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Eingesperrt: Von seinen 44 Lebensjahren hat der Angeklagte schon viele hinter Gittern verbracht. Jetzt drohen ihm weitere Jahre Freiheitsentzug.

Ein halbes Leben hinter Gittern verbracht 

44-Jähriger kennt fast jede Justizvollzugsanstalt in Hessen von innen

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Romano R. ist 44 Jahre alt. Und er ist viel herumgekommen, um es salopp zu beschreiben. Denn er hat bereits viele Gefängnisse von innen gesehen. 

Teile seiner Jugend verbringt er in Gelnhausen, dann in „Rocky Hill“, wie die Gemeinde Rockenberg im Wetteraukreis in Fachkreisen genannt wird. Später dann lauten seine Wohnanschriften: Kassel, Dieburg, Frankfurt, Butzbach und Weiterstadt. Doch die Adressen befinden sich alle im Besitz des Landes Hessen, es sind Justizvollzugsanstalten, in denen R. – mal länger, mal kürzer – die Strafhaft abgesessen hat. Das sagt er selbst über sich: „Seit 2004 ist das so: nur noch rein und raus aus der Justizvollzugsanstalt.“ 

„Auf ihr Vorstrafenregister werden wir noch zu sprechen kommen“, kündigt Niels Höra an und merkt an, dass dies etwas Zeit in Anspruch nehmen könnte. „Sie hatten ja mit 14 Jahren den ersten Kontakt mit der Polizei. . .?“, hakte der Richter der neuen 7. Großen Strafkammer nach

Vater war nach Aussage des Sohnes Schrotthändler und Trickdieb

„Ja, das ist richtig“, sagt Romano R., der an diesem Morgen sehr ausführlich über sein Leben berichtet. Eigentlich stamme er, in Hanau geboren, aus einem „behüteten Familienhaus“, wie er selbst sagt, doch als er elf Jahre alt war, sei sein Leben aus den Fugen geraten. Die Eltern trennen sich, er lebt fortan bei seinem Vater. Dessen Berufsbezeichnung verkündet R. ohne Zurückhaltung: „Er war Schrotthändler und Trickdieb.“ 

R. hat keinen Schulabschluss, was daran liegt, dass er „nirgendwo richtig angekommen“ sei. Er ist Wanderschüler gewesen, weil sein Vater ständig dem Schrott hinterhergereist sei. „Ich war jedes Jahr an einer anderen Schule.“ Lehre? Abgebrochen. „Ich war nur am Herumstreunen“, berichtet er über seine Jugendzeit. 

Doch die Freiheit endet abrupt mit dem 18. Lebensjahr. Er „rückt“ zum ersten Mal ein. „Zweieinhalb Jahre in Rockenberg, die ich komplett abgesessen habe.“ Doch zumindest einen Vorteil gibt es: „In der Jugendhaft habe ich Lesen und Schreiben gelernt.“ Danach ein Hoffnungsschimmer: Hochzeit, Kind. „Das waren fünf gute Jahre“, sagt der Angeklagte. 

Dem Angeklagten wurden in der Vergangenheit viele Vergehen vorgeworfen

„Doch dann ist alles den Bach runtergegangen.“ Die Ehe zerbricht, R. greift zu Drogen. Genauso wie er fast alle hessischen Haftanstalten von innen kennt, hat er auch fast alle Rauschmittel durch. Der Vorsitzende dokumentiert das anhand der letzten polizeilich angeordneten Untersuchung: Haschisch, Heroin, Kokain, Speed, LSD und andere Medikamente finden sich im Blut. 

Sein Leben seit 2004 fasst R. ohne Hehl zusammen: „Diebstähle, Diebstähle, Diebstähle.“ Aktuell ist es aber mehr als das: Raub, räuberischer Diebstahl, Einbrüche, Bedrohung, Körperverletzung, Sachbeschädigung, unerlaubter Drogenbesitz – die Liste von Staatsanwalt Dr. Oliver Piechaczek ist an diesem Morgen recht lang. Vor allem im Tümpelgarten soll R. die Taten begangen haben, bei Nachbarn Geld „geholt“ haben, Schläge und Backpfeifen verteilt haben. 

Und er scheint wählerisch zu sein: Aus dem Kaufhof lässt er eine Flasche Parfüm der Marke Hugo Boss mitgehen – und verduftet, ohne zu bezahlen. Seltsam auch der letzte der neun Anklagepunkte: An der Lamboystraße bepöbelt er auf dem Gelände des muslimischen Vereins Gäste eines Freundschaftsfestes mit ausläderfeindlichen Parolen und zeigt den verbotenen Hitlergruß. Ist das noch „normal“? Am Anfang des Verfahrens offenbar nicht, denn R. wird an diesem Morgen aus der forensischen Psychiatrie in Haina vorgeführt, in die er nach der letzten Festnahme gesperrt ist. Eigentlich ist es ein Sicherungsverfahren, das gegen ihn vorliegt.  Klartext: Er soll dauerhaft eingewiesen werden. 

Angeklagter schweigt zu den Vorwürfen

Doch das Blatt scheint sich abermals gegen ihn zu wenden. Denn das vorläufige psychiatrische Gutachten, so berichtet es der Vorsitzende, hält R. keineswegs für „schuldunfähig“. So wird die Verhandlung in ein Strafverfahren umgewandelt. Das bedeutet: Ihm droht erneut eine Haftstrafe. Während R. sehr ausführlich über sein „verkorkstes Leben“ berichtet, schweigt er zu den Vorwürfen aus der Anklage: „Zu den Sachen sage ich nichts.“ 

Also beginnt vor der 7. Strafkammer die Beweisaufnahme, die einige Tage in Anspruch nehmen dürfte. Als Erste werden zwei Streifenbeamtinnen der Hanauer Polizei als Zeuginnen vernommen. Sie schildern die Vorfälle sachlich, haben aber beide die Erkenntnis: „Herr R. ist bei uns bestens bekannt.“ Die Verhandlung wird am Dienstag sowie am Mittwoch fortgesetzt. Ein Urteil könnte in der kommenden Woche erwartet werden.

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