekt, Toleranz und Offenheit zu lehren.“ Die 18-jährige Mouna Rami hält mit ihrer Kritik am Bildungssystem nicht hinter den Berg. Chancengleichheit und individuelle Förderung müssten viel besser werden. Prädikate wie „Schule ohne Rassismus“ findet sie eher kontraproduktiv: „Das kränkt mich. So was sollte doch selbstverständlich sein“, sagt die Schwester dreier Brüder, „dadurch werden wir wieder in eine Ecke gedrängt.“

Hanau – Zum Gespräch treffen wir uns im Jugendzentrum Kesselstadt, einem Ort, den Mouna vor fünf Jahren durch den Geburtstag einer Freundin kennengelernt hat. „Das hat mich an meine Kindergartenzeit im Kinderhaus Fallbach erinnert. Hier fühlt man sich auf Anhieb verstanden.“ Das JUZ sei ein „safe place“ mit liebevollen Betreuern. Orte wie diesen sollte es häufiger geben, ist die gebürtige Hanauerin überzeugt, auch in der Innenstadt. „Man braucht nicht dieselbe Kultur, um sich zu verstehen!“

Mouna Rami: „Hanau war immer wie ein ganz großer Freundeskreis“

Mounas Leben dreht sich um Hanau, so sagt sie. Geboren ist sie dort, in der Brüder-Grimm-Stadt, inzwischen lebt sie seit acht Jahren mit ihren Eltern, die vor 37 Jahren aus Marokko gekommen sind, in Hochstadt. Doch in Maintal sei sie nur zum Schlafen. In Hanau ging und geht sie zur Schule, hier geht sie aus, hier trifft sie sich mit Freunden. „Hanau war immer wie ein ganz großer Freundeskreis.“

Anders gefühlt als andere habe sie sich zum ersten mal in der Grundschule. Im Kindergarten Fallbach und in dem Hochhaus, in dem die Familie in Hanau früher lebte, sei „alles multikulti“ gewesen. Doch spätestens, als für die Einser-Schülerin der Besuch der weiterführenden Schule anstand und sie auf der Erich-Kästner-Schule nur eine Empfehlung für die Realschule bekam, sei sie irritiert gewesen. Ihre Freundin mit vergleichbarem Zeugnis sollte aufs Gymnasium kommen, sie nicht. „Das fand ich ungerecht.“

Aufs Gymnasium kam sie dennoch, ihre Mutter habe ihr mit auf den Weg gegeben: „Du musst dich jetzt beweisen und mehr geben als die anderen“, erinnert sie sich. Diese Erfahrung machten viele Kinder und Jugendliche mit Migrationserfahrung, weiß sie von Gleichaltrigen. Auf der Karl-Rehbein-Schule habe sie immer wieder erlebt, dass sie ausgegrenzt wurde, mal offen, mal subtil. Mal sei es das bunte Kleid gewesen, das sie gerne trug, mal einfach die Herkunft der Eltern. Unsicher sei sie früher gewesen, habe Angst davor gehabt, was die anderen über sie sagten.

Mit 15 habe sie sich schließlich dazu entschlossen, Kopftuch zu tragen. Mit dem Gedanken gespielt habe sie schon länger, habe aus religiösen Gründen und aus Gründen der Selbstbestimmtheit dazu gefunden. „Das war mit die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt die Schülerin, die beim Gespräch ein schickes und modisch gebundenes Tuch trägt. Denn von da an habe sie sich offensiv zur Wehr setzen müssen und können. Für sie sei das Kopftuch nicht nur Schutz, sondern auch die Möglichkeit, selbst entscheiden zu können, wie viel sie von sich zeigen wolle.

Zwar begrüßten die Eltern ihren Schritt nicht, weil sie befürchteten, sie könnte sich damit vielleicht Zukunftschancen verbauen. Aber sie unterstützen sie dennoch.

Hanau: Stadtgesellschaft im „Igelmodus“

Das Zusammenleben der Menschen in Hanau erlebte Mouna vor dem Anschlag als offener und ungezwungener als heute. „Durch den Anschlag fühlten wir uns verunsichert im Sinne von ‘Ich weiß nicht, wie ich von den anderen gesehen werde’.“

Heute erlebt sie die (Stadt-)-Gesellschaft im „Igelmodus“. Die Menschen verschiedener Gruppen wüssten nicht mehr, wie sie miteinander umgehen, wie sie miteinander sprechen sollten. „Das ist schade, es geht doch einfach nur um einen respektvollen Umgang miteinander.“

An diesem Ziel will die 18-Jährige mitarbeiten. Nach Schule und Studium – Wirtschaft und Politik – möchte sie in die Politik gehen und aktiv an der Veränderung der Gesellschaft mitwirken. „Am liebsten würde ich einmal Staatsministerin für Migration.“ Das weiß sie, seit sie die aktuelle Staatsministerin für Migration auf einer Veranstaltung erlebt hat und von ihr beeindruckt war. „So möchte ich auch mal sein.“

Im Kleinen arbeitet die Schülerin schon daran – bei der Bildungsinitiative Ferhat Unvar. Die Gespräche und Treffen dort motivierten sie enorm, hier könne sie aktiv an ihrem Thema, der Verbesserung der Bildung, mitwirken. Denn von einer solchen Verbesserung profitierten am Ende alle.

Hintergrund: Stadtteilmütter

Stadtteilmütter – ein stadtteilbezogenes Projekt des Vereins Sprungbrett – sind ehrenamtliche Elternlotsen, die durch Schulungen soziale Einrichtungen und Bildungsangebote in Hanau kennengelernt haben. Gefunden werden für diese Aufgabe geeignete Frauen mithilfe der sozialen Netzwerke. Sie werden dann zu Stadtteilmüttern ausgebildet. Diese Frauen, so heißt es auf der Homepage des Vereins, sollen die kulturelle Zusammensetzung des jeweiligen Stadtteils widerspiegeln. Sie kommen aus unterschiedlichsten Herkunftsländern und sprechen die Sprachen der Familien, die sie unterstützen. Dadurch, dass die Stadtteilmütter selbst Mütter sind, können sie ihre Kenntnisse an Familien im eigenen Umfeld weitergeben. Das Angebot richtet sich schwerpunktmäßig an Familien mit Kindern im Vorschul- und Schulalter aller in einem Stadtteil vertretenen Kulturen. Vorrangiges Ziel ist es, die Entwicklungs- und Bildungschancen von Kindern nachhaltig zu verbessern. Neben Hausbesuchen bieten die Stadtteilmütter Gespräche in öffentlichen Räumen des Stadtteils wie Stadtteilzentren, Elterncafés und in den Räumen des Vereins Sprungbrett an. Außerdem bieten sie Begleitung zu Institutionen an.

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