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Hammersbach: Prozesstag in Werkstatt / Mutmaßlichen Tatort untersucht

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Von: Thorsten Becker

Mordprozess auf dem Schrottplatz: Die Schwurgerichtskammer verschafft sich auf dem Gelände des Autohauses in Langen-Bergheim einen Überblick.
Mordprozess auf dem Schrottplatz: Die Schwurgerichtskammer verschafft sich auf dem Gelände des Autohauses in Langen-Bergheim einen Überblick. © Thorsten Becker

Der Wind pfeift am Ortsrand von Langen-Bergheim, die Autobahn 45, nur einen Steinwurf entfernt, ist nicht zu überhören. Aus dem seit elf Monaten verwaisten Werkstattgelände dringt an diesem Januarmorgen plötzlich Gebrüll. Dann hämmern Fäuste gegen einen Blechkasten. Doch der Lärm ist kaum zu hören.

Hammersbach/Maintal/Hanau – Staatsanwältin Lisa Pohlmann öffnet die Tür des Werkstattbüros. „Könnten die bitte noch einmal brüllen?“ Kurz darauf geben die beiden Justizwachtmeister, die kurz zuvor von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel einen Job als „Komparsen“ zugeteilt bekommen haben, in dem abgelegenen Stromverteilerraum ihr Bestes. Das Brüllen ist kaum zu hören, das Hämmern nur ein wenig. Diese „Tonprobe“ ist einer der zentralen Punkte dieses Ortstermins, den das Hanauer Schwurgericht anberaumt hat. Alle Beteiligten sollen den mutmaßlichen Tatort sehen können.

Laut Anklage der Staatsanwaltschaft soll der 58-jährige Kraftfahrzeugmeister Ralf H. seinen Werkstattvermieter Alojzij Z. (79) am 21. Januar 2021 im Hammersbacher Ortsteil Langen-Bergheim in einen Hinterhalt gelockt und heimtückisch getötet haben. Anschließend soll H. den Porsche Cayenne des Opfers nach Maintal-Bischofsheim gefahren und dort am Kreuzstein/Bruno-Dreßler-Straße abgestellt haben (wir berichteten). Von der Leiche des Frankfurters fehlt bislang jede Spur. H., seit elf Monaten in Untersuchungshaft, bestreitet das Verbrechen.

Angeklagter kehrt erstmals in seine Werkstatt zurück

H. kehrt nun erstmals wieder in seine ehemalige Werkstatt zurück. Er wird von der Polizei vorgeführt und während der Verhandlung bewacht. Auf den rund 4000 Quadratmetern sehen die großen Werkstatthallen so aus, als hätten die Mechaniker gerade den Hammer fallen gelassen. In den Lagern und auf dem Vorplatz sieht es ebenfalls „wild“ aus. Überall liegt Werkzeug und Gerümpel herum, darunter auch viel Schrott. Zudem ist es auch im Innern eiskalt. Doch die Juristen, die sonst im Gerichtssaal dünne schwarze Roben tragen, sind mit Winterjacken und Stiefeln gegen die drohenden Frostbeulen gewappnet. In den Büros und den von H. privat genutzten Räumen herrscht ebenfalls Chaos. Überall ist Papier verstreut.

Zum Gerichtssaal umfunktioniert: der Aushang der Schwurgerichtskammer am Eingangstor.
Zum Gerichtssaal umfunktioniert: der Aushang der Schwurgerichtskammer am Eingangstor des Werkstattgeländes in Langen-Bergheim. © Thorsten Becker

Ein Teil des Durcheinanders könnte aber auch das Werk von Einbrechern gewesen sein, vermutet Rechtsanwalt Michael Fürst, der die Ehefrau von Z. als Nebenklägerin vertritt. „Mindestens zweimal“ seien nach der Festnahme von H. und der Schließung der Werkstatt ungebetene Gäste in das Gebäude eingedrungen. Alles ist an diesem Tag etwas legerer. Selbst Nebenklage und Verteidigung, die sich im Gerichtssaal nicht gerade mögen, nähern sich an. „Passen Sie auf, bitte fallen Sie Sie nicht in die Grube“, warnt Fürst einen der Verteidiger fürsorglich vor den Gefahren in der Werkstatt.

Auch der Angeklagte, der bislang sehr schweigsam gewesen ist, unterhält sich nebenbei mit den Polizisten und anderen Prozessbeteiligten. Nichts deutet darauf hin, dass er an diesem Ort einen Menschen getötet haben soll. Allerdings gibt es weitere Hinweise auf das „Hobby“ von H., der Militärartikel gesammelt haben soll. Beispielsweise eine Eierhandgranate, die auf einem Sideboard liegt. „Ist die echt?“, will die Vorsitzende wissen, doch die Polizisten nehmen der Situation gleich die Brisanz. „Keine Bange, die ist nicht gefährlich. Das haben wir bei den Durchsuchungen gleich geprüft.“

Der Fall: Mord ohne Leiche

21. Januar 2021: Der 79-jährige Alojzij Z. ist spurlos verschwunden, nachdem er die Autowerkstatt in Hammersbach besucht hatte. Später wird sein Porsche in Maintal-Bischofsheim entdeckt – und ein blutverschmiertes Handy.

Ende Februar: Ralf H. wird unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Er soll seinen Vermieter ermordet haben.

11. November: Prozessauftakt vor dem Hanauer Schwurgericht. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen.

16. November: Die Frau von Alojzij Z. berichtet von Streitigkeiten mit Mieter Ralf H. Eine ehemalige Mitarbeiterin belastet den Angeklagten schwer.

18. November: Die Verteidigung von Ralf H. zweifelt an der Glaubwürdigkeit der Zeugen und fordert Einsicht in sämtliche Videoaufzeichnungen.

Dezember/Januar: Die Polizei liefert umfangreiches Datenmaterial nach. Zwischen Verteidigung und Gericht wird gestritten. Die Aussetzung des Verfahrens wird gefordert, vom Gericht abgelehnt.

12. Januar 2022: Die Verteidigung stellt einen Befangenheitsantrag; die Beweisaufnahme geht weiter.

25. Januar: Ortstermin in Hammersbach. Das Gericht schaut sich den mutmaßlichen Tatort an. Der Prozess wird am Freitag, 11. Februar, fortgesetzt. (thb)

Blutspuren wieder sichtbar gemacht

Nach rund eineinhalb Stunden Rundgang steht dann der kleine, abgelegene Stromverteileraum im Fokus. Die ursprüngliche weiße Zugangstür ist seltsam gefärbt. Kriminalhauptkommissar Sven Ullrich, bereits mehrfach Zeuge in dieser Verhandlung, klärt auf: „Es handelt sich um den Stoff Leukokristallviolett.“ Mit dieser Substanz haben Spezialisten des Bundeskriminalamts unsichtbare Blutspuren wieder sichtbar gemacht. Bei dem Blut soll es sich um das von Alojzij Z. handeln. Kleine, orangefarbene Pfeile zeigen an, wohin das Blut gespritzt sein soll. Weitere Pfeile gibt es im Flur zum Büro und in der Garage 1. Nach der Rekonstruktion soll H. die Leiche seines Vermieters dorthingebracht und dann mit einem Wagen an einen unbekannten Ort gebracht haben. (Von Thorsten Becker)

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